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Frankfurter Neubauviertel : Das Quartier neu entdeckt

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Frankfurter: Anne Meyer sitzt mit ihrem Sohn Henry auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer in der Wohnung im Stadtteil City West Bild: Hedwig, Victor

Büro- und Wohngebäude prägen die City West, eines der älteren Neubaugebiete der Stadt Frankfurt. Inzwischen wohnen knapp 3000 Menschen dort – aber es fehlen gewachsene Strukturen und der Charme des Alters.

          Seit Henry auf der Welt ist, lebt sie in ihrem Viertel. Vorher hat sie hier nur gewohnt. Ein kleiner, aber entscheidender Unterschied. Denn mit der Geburt ihres ersten Kindes hat Anne Meyer ihr Viertel ganz neu kennengelernt. Und das, obwohl sie hier schon seit sechs Jahren gemeinsam mit ihrem Mann eine Wohnung gemietet hat. Die Meyers wohnen in einer der rund 1600 Wohnungen im Quartier City West. Moderner Klinkerbau, Drei-Zimmer-Wohnung, bodentiefe Fenster. „Von außen erinnert mich das Haus an meine Heimat“, sagt Anne Meyer, die nahe der holländischen Grenze aufgewachsen ist. Für Frankfurt entschied sie sich der Liebe wegen. Für das Wohngebiet City West aus weniger emotionalen Gründen. „Da waren einfach Wohnungen frei.“ Das war damals schon so – und das ist auch heute noch so.

          Denn das Wohngebiet wächst. Gewachsene Strukturen lassen sich aber auch nach fast zwanzig Jahren Bauzeit noch nicht so recht erkennen. In der künstlich angelegten Ortsmitte, dem Celsiusplatz, bleiben an diesem warmen Nachmittag die Bänke leer. Der Lavendel blüht, aus einer Mülltonne ragt eine zerlesene Ausgabe des „Spiegels“, ein Fitnessstudio wirbt mit einem Turbo-Sportprogramm um gestresste Kunden mit wenig Zeit. Das Café an der Ecke, in dem angeblich der beste Cappuccino im Viertel serviert wird, hat an diesem Nachmittag geschlossen. Und das, obwohl ein Schild in der Tür „durchgängige Öffnungszeiten“ verspricht. Der Italiener auf der anderen Straßenseite öffnet erst um 18 Uhr.

          Mittags klingeln die Kassen

          „Hier im Viertel gehören nicht die Bewohner zur Zielgruppe, sondern die Angestellten aus den Büros ringsrum“, hat Anne Meyer beobachtet. In der Mittagspause, wenn die Angestellten auf der Suche nach einem Mittagessen sind, klingeln die Kassen. Ein Asia-Imbiss, ein Bäcker und ein Bistro versorgen an Stehtischen die, die nur wenige Minuten Zeit haben. Pizzeria und Burger-Kette werben hingegen um die, die ihr Essen gern im Sitzen und in Ruhe genießen wollen. Am Wochenende, wenn in den Büros nicht gearbeitet wird, bleiben zahlreiche Restaurants komplett geschlossen.

          Während an diesem schwülen Sommertag der Celsiusplatz menschenleer ist, bietet sich mittwochs ein ganz anderes Bild. Dann bauen die Markthändler ihre Stände auf – und meist schnell wieder ab. Um 14 Uhr ist Feierabend. Nur einer bleibt bis in die Abendstunden. „Ich bin ab nachmittags der ganze Markt“, sagt Timo Hees. Der Händler betreibt gemeinsam mit seinem Vater einen Weintreff. Auf den Celsiusplatz kommt er schon seit zehn Jahren. „Wir sind mit unserem Weinstand viel in den Randgebieten unterwegs“, erzählt er. „Die City West hat sich am schlechtesten entwickelt. Hier fehlt Leben.“

          20.000 Arbeitsplätze

          Einer, der vor wenigen Wochen zum ersten Mal herkam, um das Leben zu suchen, hat mittlerweile resigniert. Zwar rollt Peter Warnecke mit seinen Wurstspezialitäten noch immer jeden Mittwoch um Punkt sechs Uhr auf den Platz. Die Luke seines Verkaufswagens öffnet er aber nicht vor elf Uhr. „Vorher kommt eh keiner“, sagt er. Die Zeit nutze er, um in Ruhe die verschiedenen Suppen und Eintöpfe vorzubereiten. In anderen Stadtteilen, etwa auf dem Markt in Sachenhausen, verkaufe er parallel dazu schon morgens frisch belegte Wurstbrötchen. Hier hat er das ein einziges Mal versucht. „Ich hatte zwei Kunden – aber 50 geschmierte Brötchen.“ Das Mittagsgeschäft, sagt er, lohne sich trotzdem. Banken und Versicherungen haben sich rund um den Celsiusplatz angesiedelt, knapp 20.000 Arbeitsplätze sollen hier in den vergangenen Jahren entstanden sein.

          Bewohnerin Anne Meyer hat erst während ihrer Elternzeit den Markt für sich entdeckt. Wie so vieles in ihrem Viertel. Die verschiedenen Spielplätze, die ruhige Verkehrslage, den Austausch mit den Nachbarn. Früher, sagt sie, habe es sie nie gestört, dass das Frankfurter Szeneleben in anderen Stadtteilen stattfindet. Damals sei sie einfach aufs Rad gestiegen und genau dort hingefahren. Aber seit Henry da ist, hat sie nur noch wenig Zeit. Sie arbeitet wieder halbtags. Morgens bringt sie ihn in die Kindertagesstätte, fährt ins Ostend zur Arbeit, holt ihn nachmittags wieder ab. Der ganze Tag ist streng getaktet.

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