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Kaum Wasser wegen Trockenheit : Aderlass am Edersee

  • -Aktualisiert am

Auf dem Trockenen: Alljährlich im Sommer sind weite Teile des Edersees begehbar. Bild: Reuters

In dem nordhessischen Stausee herrscht im Sommer immer öfter Niedrigwasser. Weil zugunsten der Weser-Schifffahrt Wasser abgelassen wird, liegt die Tourismusbranche auf dem Trockenen.

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          Der Edersee ist eines der beliebtesten touristischen Ziele in Nordhessen. Rund 700.000 Übernachtungen und drei bis vier Millionen Tagesgäste werden in der Region jedes Jahr gezählt. Mancher kommt, um zu wandern und die Natur zu genießen, die meisten zieht es allerdings des Schwimmens und des Wassersports zuliebe in das Gebiet zwischen Korbach und Bad Wildungen. Doch ausgerechnet im Sommer herrscht immer häufiger Ebbe im See und damit auch in den Kassen der Gastronomen und Hoteliers der Umgebung. Dann nämlich werden aus dem im vollen Zustand 200 Millionen Kubikmeter Wasser fassenden natürlichen Becken Tag für Tag mehrere hunderttausend Kubikmeter abgelassen, um die Schiffbarkeit der Weser sicherzustellen.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die FDP im Landtag will das nicht länger hinnehmen. Die „landeskulturelle Bedeutung“ des Edersees, der nicht zuletzt rund 3500 Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region sichere, müsse im Verhältnis zur Weserschifffahrt stärker berücksichtigt werden, fordert die nordhessische Abgeordnete Wiebke Knell. Sie plädiert dafür, zugunsten des Fremdenverkehrs mit dem Wasser besser hauszuhalten. Die Abflussintervalle müssten so verändert werden, dass der Edersee für einen längeren Zeitraum touristisch genutzt werden könne, zumal sich die Lage durch die zunehmend regenarmen Sommer noch zu verschlimmern drohe.

          Als der Edersee 1914 aufgestaut wurde, geschah das aus drei Gründen: Bei Bedarf soll aus dem Reservoir gezielt Wasser abgegeben werden, um einen ausreichend hohen Pegelstand der Weser zu gewährleisten, in welche sich die Eder auf dem Umweg über die Fulda ergießt. In trockenen Jahren kommt bis zur Hälfte des Weserwassers aus dem Edersee. Im Winter und Frühjahr hingegen dient das Gewässer als Rückhaltebecken, um Hochwasser zu verhindern, und nicht zuletzt wird hier Wasserkraft zur Stromerzeugung genutzt.

          Extreme Trockenheit im Sommer

          „Das Thema Tourismus am Edersee dümpelt schon seit Jahren vor sich hin“, kritisiert Stefan Naas, der wirtschaftspolitische Sprecher der Liberalen im Landtag. Bisher habe die für größere Flüsse zuständige Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes vor allem ein Ziel: In den regenreichen Monaten Wasser im See aufzustauen, um es zur Sommerzeit „nach Schema F“ abzulassen. Damit mache es sich die Behörde zu einfach. Neben der Schifffahrt auf Fulda und Weser müssten die Interessen von Restaurant- und Hotelbesitzern, Campingplatzbetreibern und Wassersportlern am Edersee stärker in den Blick genommen werden. „Es geht uns um eine Optimierung der Kriterien für den Wasserablass“, sagt Naas. Die Eingriffe müssten intelligenter und vorausschauender erfolgen.

          2018 führte der See so wenig Wasser wie zuletzt vor 15 Jahren; der Füllstand lag bei nur noch zehn Prozent. Ein schwerer Schlag für Segelvereine und Hobbyskipper: Regatten fielen aus, Segelsport war von Mitte Juli an nur noch stark eingeschränkt möglich. Insgesamt hat der Tourismus am Edersee die extreme Trockenheit des vergangenen Sommers allerdings gut überstanden. Die Übernachtungszahlen in der Region waren sogar höher als im Jahr zuvor. Laut Statistischem Landesamt meldeten die Beherbergungsbetriebe in den Gemeinden am See deutliche Zuwächse. 25.000 Gäste kamen bis Ende August beispielsweise nach Edertal (plus 12,6 Prozent), 67.000 Übernachtungen wurden dort registriert (plus sieben Prozent). In Vöhl waren es 59.000 Gäste (plus 9,1 Prozent) und 182.000 Übernachtungen (plus 5,6 Prozent).

          „Atlantis-Ruinen“ ziehen Touristen an

          Zu verdanken ist diese Entwicklung wohl nicht zuletzt der Anziehungskraft der „Atlantis-Ruinen“ im Edersee, jenen Überresten der 1914 überfluteten Ortschaften, die bei Niedrigwasser sichtbar werden. Auf Dauer sei das aber kein ausreichender Ersatz für einen gut gefüllten Stausee, meint Naas. An Ruinen und getrocknetem Schlamm könnten sich Touristen allenfalls einen Tag lang erfreuen, dann stelle sich ihnen die Frage: „Was machen wir morgen?“

          Tatsächlich sind die im Jahresvergleich gestiegenen Übernachtungszahlen auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass 2017 ein ausgesprochen schlechtes Jahr für den Edersee-Tourismus war. Von einem Umsatzrückgang von 20 bis 30 Millionen Euro bei einem Gesamtumsatz von rund 180 Millionen Euro war damals die Rede. Grundsätzlich herrscht in den Edersee-Gemeinden deshalb auch die Überzeugung vor, dass niedrige Pegelstände dem Tourismus schaden. So etwas könne man einmal verkraften, aber nicht fünfmal in zehn Jahren, heißt es. Immer wieder gibt es Proteste und Unterschriftensammlungen gegen den Aderlass am Edersee.

          Die Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt des Bundes will indes weiter an kleinen Stellschrauben drehen. So sollte in diesem Winter weniger Wasser aus dem See abfließen als bisher üblich. Der Bund und das Land Hessen prüfen zudem, welche Konsequenzen eine Reduzierung der Mindestwasserabgabe von sechs auf vier Kubikmeter je Sekunde langfristig hätte. Bereits im vergangenen Rekordsommer war die Wasserabgabe für die Weser deutlich verringert worden. Der angestrebte Mindestwasserstand des Flusses im niedersächsischen Hannoversch Münden wurde wegen der Trockenheit auf 1,15 Meter gesenkt; ohne das Wasser aus dem Edersee hätte er nach Angaben des dortigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts bei nur 70 bis 75 Zentimetern gelegen.

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