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Landesmuseum Darmstadt : Die „Rembrandts der Paläontologie“

  • -Aktualisiert am

„Forbes Quarry“: weiblicher Neandertaler-Schädel, der 1848 in Gibraltar gefunden wurde Bild: dpa

Das Landesmuseum Darmstadt zeigt originale Urmenschen-Funde. in dieser Zusammenstellung waren sie noch nie zu sehen, denn die seltenen Funde ruhen sonst gut bewacht in den Tresoren der großen Museen dieser Welt.

          Das Figurenpaar Adam und Eva gibt es in der im Hessischen Landesmuseum zu sehenden Ausstellung „Expanding Worlds - Originale Urmenschen-Funde aus fünf Weltregionen“ zwar auch. Aber die beiden kleinformatigen Plastiken dienen nur der Illustration jener zentralen Aussage, die gleich am Eingang der Präsentation zu lesen ist: „Fossilien sind stumm, wir interpretieren“.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Adam und Eva war die in Europa bis zur Aufklärung vorherrschende Variante der Interpretation der Menschheitsanfänge. Seitdem haben sich nicht nur die religiösen, sondern auch die kulturellen und gesellschaftlichen Weltbilder verändert und mit ihnen die Auffassungen der Wissenschaftler. Die beiden Kuratoren der Schau, Oliver Sandrock vom Hessischen Landesmuseum und Friedemann Schrenk, Professor für Paläobiologie an der Goethe-Universität Frankfurt, gaben sich in dieser Hinsicht ganz bescheiden: „Die Fossilien bleiben die gleichen, aber unsere Interpretationen ändern sich weiter.“

          Joachim Gauck als Schirmherr

          Ganz unbescheiden waren die beiden Wissenschaftler sowie Theo Jülich als Direktor der Landesmuseum hingegen in der Bewertung jener Originalfunde von Früh- und Urmenschen aus Afrika, Asien, dem Kaukasus, Israel sowie Europa, die in Darmstadt bis zum 22. November zu sehen sein werden. In dieser Zusammenstellung seien die Hominidenfossilien weltweit noch nie ausgestellt worden. Die seltenen Funde ruhten sonst gut bewacht in den Tresoren der großen Museen dieser Welt.

          „Vor einem Großteil dieser Originale standen wir Wissenschaftler selbst noch nicht“, sagte Sandrock. Insofern sei der Besuch der nur sechs Wochen dauernden Präsentation, für die Bundespräsident Joachim Gauck die Schirmherrschaft übernommen hat, eine „unwiederbringliche Chance“. Jülich, von Hause aus Kunsthistoriker, sprach von den „Rembrandts der Paläontologie“, die in Darmstadt dank Leihgaben namhafter Museen in Deutschland, England und Georgien zu bestaunen seien.

          Eine Reise durch die Jahrtausende

          Die zehn Rembrandts sind zwischen 2,5 Millionen und 40.000 Jahre alt und werden in sechs Stationen präsentiert, die kleinen Häusern gleichen. In den besonders gesicherten Vitrinen zu sehen sind unter anderem: Der 1991 in zwei Teilen von einer Forschergruppe unter der Leitung von Schrenk gefundene Unterkiefer des Homo rudolfensis aus Malawi; der Schädel und Unterkiefer eines Jugendlichen, der vor etwa 1,8 Millionen Jahre in Georgien lebte und der den ältesten Fund außerhalb Afrikas darstellt; die Schädel eines 73.000 bis 50.000 Jahre alten Neandertalers und eines etwa 92.000 Jahre alten Homo sapiens; das weltberühmte Neandertaler-Skelett, das 1856 in Deutschland entdeckt wurde, sowie „Forbes Quarry“, jener weibliche Neandertaler-Schädel aus einem Kalksteinbruch in Gibraltar, den Charles Darwin einst in Händen hielt.

          So faszinierend die Originale auf den Betrachter auch wirken - „Expanding Worlds“ macht aus ihnen keine Kultgegenstände, sondern stellt sie in den Kontext der großen Expansionsbewegung der frühen Menschen, die sich von Afrika aus über die ganze Welt verbreiteten. Karten zeigen dies auf.

          Mehr Stammbusch als Stammbaum

          Besonders eindrücklich ist die Station, die mit „Man trifft sich“ überschrieben ist. Hier liegen der Neandertalerschädel und der des Homo sapiens, die beide auf dem Territorium Israels entdeckt wurden, nebeneinander. In der Levante trafen sie erstmals aufeinander - und vermischten sich.

          Auch dies ist eine noch gar nicht so alte Erkenntnis der Wissenschaft: Die Gattung Homo hat sich nicht einfach linear aus einem Stammbaum entwickelt, vielmehr gibt es einen „Stammbusch“ mit vielen Zweigen. „Erst seit etwa 15 000 Jahren sind wir als Homo sapiens allein auf der Welt“, sagte Sandrock. Der weite Blick zurück auf die Anfänge zeigt also, dass die Globalgeschichte der Menschheit eine Wanderungsgeschichte ist, womit die Ausstellung ganz aktuelle Aspekte thematisiert.

          Filmischer Diskurs zu den Kernfragen unserer Zeit

          „Immer wieder treffen Fremde auf Fremde, das ist es, was man lernen kann“, sagte Sandrock. Schrenk wurde mit Blick auf die derzeitige Flüchtlingswelle noch deutlicher: „Wir modernen Menschen sind das Produkt großräumiger Expansionsbewegungen. Die heutige Abschottung von Wohlstandsregionen wird höchstens wenige Generationen lang erfolgreich sein. Nur die kulturelle globale Vernetzung kann das Überleben moderner Menschen langfristig sichern.“ Derart interpretiert, erweisen sich die alten Menschheitsfossilien gesellschaftspolitisch also als höchst brisante Relikte.

          Die in der Ausstellung gezeigten Funde werden zwar per Videoinstallationen von Wissenschaftlern und Infotafeln fachkundig erklärt. Es empfiehlt sich aber, den Ausstellungskatalog zu erwerben, für den auch der vor wenigen Tagen verstorbene Krimiautor und Afrika-Fan Henning Mankell einen Beitrag geschrieben hat. Außerdem zeigt das Landesmuseum anlässlich der Sonderausstellung im Vortragssaal die Videoinstallation „Menschbild“, ein filmischer Diskurs, der in Form von Textfragmenten des Hirnforschers Wolf Singer, des Dichters Friedrich Hölderlin und des Philosophen Friedrich Nietzsche Kernfragen unserer Zeit aufwirft.

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