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Inspiration im Freibad : Licht, Wasser und ein kleines bisschen mehr

Lesen im Freibad

Dass die Oase im Garten hinter dem Haus manchmal nur ein Trugbild ist, führt eine Short Story des amerikanischen Autors John Cheever (1912 bis 1982) vor Augen, die gar nicht genug gepriesen werden kann. Die brillante Geschichte mit dem Titel „Der Schwimmer“ findet sich im gleichnamigen Band, der Cheevers beste Storys in neuer Übersetzung von Thomas Gunkel versammelt (gebunden bei DuMont, im Taschenbuch bei Heyne), und erzählt von einer amüsanten Idee: Während einer kleinen Gartenparty bei Freunden fällt dem namenlosen Schwimmer auf, dass die Pools der Nachbarfamilien fast wie eine durchgehende Wasserstraße zum eigenen Haus zurückreichen. Wäre es da nicht ein Spaß, den Nachhauseweg schwimmend zurückzulegen, von Pool zu Pool bis zum eigenen Garten? Gesagt, getan. Auf dem Weg schwinden dem Schwimmer allerdings die Kräfte und allmählich wird dem Leser schaudernd bewusst, dass hier kein strahlender Sportler beschrieben wird, sondern der Leidensweg und Verfall eines Trinkers. Im Nachwort zum Buch schreibt T. C. Boyle, der ja ebenfalls ein großer Geschichtenerzähler ist, unmissverständlich: „You must read this.“ Er hat recht. Warum also nicht Cheever am Pool lesen, hat doch gerade eine Umfrage für die von der deutschen Buchbranche lancierte Kampagne „Vorsicht, Buch“ herausgefunden, dass das Lesen im Schwimmbad die zweitliebste Beschäftigung deutscher Badender ist. Nur das Beobachten anderer Schwimmer ist noch beliebter. Fast 53 Prozent aller Freibadfans greifen zwischendurch zur Lektüre, rund 62 Prozent vergewissern sich regelmäßig, wie gut gebaut und gut gekleidet die Umgebung aussieht. Der Verzehr von Pommes frites ist hingegen nur für rund 18 Prozent das Schönste am Freibad. Und das Einziehen des Bauches, das nach dem Essen nötig wird, mögen sogar nur etwa neun Prozent besonders gerne.

Essen im Freibad

Trotzdem sind Pommes unverzichtbar für jenes Menü, das nur im Freibad so unvergleichlich schmeckt. Dazu kaufe man am Kiosk eine Portion Pommes frites, garniere sie mit reichlich Ketchup und Mayonnaise rot-weiß (Version „Schranke“) und spüle alles mit einer Flasche süßer Orangenlimonade hinunter.

Farben des Sommers: Zum Besuch im Freibad gehört eine Portion Pommes rot-weiß.
Farben des Sommers: Zum Besuch im Freibad gehört eine Portion Pommes rot-weiß. : Bild: dpa

Sind die Pommes ausverkauft, bietet sich als hinreichender Ersatz der Griff zum Würstchen an, das aber mindestens vier Stunden im warmen Wasser gedümpelt haben muss. Dazu kann ausschließlich eine durchgeschnittene Scheibe trockenen Toasts aus einem Sägemehl-Derivat gereicht werden, die etwas dicker als der Pappteller zu sein hat, damit nicht versehentlich dieser verspeist wird. Zum Nachtisch dann ein tiefer Griff in die Eistruhe und in die Geschichte: Produkte wie „Capri“ und „Dolomiti“ wecken Erinnerungen bei Generationen. Und als Digestif - man gönnt sich ja sonst nichts - darf dann bei einer letzten Bahn im Schwimmbecken der Schluck jenes Cocktails aus lauwarmem Wasser und viel Chlor nicht fehlen, in dem Spuren von Delia-Sonnenmilch, Tiroler Nussöl und Pipi für ein unvergessliches Aroma sorgen.

Freibad Hausen

So, sagt man, schmecke gelegentlich auch das Wasser im Frankfurter Freibad Hausen, das, davon einmal abgesehen, als das kulturell wertvollste Schwimmbad der Region zu gelten hat. Vielleicht ist es der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld gewesen, der hier als erster Büchermensch seine Bahnen zog. Sein Sohn Joachim Unseld, der heute die Frankfurter Verlagsanstalt leitet, hat es ihm seitdem jedenfalls ebenso nachgetan wie KD Wolff, der Leiter des Stroemfeld-Verlags. Und Hans Traxler, der Zeichner und Dichter, hat dem von ihm oft besuchten Bad sogar ein Buch gewidmet, das alle Freunde des Schwimmens und der Künste entzückt. „Ein Sturmtief überm Freibad Hausen“, im vorigen Jahr bei der Büchergilde Gutenberg erschienen, berichtet in zahlreichen Zeichnungen, zu denen unser Titelbild zählt, von einem Gewittertag, an dem der Traum des Besuchers wahr wird, ungestört seine Bahnen zu ziehen, da der Regen alle anderen aus dem Wasser jagt. Im Buchhandel kostet das kleine Werk 16,95 Euro, es ist ein herrliches Sommergeschenk.

Musik im Freibad

Bitte nicht so laut oder am besten unter dem Kopfhörer. Lieder über „Swimming“ gibt es ja wie Sand am Meer, doch kaum eines über Pools. Braucht es aber auch nicht, weil hierzu alles in zwei Zeilen der neben „Teenage Kicks“ fabelhaftesten Teenager-Hymne aller Zeiten gesagt ist: „Won’t you let me walk you home from school? Won’t you let me meet you at the pool?“, heißt es im Song „Thirteen“ von Big Star. Hören und zusagen. Bis gleich am Pool.

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