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Das Viertel um die EZB : Herztransplantation

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Monika Berkenkopf, die zusammen mit ihren Schwestern die „Kutscherklause“ führt, sagt, dass sich gerade die, von denen man es nicht erwartet, manchmal nach etwas anständig Deftigem sehnen. Das galt schon, als sich vor Jahren eines Nachts ein Oberstaatsanwalt in ihr Restaurant in der Großmarkthalle chauffieren und seinen Kopf sturzbetrunken ins Gulasch fallen ließ. Und das gilt noch: Ein paar Banker waren auch schon in der „Kutscherklause“. Aber werden es genug sein, so viele, wie sie hier alle hoffen, die „Frankfurter Küche“, die „Hesse Wirtschaft“, die anderen Lokale in der Gegend, auch das „Jesse James“?

Wichtiges Jahr für die „Kutscherklause“

Der „Kutscherklause“ bleibt vielleicht nicht mehr genug Zeit, um das herauszufinden. Anfang 2016 läuft der Mietvertrag aus. Vor zehn Jahren hatten sich die Berkenkopfs auf eine Mieterhöhung eingelassen - und eigentlich damit gerechnet, dass bei Ende des Vertrags die EZB schon zwei Jahre lang bezogen sein würde. Monika Berkenkopf ahnte damals, dass mit dem Neubau die Miete noch einmal steigen würde, aber weil sie niemand ist, der einfach nur jammert, dachte sie: Zwei Jahre, das reicht aus, um herauszufinden, ob die Bank genug neue Gäste anzieht, um eine weitere Mieterhöhung zu verkraften.

Jetzt bleibt ihr ein knappes Jahr. Zu wenig, befürchtet sie und erzählt von dem Café am Ostbahnhof, das schon schließen musste. Abends, wenn sie Henry Gassi führt, der tagsüber in der Klause herumtappt, dann stehen da auf dem Gehsteig vor der EZB reihenweise Taxis, die die Mitarbeiter schnell wieder dahin bringen, wo sie morgens hergekommen sind.

„Niemand wird so schnell weggentrifiziert“

Gerade ist das Ostend ein Ort großer Gleichzeitigkeit. Die EZB glänzt fertig, aber zu ihren Füßen hoffen sie am Arbeiterstrich immer noch auf Aufträge für diesen einen Tag, auch wenn die armen Teufel weniger werden. Wo jahrelang Baulücke oder Parkplatz war, ziehen sie jetzt Häuser hoch. Aber die, die sich die Preise dort in zwei Dekaden nicht mehr werden leisten können, wohnen immer noch nebenan in den schmuddeligen Sechziger-Jahre-Bauten. Die Welten bleiben unter sich. So etwas wie die „Terminusklause“ im Bahnhofsviertel, wo sich Hippness und Authentizität zu etwas ganz Neuem mischen, ist im Ostend bisher undenkbar.

Stadtführer Prenzel, der selbst mal Banker war, glaubt nicht daran, dass sich das so bald ändern wird. Er meint eher, dass die Alten noch lange bleiben dürfen, die Neuen kommen, aber niemand so schnell weggentrifiziert wird. Der mittelmäßigen Bausubstanz wegen, der Hanauer Landstraße wegen, die „keine Aufenthaltsqualität“ habe, der „kleinteiligen Straßenführung“ wegen, weil ein zentraler Platz fehle. „Das wird hier nicht wie das Nordend“, sagt der Stadtführer.

„Das wird hier wie das Westend“, sagen sie in der „Kutscherklause“, und es ist typisch für das Viertel, dass alle eine Meinung haben, aber keiner weiß, was wird. Joachim Günther ist schon weggezogen, er kommt nicht mehr so oft in die Klause, an diesem Freitagnachmittag ist er da. Moni hat ihm vier Schachteln filterlose Reval aus dem Automaten gezogen. „Morgen spielt die Eintracht“, sagt er. „Reicht also bis Sonntag.“

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