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Psychiaterin über Ali Bashar : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

„Ich hab‘ nur ein Mädchen totgemacht“

Motiviert war dieses Verhalten der Gutachterin zufolge von einem höchst problematischen Frauenbild: Frauen sollten kochen und putzen, daheimbleiben, keinen Kontakt zu anderen Männern haben und Jungfrau sein. Gleichzeitig äußerte er die Vorstellung, in Deutschland könne man Sex mit jedem Mädchen haben, ohne irgendwelche Konsequenzen zu spüren. Auch andere Vorstellungen über das Land, in dem er einen Asylantrag gestellt hatte, machen ihn nicht eben sympathischer. Man bekomme Geld ohne zu arbeiten, sagte er gegenüber der Gutachterin, und an Alkohol und Drogen gelange man jederzeit problemlos. Für zielstrebige, fleißige Menschen sei Deutschland ein gutes Land, aber wer wolle schon sein ganzes Leben nur mit Arbeit verbringen.

Folgt man den Ausführungen, so ergibt sich ein widersprüchliches Bild des Angeklagten von dem Land, in dem er lebt. Mal gab er den Eindruck, am liebsten sofort in den Irak zurückkehren zu wollen, mal das Gegenteil.

Das gleiche gilt für die Untersuchungshaft: Aus einer kurzen Haftzeit im Irak berichtete er einmal von Folter, ein anderes Mal beschrieb er die Bedingungen dort als familiär und „wie im Hotel“. Das deutsche Gefängnis sei dagegen „Mittelalter“. Andererseits drohte er, sich etwas anzutun, wenn er seine Haftstrafe im Irak absitzen muss. Seine offenbar ausschweifenden Beschwerden über die Haftbedingungen wertet die Psychiaterin als Teil seiner egozentrischen Persönlichkeitsstruktur. Das wiederkehrende Lamento über zu schlechte Essensversorgung, nicht genug Zigaretten, zu wenig Ausgang, zu wenige Fernsehprogramme und nicht genug Besuchsrechte – unter anderem – habe einen sehr großen Teil der Gespräche eingenommen, berichtet sie. Einmal habe sie deshalb sogar abgebrochen. Ein anderes Mal habe B. sich über die lange Dauer des Verfahrens beschwert. Mit den Worten: „Ich hab‘ nur ein Mädchen totgemacht.“ Hätte er im Irak den lokalen Polizeichef umgebracht, sagte er weiter sinngemäß, wäre es sogar schneller gegangen.

Keine Reue für die Tat

Außerdem habe Ali B. permanent versucht, sie zu Gefälligkeiten zu überreden, berichtete die Gutachterin weiter. Er habe nicht verstehen wollen, dass sie sich nicht über Regeln hinwegsetzen wollte. Solche Manipulationen sieht sie als Verhaltensmuster bei ihm, das er teils mit Gewaltdrohungen auch bei Freunden einsetzte.

Empathie und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, fehlen bei B. dagegen ihrer Einschätzung nach völlig – genau wie die Eigenschaft, Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen. Über die Tötung von Susanna habe er „kühl, sachlich und ohne Emotion“ gesprochen. Ganz im Gegenteil zu seinen Beschwerden über die Untersuchungshaft. Zu keinem Zeitpunkt habe er während der Gespräche Reue oder Bedauern gegenüber Susanna oder ihrer Familie gezeigt. Zwar hatte er sich am ersten Prozesstag bei der Mutter entschuldigt, die als Nebenklägerin auftritt.

Sonst habe aber nie irgendeine diesbezügliche Emotion gezeigt. Im Gegenteil: „Der Angeklagte hat eine deutliche Neigung, andere zu beschuldigen“, so die Psychiaterin. Zunächst einen 35 Jahre alten Türken, mit dem er vor der Tat zusammen getrunken hatte. Dann im Gespräch mit ihr Deutschland – das Land sei für seine Fehlentwicklung verantwortlich, „weil man hier alles machen darf“. Susanna selbst, weil sie mit ihm gegangen sei. Und zuletzt: An die Tat selbst will er sich kaum erinnern. Er sei nicht er selbst gewesen, hatte er gesagt, und ihm sei schwarz vor Augen gewesen. „Ich sehe darin keine volle Übernahme von Verantwortung“, sagt die Psychiaterin. „Das ist eine Delegation von Verantwortung an andere und an Umstände.“

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