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Wie Schmetterlinge tricksen : Alter Falter

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Nachtfalterbeobachtung mit dem Experten Erik Opper: Nahaufnahme einer Weiden-Saumbandspanners Bild: Marcus Kaufhold

Wenn man genau hinschaut, sind die Insekten, die nachts in der Rhein-Main-Region ums Licht schwirren, nicht so unscheinbar. Erik Opper beobachtet sie seit Jahren.

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          Ihre primitiven Vorläufer gibt es seit 350 Millionen Jahren, und ein fertiges Exemplar lebt im Durchschnitt nur einige Wochen. Doch: „Kaum ein Mensch sieht im normalen Leben, wie schön und individuell sie eigentlich sind“, sagt Erik Opper. Der Hobby-Experte spricht von Schmetterlingen. Aber nicht von den farbenfrohen Exemplaren, die an sonnigen Sommertagen über bunt blühende Wiesen schweben. Der große, schlanke, 54 Jahre alte Mann mit weißgrauen kurzen Haaren redet von den Schmetterlingen, die sich erst zeigen, wenn die Dämmerung beginnt oder die Sonne untergegangen ist: den Nachtfaltern.

          Während es einigen Menschen bei dem Gedanken an das flatternde Nachtgetier kalt über den Rücken läuft, kann Opper nicht aufhören, von den „kleinen spannenden Arten“ und „hübschen Motten“ zu schwärmen. Er erklärt, dass nicht alle Nachtfalter Motten sind. Sie stellen nur einen Teil der rund 100 Familien der Nachtfalter. Im Gegensatz zu anderen Nachtfalterfamilien seien Motten eher klein. „Über jede Art kann man etwas Tolles erzählen“, sagt Opper.

          Die Mimikry der Glasflügler (Sesiidae) zum Beispiel sei „absolut genial“. Die tagaktiven Glasflügler – eine Reihe von Nachtfaltern fliegen eben auch am Tag – würden sicherlich viele Menschen sehen, sie aber nicht erkennen. Die Glasflügler entwickelten sich in Wurzeln über zumeist zwei Jahre. Der fertige Falter habe durchsichtige Flügel und einen gelb-schwarzgestreiften Körper. „Damit ähnelt er stark einer Biene, Hornisse oder Wespe, ist aber total harmlos.“ Doch Fressfeinde meiden dadurch das Tier.

          Nachtaktiv: Wie ihr gefiederter Namensvetter ist auch der Zackeneule genannte Falter in der Dunkelheit unterwegs.
          Nachtaktiv: Wie ihr gefiederter Namensvetter ist auch der Zackeneule genannte Falter in der Dunkelheit unterwegs. : Bild: Marcus Kaufhold

          Unappetitliche Tarnung

          Auch „eine tolle Tarnung“ zeige der Mondvogel (Phalera bucephala). Dieser sitze tagsüber mit zusammengefaltetem Flügel im Baum und sehe aus wie ein abgebrochener Ast. Es gebe auch einen Falter, Lomaspilis marginata, der ausschaue wie Vogelschiss – auch den wolle niemand fressen. Einen „echten Knaller“ nennt Opper jedoch die metallisch glänzenden Langhornmotten (Adelidae). Die Fühler der Männchen seien dreimal so lang wie der Körper. „Wenn man sieht, wie diese Tiere mit ihren Fühlern kommunizieren oder in den Nachthimmel schweben, ist das einfach phantastisch“, schwärmt der Hobby-Falterexperte, der auch Exkursionen und Vorträge organisiert.

          Auch Holzrindeneulen gehen Opper in die Falle.
          Auch Holzrindeneulen gehen Opper in die Falle. : Bild: Marcus Kaufhold

          Wie kommt ein Mann, der von Beruf Vermögensverwalter, in seiner Freizeit Betreuer für Naturschutzgebiete und Gitarrist in mehreren Bands ist, darauf, Nachtfalter zu beobachten? „Ich lief vor Jahren nachts durch Mainz, sah an einer Laterne einen wunderhübschen gelben Falter sitzen und dachte: Was macht der Schmetterling um die Uhrzeit noch hier?“, berichtet Opper vom Beginn seiner Leidenschaft. „Das Tollste ist, Tagfalterbeobachter müssen den Tieren oft hinterherrennen und verursachen dabei Trittschäden in der Natur. Aber meine nächtlichen Freunde kommen zu mir.“

          Ausgetrickst: Opper setzt auch Pheromonfallen ein, um die Falter anzulocken.
          Ausgetrickst: Opper setzt auch Pheromonfallen ein, um die Falter anzulocken. : Bild: Marcus Kaufhold

          Dafür setzt er Tricks ein: Zum einen nutzt er eine Mischung aus Rotwein und Zucker, die er in der Dämmerung auf Baumstämmen aufträgt. Dann kann er mit einer Stirnlampe im Laufe der Nacht die Tiere in Ruhe beobachten, während sie mit ihren feinen Rüsseln das Gemisch aufsaugen. Zum anderen kommt ein „Leuchtturm“ zum Einsatz. Unter einem weißen Netz leuchtet eine UV-Lampe, die die Insekten anlockt. Im Fachhandel kostet so ein Turm rund 500 Euro. Seinen hat dagegen Oppers Vater aus einem ausgedienten Infusionsständer, zwei Fahrradfelgen und einem Fliegennetz zusammengebaut.

          „Am späten Abend zeigen sich die Models“

          Das ganze Jahr über ist Opper in 40 Gebieten in Hessen und Rheinland-Pfalz unterwegs, um Nachtfalter zu betrachten. Er will herausfinden, welche Arten wie häufig in einem Gebiet vorkommen. Dazu seien Langzeitstudien erforderlich, denn Nachtfalter gebe es das ganze Jahr hindurch, sagt er. Die Hauptflugzeit sei von Juni bis September. Seine Beobachtungen pflegt er in Datenbanken ein. 50 Prozent der Nachtfalter stünden mit unterschiedlichen Gefährdungsstatus auf der Roten Liste, bei weiteren 20 Prozent sei die Datenlage zu dünn. „Es gibt keine wirklich saubere Datenlage, da sich bundesweit geschätzt nur rund 1000 Menschen um Nachtfalter kümmern“, sagt Opper. Er gehöre zu den jüngeren Nachtfalter-Nerds, sagt er über sich.

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