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Arbeitsplatz Commerzbank : An jedem Morgen eine Reise nach Jerusalem

Und am Abend wieder alles wegräumen: Commerzbank-Arbeitsplätze, an denen an jedem Tag jemand anderes sitzen kann. Bild: Wolfgang Eilmes

Am neuen Commerzbank-Standort in Frankfurt- Hausen stehen für je zehn Mitarbeiter nur neun Arbeitsplätze bereit. Das Management sagt: Es funktioniert erstaunlich gut.

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          Am Ende, so wird berichtet, sitzen die Mitarbeiter dann doch an vielen Tagen am gleichen Schreibtisch. Gegen die Macht der Gewohnheit ist eben nicht anzukommen. Aber es funktioniert halt nur an vielen, doch keineswegs an allen Tagen: der gleiche Tisch, der gleiche Stuhl und der gleiche Blick aus dem Fenster. Denn am neuen Standort der Commerzbank in Frankfurt-Hausen, dem einstigen Sitz der Deutschen Börse, der nach langem Leerstand nun nach und nach bezogen wird und in dem am Ende 2800 Mitarbeiter aus der Verwaltung unterkommen sollen, probt man ein ziemlich revolutionäres Arbeitsplatz-Konzept: Für jeweils zehn Mitarbeiter stehen nur neun Schreibtische bereit.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Weniger Arbeitsplätze als Mitarbeiter: Das kennt man sonst nur dort, wo die Belegschaft viel unterwegs ist. In Beratungsgesellschaften wie Accenture in Kronberg zum Beispiel. Doch die Commerzbank bringt in Hausen ihre Personalabteilung unter, ihren Einkauf und ihre Gebäudeverwaltung. Mitarbeiter solcher Abteilungen reisen nicht durch die Welt.

          Jeden Tag Schreibtisch aufräumen

          Eine Reise nach Jerusalem müssen sie nun aber schon an jedem Morgen antreten. So heißt das Kinderspiel, bei dem stets weniger Stühle als Mitspieler vorhanden sind - und der ausscheidet, der nicht rechtzeitig einen findet. Die Regel in der Commerzbank: Wer am Morgen zuerst kommt, hat die freie Wahl. „Free Seating“ nennt sich das im Banker-Sprech. „Free Seating“ funktioniert aber nur zusammen mit „Clean Desk“. Alles, was die Mitarbeiter am Morgen auf dem Tisch ausbreiten, müssen sie am Abend abräumen. Jeder hat einen Spind für sein Hab und Gut und einen weiteren, größeren, für seine Akten. Das ist es dann aber auch.

          Zu einem Dutzend Arbeitsplätzen gehört auch je eine Inspirationszone.

          Sandra Köllner ist in der Commerzbank Leiterin der Abteilung Construction Management und damit verantwortlich für das Konzept, für das es natürlich auch einen tollen Namen gibt: „New Work“. Sicherlich wolle die Bank auf diese Weise Geld sparen, sagt sie. Man bekomme eben mehr Leute im Gebäude unter. Das sei aber nur die eine Seite. Auf der anderen wolle die Bank auch die Kommunikation unter den Kollegen verbessern.

          Gab noch nie einen Engpass

          Über alles wurde heftig und mit deutscher Gründlichkeit nachgedacht. Es entstanden keine richtigen Großraumbüros, sondern Räume mit zwölf bis 15 Schreibtischen. Decken, Wände und Böden und selbst die Schranktüren schlucken etwaigen Lärm. Nur die Chefs haben ein eigenes Büro, aber eines mit gläsernen Wänden. Sind sie nicht da, dürfen sich die Mitarbeiter auch dorthin setzen. Besprechungsräume finden sich überall, außerdem Zimmer mit Sofas und Sesseln - Inspirationszonen genannt. Vor dem Einzug wurden Handbücher zum richtigen Umgang mit dem neuen Konzept gedruckt, Workshops organisiert und Nachbarschaftssprecher ernannt, die für das Vorhaben werben.

          Die ersten Kollegen arbeiten seit Mitte 2013 dort, die letzten werden im Herbst 2015 einziehen. Köllner sagt, „New Work“ funktioniere erstaunlich gut. Bei Umfragen hätten vier Fünftel der Kollegen angegeben, sie kämen zurecht. Noch nie habe es einen Engpass gegeben, nicht einmal im November, wenn kaum jemand Urlaub habe. Notfalls müsse jemand in ein anderes Stockwerk ausweichen. Und: „Die Leute reden miteinander.“

          Sorgen während der Erkältungszeit

          Dass es überhaupt zu dem Konzept kam, liegt an einem eher unglücklichen Umstand: Vergeblich hatte Commerz Real, eine Tochtergesellschaft der Commerzbank, versucht, für das einst von der Deutschen Börse nur gemietete Gebäude in Hausen nach deren Umzug 2010 nach Eschborn einen neuen Nutzer zu finden. So entschied sich der Konzern schließlich, dort selbst einzuziehen und verschiedene, über die Stadt verteilte Standorte zusammenzufassen.

          Völlig reibungslos aber lief das Eingewöhnen in die neue Welt dann doch nicht. In der Erkältungszeit mussten dem Vernehmen nach Desinfektionstücher verteilt werden. Die Mitarbeiter hatten die Sorge geäußert, sich beim Griff zum Telefonhörer anzustecken.

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