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Museum Wiesbaden : Das Würfelspiel und die Leere

Verflechtung: Eva Hesse, „No Title“, 1963, Allen Memorial Art Museum, Oberlin College Bild: © 2019 The Estate of Eva Hesse/

Eva Hesse gehörte zu einer der bedeutendsten amerikanischen Avantgarde-Künstlerinnen nach 1945. Das Museum Wiesbaden präsentiert deren Schaffen.

          Sie musste, als sie zwei Jahre alt war, mit ihren Eltern aus Hamburg vor den Nationalsozialisten flüchten, ihre Mutter, aus Sehnsucht nach der alten Heimat und ihrem früheren Leben depressiv geworden, mittlerweile von ihrem Mann geschieden, beging acht Jahre später Selbstmord. Eva Hesse hatte nach ihren Kunststudium und allerlei Versuchen, einen eigenständigen Stil zu finden, gerade einmal fünf Jahre Zeit, um zu einer der bedeutendsten amerikanischen Avantgarde-Künstlerinnen nach 1945 zu werden.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          1970 starb sie nach zermürbender Krankheit im Alter von 34 Jahren in New York an einem Hirntumor. Ihre Biographie ist der Stoff, aus dem Tragödien sind. In ihrem OEuvre jedoch macht sich Dunkles und Düsteres rar, wohl aber lassen Knäuel und Verdichtungen, Verknüpfungen und Verflechtungen, ein Durcheinander von Farben, Formen, Materialien, lassen dissonante Elemente und sich partout nicht zu einem einheitlichen Ganzen fügende Teile erahnen, dass in ihren Bildern und Objekten Erfahrungen der schmerzhaften Art einen Ausdruck finden. Gelegentlich meint man, eine gequälte Seele trete zutage.

          Ihre Kunst übt eine große Anziehungskraft aus

          Aber so nahe es im Fall von Eva Hesse auch liegen mag, ihren Lebenslauf als Leitfaden der Kunsterklärung zu nutzen, so wenig kommt es hier wie überhaupt bei großen Werken aufs Individuell-Biographische an. Von viel größerer Bedeutung sind die ästhetische Kraft, die von diesen Arbeiten ausgeht, die Anziehung, die sie auf den Betrachter ausübt.

          Das Museum Wiesbaden besitzt einige großartige Gemälde und räumliche Gebilde der Künstlerin. Sie werden nun ergänzt durch Zeichnungen, die im Wesentlichen aus der Sammlung des vom Oberlin College betriebenen Allen Memorial Art Museum in Ohio stammen. Die Ausstellung „Forms larger and bolder“ bietet einen umfassenden Überblick über alle Schaffensphasen, in denen Eva Hesse Arbeiten auf Papier verfertigt hat. Raum für Raum lässt sich die Entwicklung nachvollziehen, die sie nahm, die Wendungen, die sie vollzog, von den Aktzeichnungen der Kunststudentin bis zu den Skizzen, auf denen sie später ihre Projekte umrissen hat.

          In den Jahren zwischen 1965 und 1970, als sie sich von der Malerei abgewandt hatte und in der dritten Dimension arbeitete. Und Werke schuf, mit denen sie sich in die Geschichte der Avantgarde eingeschrieben hat. Die Zeichnung hat in dieser Zeit allerdings nicht mehr wirklich eine Rolle gespielt. Was sie zu Papier brachte, waren visuelle Gedanken, die sich auf Objekte im Raum bezogen. Weshalb diese Präsentation zum einen Arbeiten aus einer Epoche zeigt, als die Künstlerin noch auf der Suche nach einer ihr angemessenen Sprache ist, und zum anderen aus einer Zeit, in der sie ebendiese gefunden hatte. Die Zeichnung aber war dabei nicht einmal so etwas wie ein eigenständiger Dialekt, sondern nichts weiter als ein Hilfsmittel.

          Ausstellung erzeugt ambivalente Gefühle

          So lässt einen diese Ausstellung mit etwas zwiespältigen Gefühlen zurück, führen einem doch vor allem die dort gezeigten, in den Raum ausgreifenden Objekte vor Augen, worin die Qualität von Eva Hesses Kunst besteht. Und da berührt ganz besonders die Fragilität und die gewiss mit Klischees angeblich weiblicher Farbwahl spielende Skulptur „Eighter from Decatur“ mit ihren acht Seilen und ebenfalls acht an Haushaltsquirle erinnernden Schaufeln. Ein Bild von Verletzlichkeit und leiser Selbstbehauptung, so ironisch wie subtil. Der Titel bezieht sich auf das Würfeln einer Acht beim in Amerika beliebten Spiel Craps.

          Wer möchte, kann auf die Suche nach anderen Werken gehen, in denen Würfel, Brettspiele und das Spielglück zum Thema werden. Die metaphorische Komponente ist bei Eva Hesse nicht zu vernachlässigen. Manches Mal aber geht sie darüber hinaus uns setzt die Leere in Szene. Die Abwesenheit von Sinn.

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