https://www.faz.net/-gzg-8jvcd

Inspiration im Freibad : Licht, Wasser und ein kleines bisschen mehr

Nicht jeder schöne Mensch am Pool ist eine schöne Seele: Ludivine Sagnier hat im Film „Swimming Pool“ von François Ozon ihre eigenen Pläne. Bild: ZDF

Ab ins Wasser und nicht nur in der Sonne braten: Der Besuch des Freibads als kulturelle Inspiration - schließlich ist Schwimmen eine Kulturtechnik.

          4 Min.

          Träumen im Freibad: Es gibt das Wasser, und es gibt das Licht. Und die Filme, die mit dem Leuchten auf dem Wasser spielen, der Sonne auf der Haut, den Wassertropfen, die dort allmählich trocknen oder vielleicht von einer zärtlichen Hand verschoben werden. Doch lassen wir das.In öffentlichen Bädern ist man schließlich unter Beobachtung. Allerdings hindert einen niemand daran, sich vorzustellen, man räkele sich unter südlicher Sonne an einem privaten Swimmingpool, genieße das Dolce far niente, sei jung, reich und schön.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Kino hat hier manchen Klassiker geschaffen, der sich als Projektionsfläche eignet. „La piscine“ („Der Swimmingpool“) vom Regisseur Jacques Deray aus dem Jahr 1969 ist dafür ein Beispiel. Romy Schneider und Alain Delon genießen das Dasein an einem Pool in Saint-Tropez, bevor Besuch die Idylle nachhaltig stört. Unter dem Titel „A Bigger Splash“ hat Luca Guadagnino das Drama im vergangenen Jahr mit Tilda Swinton und Ralph Fiennes neu verfilmt und ebenfalls auf eine Ausstattung gesetzt, die zum Träumen einlädt. Wer sich inspirieren lassen möchte: Der Film wird am Montag von 20.20 Uhr an im Kinopolis im Main-Taunus-Zentrum gezeigt, am 11. August ist er im Freiluftkino Frankfurt zu sehen (Mainzer Landstraße 229, Hinterhof, Einlass 20 Uhr, Beginn etwa 21.30 Uhr).

          Eine traumhafte Ausstattung unter südfranzösischer Sonne hat auch François Ozons im Jahr 2003 gedrehter Film „Swimming Pool“ mit Charlotte Rampling und Ludivine Sagnier zu bieten. Allerdings tun sich auch dort Abgründe auf, die das friedliche Bild schon bald stören. Dann lieber schnell wieder die Augen aufgerissen oder in der DVD- oder Download-Auswahl zu Ridley Scotts Film „Ein gutes Jahr“ aus dem Jahr 2006 mit Russell Crowe und Marion Cotillard in den Hauptrollen gegriffen. Der spielt auch in Frankreich, hat ebenfalls einen Swimmingpool als wichtiges Ausstattungsmerkmal und feiert, obwohl er viele Klischees bedient, einfach das Leben.

          Filme im Freibad

          Man kann aber nicht nur Filme über das Leben an Swimmingpools sehen, sondern in den nächsten Tagen auch Filme im Schwimmbad selbst. Das Open-Air-Kino im Bad Vilbeler Freibad zeigt in diesen Tagen von jeweils 20.15 Uhr an aktuelle Streifen. Heute läuft „Independence Day - Wiederkehr“, morgen „Frühstück bei Monsieur Henri“, am Montag „The Jungle Book“, am Dienstag „Verräter wie wir“, am Mittwoch gibt es einen Überraschungsfilm. Wieso sollte man auch nur im Autokino mit dem eigenen Wagen bis vor die Leinwand fahren können? Zum Kampf gegen die Aliens schwimmt es sich doch auch schön. Dass man das Pool-Vergnügen nicht nur im öffentlichen Schwimmbad, sondern auch im eigenen Garten veranstalten kann, ist eine amerikanische Erfindung, die vor vier Jahren im wunderschönen Bildband „Backyard Oasis“ gefeiert wurde, der im Buchhandel für 55,65 Euro noch erhältlich ist. „The Swimming Pool in Southern California Photography 1945-1982“ lautet der Untertitel.

          Lesen im Freibad

          Dass die Oase im Garten hinter dem Haus manchmal nur ein Trugbild ist, führt eine Short Story des amerikanischen Autors John Cheever (1912 bis 1982) vor Augen, die gar nicht genug gepriesen werden kann. Die brillante Geschichte mit dem Titel „Der Schwimmer“ findet sich im gleichnamigen Band, der Cheevers beste Storys in neuer Übersetzung von Thomas Gunkel versammelt (gebunden bei DuMont, im Taschenbuch bei Heyne), und erzählt von einer amüsanten Idee: Während einer kleinen Gartenparty bei Freunden fällt dem namenlosen Schwimmer auf, dass die Pools der Nachbarfamilien fast wie eine durchgehende Wasserstraße zum eigenen Haus zurückreichen. Wäre es da nicht ein Spaß, den Nachhauseweg schwimmend zurückzulegen, von Pool zu Pool bis zum eigenen Garten? Gesagt, getan. Auf dem Weg schwinden dem Schwimmer allerdings die Kräfte und allmählich wird dem Leser schaudernd bewusst, dass hier kein strahlender Sportler beschrieben wird, sondern der Leidensweg und Verfall eines Trinkers. Im Nachwort zum Buch schreibt T. C. Boyle, der ja ebenfalls ein großer Geschichtenerzähler ist, unmissverständlich: „You must read this.“ Er hat recht. Warum also nicht Cheever am Pool lesen, hat doch gerade eine Umfrage für die von der deutschen Buchbranche lancierte Kampagne „Vorsicht, Buch“ herausgefunden, dass das Lesen im Schwimmbad die zweitliebste Beschäftigung deutscher Badender ist. Nur das Beobachten anderer Schwimmer ist noch beliebter. Fast 53 Prozent aller Freibadfans greifen zwischendurch zur Lektüre, rund 62 Prozent vergewissern sich regelmäßig, wie gut gebaut und gut gekleidet die Umgebung aussieht. Der Verzehr von Pommes frites ist hingegen nur für rund 18 Prozent das Schönste am Freibad. Und das Einziehen des Bauches, das nach dem Essen nötig wird, mögen sogar nur etwa neun Prozent besonders gerne.

          Essen im Freibad

          Trotzdem sind Pommes unverzichtbar für jenes Menü, das nur im Freibad so unvergleichlich schmeckt. Dazu kaufe man am Kiosk eine Portion Pommes frites, garniere sie mit reichlich Ketchup und Mayonnaise rot-weiß (Version „Schranke“) und spüle alles mit einer Flasche süßer Orangenlimonade hinunter.

          Farben des Sommers: Zum Besuch im Freibad gehört eine Portion Pommes rot-weiß.
          Farben des Sommers: Zum Besuch im Freibad gehört eine Portion Pommes rot-weiß. : Bild: dpa

          Sind die Pommes ausverkauft, bietet sich als hinreichender Ersatz der Griff zum Würstchen an, das aber mindestens vier Stunden im warmen Wasser gedümpelt haben muss. Dazu kann ausschließlich eine durchgeschnittene Scheibe trockenen Toasts aus einem Sägemehl-Derivat gereicht werden, die etwas dicker als der Pappteller zu sein hat, damit nicht versehentlich dieser verspeist wird. Zum Nachtisch dann ein tiefer Griff in die Eistruhe und in die Geschichte: Produkte wie „Capri“ und „Dolomiti“ wecken Erinnerungen bei Generationen. Und als Digestif - man gönnt sich ja sonst nichts - darf dann bei einer letzten Bahn im Schwimmbecken der Schluck jenes Cocktails aus lauwarmem Wasser und viel Chlor nicht fehlen, in dem Spuren von Delia-Sonnenmilch, Tiroler Nussöl und Pipi für ein unvergessliches Aroma sorgen.

          Freibad Hausen

          So, sagt man, schmecke gelegentlich auch das Wasser im Frankfurter Freibad Hausen, das, davon einmal abgesehen, als das kulturell wertvollste Schwimmbad der Region zu gelten hat. Vielleicht ist es der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld gewesen, der hier als erster Büchermensch seine Bahnen zog. Sein Sohn Joachim Unseld, der heute die Frankfurter Verlagsanstalt leitet, hat es ihm seitdem jedenfalls ebenso nachgetan wie KD Wolff, der Leiter des Stroemfeld-Verlags. Und Hans Traxler, der Zeichner und Dichter, hat dem von ihm oft besuchten Bad sogar ein Buch gewidmet, das alle Freunde des Schwimmens und der Künste entzückt. „Ein Sturmtief überm Freibad Hausen“, im vorigen Jahr bei der Büchergilde Gutenberg erschienen, berichtet in zahlreichen Zeichnungen, zu denen unser Titelbild zählt, von einem Gewittertag, an dem der Traum des Besuchers wahr wird, ungestört seine Bahnen zu ziehen, da der Regen alle anderen aus dem Wasser jagt. Im Buchhandel kostet das kleine Werk 16,95 Euro, es ist ein herrliches Sommergeschenk.

          Musik im Freibad

          Bitte nicht so laut oder am besten unter dem Kopfhörer. Lieder über „Swimming“ gibt es ja wie Sand am Meer, doch kaum eines über Pools. Braucht es aber auch nicht, weil hierzu alles in zwei Zeilen der neben „Teenage Kicks“ fabelhaftesten Teenager-Hymne aller Zeiten gesagt ist: „Won’t you let me walk you home from school? Won’t you let me meet you at the pool?“, heißt es im Song „Thirteen“ von Big Star. Hören und zusagen. Bis gleich am Pool.

          Weitere Themen

          Baulust bei den Hessen

          Durch Corona : Baulust bei den Hessen

          Bad, Küche oder Pool – die Hessen investieren ihr Urlaubs-Budget in die eigenen vier Wände. Bei vielen Handwerksbetrieben brummt das Geschäft.

          Topmeldungen

          Schüler stecken sich vornehmlich außerhalb der Schule mit Corona an

          Corona in Schulen : Ansteckungen abseits des Pausenhofs

          Befürworter von Schulschließungen argumentieren mit einer hohen Dunkelziffer von Corona-Infektionen – doch die gibt es gar nicht, wie jüngste Zahlen zeigen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.