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Das Verbraucherthema : Büchereien kämpfen um E-Books

Ausnahmeerscheinung: Das E-Book in der Stadtbücherei Bild: dpa

Rechtliche Hürden erschweren auch der Frankfurter Stadtbücherei das Verleih-Geschäft. Viele Titel großer Verlage gibt es nicht als E-Book. Und die Flatrate-Konkurrenz wächst. Das Verbraucherthema.

          Die Flatrate ist unschlagbar. Für 16 Euro im Jahr können Kunden der Frankfurter Stadtbücherei beliebig viele Bücher, Hörbücher und Filme ausleihen und darüber hinaus auch noch Englisch und andere Sprachen lernen mit einem Programm („Tell me more“), das bei der Stiftung Warentest Bestnoten bekam. Wer nach gedruckten Neuerscheinungen sucht – das geht inzwischen über das Internet –, kommt nicht bei allen Titeln ans Ziel, doch die Mehrzahl wird gefunden: Wolf Haas’ Krimi „Brennerova“ zum Beispiel, „The Circle“ von Dave Eggers, der Roman „Die Verlobungen“ von J. Courtney Sullivan oder Judith Hermanns „Aller Liebe Anfang“.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer diese und andere Bücher in elektronischer Form lesen möchte, wird bei der Stadtbücherei jedoch enttäuscht. Judith Hermann, Wolf Haas, J. Courtney Sullivan, David Nicholls, Peter Stamm – die Suche nach Titeln dieser Autoren führt ins Leere. Das hat seinen Grund im Urhebergesetz.

          Danach haben öffentliche Bibliotheken automatisch nur die Erlaubnis, Werke zu verleihen, die auf Papier oder CD veröffentlicht werden. Einen Rechtsanspruch auf Verleih beim elektronischen Format besteht jedoch nicht. Das heißt: Verlage, Autoren oder andere Rechte-Inhaber können frei entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen sie Downloads auf den Websites ihrer Bibliotheken zulassen.

          Lizenz für jedes Buch nötig

          So lässt ein für die Belletristik wichtiger Verlag, die Holtzbrinck-Gruppe (S.Fischer, Rowohlt, Knaur), die öffentlichen Bibliotheken bisher ganz außen vor, ebenso Kiepenheuer & Witsch. Sie begründen das mit der Sorge, die öffentliche E-Book-Ausleihe schade ihrem eigenen Geschäft. Ein wesentlicher Faktor dürfte dabei aber auch sein, dass die Verlagsgruppen Holtzbrinck und Random House/Bertelsmann mit Skoobe ihre eigene Flatrate betreiben.

          Das Dilemma wird deutlich, wenn man einmal den Bestand der gedruckten Bücher der Frankfurter Stadtbücherei mit dem der E-Books vergleicht. Das Verhältnis liegt bei 479.000 zu 6941.

          In der Praxis muss die Stadtbücherei Frankfurt für jedes Buch, das sie elektronisch anbieten möchte, zuvor eine Lizenz erwerben. Diese Verhandlungen übernehmen Unternehmen wie die Divibib GmbH aus Wiesbaden, die im Auftrag von knapp 2000 Bibliotheken in Deutschland arbeitet. Sie betreibt auch die Internetseite der sogenannte Onleihe der Stadtbüchereien.

          Schnelle Lösung ist gefragt

          Die Angst der Verlage hält Helga Peters, verantwortliche Bibliothekarin für elektronische Dienste bei der Frankfurter Stadtbücherei, für unbegründet. „Wir sind Multiplikatoren. Wer bei uns liest, kauft auch Bücher.“ Zu ähnlichen Ergebnissen sind auch Studien zum Leseverhalten von E-Book-Nutzern gekommen.

          Mit Amazon – der Online-Händler hat passend zum Start der Frankfurter Buchmesse seine E-Book-Flatrate auf den deutschen Markt gebracht – kommt jetzt neuer Schwung ins digitale Bücherkarussell. Branchenvertreter gehen davon aus, dass sich, wenn die Zahlen stimmen, auch deutsche Verlage, allen Unkenrufen zum Trotz, dem Angebot nicht verwehren werden.

          Umso mehr drängt der Deutsche Bibliotheksverband auf eine schnelle Lösung beim deutschen Urheberrecht. Denn es zeichnet sich ab, dass sich die Verhandlungen, die auch auf europäischer Ebene zu führen sind, noch lange hinziehen werden. „Bis dahin wollen wir uns nicht vertrösten lassen“, sagt Barbara Schleihagen, Geschäftsführerin des Deutschen Bibliotheksverbands. „Wir wollen eine Ergänzung zum Urheberrecht, die klarstellt, dass das, was für gedruckte Bücher gilt, auch für E-Books gilt“, sagt Schleihagen. „Wir müssen uns positionieren.“

          Konkurrenz noch zahnlos

          Für die Buchautoren geht es dabei auch um Geld. Bisher gehen die E-Book-Autoren bei der Tantieme, die Bund und Länder für die öffentlichen Bibliotheken jährlich anhand eines bestimmten Schlüssels über die VG Wort ausschütten, leer aus. Insofern dürfte auch den Autoren an einer schnellen Lösung gelegen sein, meint Schleihagen.

          Bleibt die Frage, ob die kommerziellen E-Book-Flatrate-Portale mehr können als die Stadtbüchereien. Das sieht im Moment noch nicht so aus. Die Suche der oben genannten Neuerscheinungen bleibt auch bei Skoobe erfolglos. Von Judith Hermann gibt es gar nichts, von Peter Stamm, der im selben Verlag, S. Fischer, veröffentlicht, viele ältere Titel. Keinen Erfolg hat auch die Suche nach den Büchern der Autoren beim neuen Amazon-Angebot Kindle Unlimited, das Kunden zurzeit 30 Tage lang gratis testen können. Auch Skoobe wirbt mit einer reduzierten Flatrate von 4,99 Euro. Test-Nutzer sollten daran denken, das Test-Abo rechtzeitig zu kündigen, falls sie nicht verlängern möchten. Aber das ist auch monatlich möglich.

          Grundsätzlich muss man feststellen, dass die Anbieter im Internet hartnäckig versuchen, einem die Bücher, die sie im Bestand haben, schmackhaft zu machen. Um die Suchfunktionen zu finden, über die Verbraucher ihre Lektüre-Recherche selbst bestimmen, braucht es etwas Übung. Aber es geht.

          All you can read: Ausleihe mit Flatrate

          Stadtbücherei: Die Stadtbücherei Frankfurt bietet für 16 Euro im Jahr knapp 7000 E-Books für Lesegerät, Smartphone, PC und Tablet an. Die Leihfrist beträgt 14 Tage und kann nicht verlängert werden.

          Skoobe: Das Joint Venture der Verlage Holtzbrinck und Bertelsmann verfügt über ein Sortiment von 70.000 Titeln. Der Basistarif liegt bei 9,99 Euro im Monat. Eine Leihfrist gibt es wie bei allen kommerziellen Anbietern nicht. Die Entleihe erfolgt über eine Mobilfunk-App. Der Haken: Auf populären E-Book-Readern wie Kindle oder Tolino funktioniert Skoobe nicht.

          Readfy: Das Düsseldorfer Start-up-Unternehmen hat gerade mit 25.000 Titeln seine Ausleihe begonnen. Das Angebot ist werbefinanziert und zunächst unentgeltlich. Anfang 2015 werden zwei kostenpflichtige Tarife hinzukommen: eine werbereduzierte Flatrate für 4,99 Euro und eine werbefreie für 9,99 Euro im Monat. Readfy funktioniert wie Skoobe nicht auf E-Book-Readern.

          Amazon Unlimited: Bei dem amerikanischen Online-Händler können Kunden für 9,99 Euro im Monat von sofort an beliebig viele E-Books auf ihr Lesegerät (nur Kindle) laden oder auch auf Smartphone, Tablet und PC. Im Angebot sind 650.000 Bücher, davon bisher 40.000 in deutscher Sprache.

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