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Digitalisierung im Handwerk : Von der Kreissäge an den 3D-Drucker

  • -Aktualisiert am

Bild: Jörn Wenge

Die einen arbeiten fast wie Industriebetriebe, die anderen haben nicht einmal ein E-Mail-Konto. Und viele Kunden haben Wünsche, die sich mit Computern leichter erfüllen lassen als ohne: Das Handwerk kämpft mit der Digitalisierung.

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          Markus Albrecht wollte Tischler werden, so wie sein Vater. In einer kleinen Dorfschreinerei in der Nähe von Aschaffenburg hat er als junger Mann in den neunziger Jahren gelernt, wie man Holz bearbeitet, um daraus einen Schrank oder einen Tisch zu machen. Er stand an der Kreissäge, hobelte Bretter aus und baute schließlich ein Möbelstück. Heute trägt Albrecht keinen Blaumann mehr, sondern Hemd und Jeans. Er arbeitet am Schreibtisch, sitzt vor einem Computerbildschirm - und kontrolliert eine Maschine. Beim Modell- und Formenbauer „Kegelmann Technik“ in Rodgau-Jügesheim steuert der Zweiundvierzigjährige einen 3D-Drucker. Dafür hat er nicht noch eine Zusatzausbildung absolviert oder ein Studium, es hat sich nur das Handwerk verändert, in seinem Betrieb jedenfalls.

          Auch wenn viele Schreiner ihre Möbel schon seit Jahren am Computer zeichnen, Modell- und Formenbauer wie Kegelmann 3D-Drucker nutzen und Malermeister ihre Transporter mit GPS-Sendern ausgestattet haben, das Digitale war im deutschen Handwerk lange Zeit kein Thema. In vielen Gewerken ist es auch heute noch nicht selbstverständlich. In einer Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks gaben 2014 lediglich 21 Prozent der befragten Unternehmer an, Computerprogramme für die Produktion zu nutzen. Zum Direktverkauf nutzten acht Prozent das Internet, eine eigene Homepage hatte knapp die Hälfte. Ein 3D-Drucker stand bei 2,2 Prozent der Befragten in der Werkstatt.

          Nicht Schrauben, sondern Drucken

          Ein solches Gerät brauchen viele auch gar nicht. Die Möglichkeiten, die sich mit dem Digitalen erschließen, sind trotzdem vielfältig: Wenn zum Beispiel ein Maler seine Farbmischmaschine nachts auch für Privatkunden laufen lässt, die sich auf seiner Internetseite zuvor ihre eigene Farbe ausgesucht haben, hat er eine neue Einnahmequelle und womöglich bald Kunden aus ganz Deutschland, vielleicht auch aus dem Ausland. „Früher war man als Handwerker regional sehr begrenzt“ sagt Jörg Franz, Beauftragter für Innovation und Technologie bei der Handwerkskammer Frankfurt. Er sagt: „Die Digitalisierung schafft Chancen.“ Gleichzeitig gefährde sie aber auch Geschäftsmodelle. Autohersteller zum Beispiel nutzen bereits 3D-Drucker in ihren Fertigungsstraßen. Und können damit auf Knopfdruck Einzelanfertigungen herstellen, was bisher das Alleinstellungsmerkmal zuliefernder Handwerksbetriebe gewesen sei.

          Mann und Maschine: Ein Mitarbeiter in der Schreinerei Kramwinkel stellt die automatische Fräsmaschine ein.

          Auch seinen persönlichen Schreibblock lässt sich heute kaum noch jemand beim Buchbinder nebenan machen, der womöglich noch nicht einmal eine eigene Internetseite hat. Mit der Initiative „Mittelstand 4.0“ will das hessische Wirtschaftsministerium jetzt Handwerk und Mittelstand bei der Digitalisierung unterstützen. Eines von zehn „Kompetenzzentren“ dafür sitzt in Darmstadt, in der Nähe des Standorts von Kegelmann Technik.

          Der Arbeitgeber von Markus Albrecht zählt zu den Pionieren der Computerisierung im Handwerk. Wenn etwa ein Kunde, zum Beispiel ein Fahrradhersteller, das Modell eines Fahrradrahmens im Windkanal testen will: dann schickt er Maße und 3D-Daten des Rahmens in digitalem Format an Albrecht, den gelernten Tischler, der dank einer Fortbildung in computergestütztem Zeichnen heute als „Projektkoordinator Additive Fertigung Kunststoff“ bei Kegelmann im Büro sitzt. Der 3D-Drucker, ein mannshoher Kasten, steht in einem Raum gegenüber.

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