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„Das Männchen da oben“ : Kirche trotzt „Zensurversuch“ der Documenta

  • -Aktualisiert am

Die Documenta 13 will während der Ausstellung keine kirchliche Kunst im öffentlichen Raum in Kassel dulden. Anlass des Streits ist eine Holz-Skulptur von Stephan Balkenhol.

          Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus in Deutschland hat Arnold Bode jene Kunst nach Kassel geholt, die das totalitäre System als „entartet“ diffamiert und den Deutschen vorenthalten hatte. Bode begründete mit der Documenta parallel zur Bundesgartenschau des Jahres 1955 eine Weltkunstausstellung. Aus den Ruinen, im Museum Fridericianum, in der Karlsaue und auf dem Schutt des zerstörten Kassels wuchs neues Leben. Mehr als ein halbes Jahrhundert später sieht sich die Leitung der aktuellen Documenta 13 dem Vorwurf ausgesetzt, ihrerseits „totalitär“ zu agieren, und Vergleiche zum Streben autoritärer Systeme nach Herrschaft über den öffentlichen Raum werden laut.

          Begonnen hatte die Debatte Anfang Mai. Die überlebensgroße Figur eines Mannes balanciert seither auf einer Kugel im obersten Stockwerk des Turms der Elisabethkirche. Die Leiterin der Documenta, Carolyn Christov-Bakargiev, fühlte sich von der Skulptur des Bildhauers Stephan Balkenhol „bedroht“. Die katholische Kirche wurde aufgefordert, die Figur zu entfernen, doch sie blieb standhaft. Der Umstand, dass ihr für die Entfernung sogar Geld geboten wurde, machte die Sache nicht besser. Die Verkündigung, hieß es am Sitz des Bischofs von Fulda, sei Auftrag der Kirche, und die Kunst sei seit jeher ein Mittel der Verkündigung. Der Geschäftsführer der Documenta, Bernd Leifeld, teilte daraufhin mit: „Die künstlerische Leiterin weiß, dass diese Art von Kunst für diese Documenta nicht adäquat ist.“

          „Was zu sagen ist, ist gesagt worden“

          Aber Leifeld fand sich offenbar mit den Gegebenheiten ab, indem er zugab: „Wir sind nicht die Polizei.“ Gleichwohl entkräftete diese Äußerung keineswegs den Eindruck, dass die Documenta es sich wünschte, in Kassel die allumfassende Ordnungshüterin der Kunst dieses Sommers zu sein. „Alles, was zu sagen ist, ist gesagt worden“, hatte eine Sprecherin der Documenta auf die Frage dieser Zeitung geantwortet, warum die Documenta die Skulptur im Turm ablehne.

          Nun hat Andreas Mertin, Kurator der Begleitausstellung „Vision-Audition“ der evangelischen Kirche zur Documenta 12 im Jahre 2007, im Evangelischen Pressedienst der Documenta „totalitäres Denken“ vorgeworfen. Indem sie allen anderen Institutionen nahelege oder diese zwinge, auf Kunstpräsentationen während der Ausstellung zu verzichten, versuche sie ihren eigenen Diskurs totalitär durchzusetzen. Die Leitung wolle den Bürgern vorschreiben, „was sie in Kassel erblicken dürfen“. Damit agiere die Documenta nach der Logik eines marktbeherrschenden Monopolisten. Geschädigt werde aber nur die Weltkunstschau selbst.

          Zudem warf Mertin der evangelischen Kirche vor, dass sie auf eine ursprünglich geplante Begleitausstellung des rheinischen Künstlers Gregor Schneider zur Documenta verzichtet habe. Die Schau sei abgesagt worden, weil die Documenta interveniert habe. Die evangelische Kirche habe Angst vor der öffentlichen, aber eigentlich unverzichtbaren Auseinandersetzung um die Wahrheit der Kunst, wird Mertin zitiert.

          Zuvor hatte schon der Direktor des Instituts für Kirchenbau der Evangelischen Kirche in Deutschland, Thomas Erne, der kirchlichen Mitarbeiterzeitschrift „Blick in die Kirche“ gesagt, dass man in der Vorbereitungsgruppe der evangelischen Begleitausstellung in Kassel den „Fehler gemacht habe, die Documenta-Leitung vorher zu fragen“. Erne war Mitglied der Vorbereitungsgruppe. Die Kirchenleitung habe dann entschieden, die Ausstellung abzusagen, um den „Konflikt zu begradigen“.

          Schneider wollte in und vor der Karlskirche in der Kasseler Innenstadt eine Installation aus Überresten eines Projektes errichten. Er hatte 2011 in Kalkutta zum hinduistischen Durga-Puja-Fest eine Mönchengladbacher Straße nachbauen lassen. Nach einer rituellen Prozession war das Material in einen Seitenarm des Ganges geworfen worden, aus dem es das Team des Künstlers wiederum barg. Das verschlammte Material hätte Schneider in Kassel eingesetzt. In der evangelischen Kirche war Schneiders Arbeit als Beitrag zum „interreligiösen Dialog“ betrachtet worden. Nun hieß es aus der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck, die Documenta habe beim Bischof mit dem Hinweis interveniert, die Ausstellung vor der Karlskirche werde auf Widerstand stoßen. In Kassel heißt es, die Documenta habe auch auf Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) eingewirkt, der Eröffnung der Balkenhol-Ausstellung in der katholischen Elisabethkirche Anfang Juni fernzubleiben. Die Kasseler erfuhren schließlich aus der „Hessischen Allgemeinen“, Hilgen „boykottiere“ die Schau.

          Bischof sieht „Zensurversuch“

          Nunmehr spricht Schneider von einem Verbot seiner Arbeit in Kassel und vom „Zensurversuch“. Die Leiterin der Documenta sieht er in einer „totalitären“ Rolle. Als zynisch erscheint es Schneider, dass die Documenta mit dem Hinweis auf den Verzicht der evangelischen Kirche auf Kunst wiederum auf die katholische Kirche Druck ausgeübt habe, ihrerseits auf Kunst zu verzichten. Schneider hält der Documenta ebenfalls die „Monopolisierung“ des öffentlichen Raums vor. In der Konsequenz dürfte die Documenta nur noch in chinesischen Kleinstädten stattfinden.

          Kassel und die Documenta sollten dem Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen, dankbar sein. Er hat nicht nur dem „Zensurversuch“ widerstanden. Er springt Stadt und Weltkunstausstellung auch noch bei, indem er auf Vergleiche Kassels mit China oder dem Bukarest eines Diktators verzichtet und nur von einer „Provinzposse“ spricht. Er habe von der Leiterin der Kunstausstellung eine „weltmännischere“ Reaktion erwartet. Das „Männchen da oben“ auf St. Elisabeth hätte die Documenta verkraften können, meinte seine Exzellenz im Hessischen Rundfunk.

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