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Das Viertel um die EZB : Herztransplantation

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Und wie sehen es die Banker?

Carlos Bowles arbeitet seit 2004 bei der EZB und inzwischen dort, wo früher die Großmarkthalle war. Deshalb wird von ihm einiges erwartet. Er soll jetzt bitteschön das Viertel bevölkern, wenn er es schon zur Veränderung zwingt und alles schick und teuer macht. Er soll an den aufgehübschten Mittagstischen speisen und sich in der Vernebelungskammer der „Frankfurter Salzgrotte“ entspannen.

Ist das nicht vielleicht zu viel verlangt, von 2800 umgetopften Mitarbeitern? Bevor die EZB ins Ostend gezogen ist, hat die Kommunikationsabteilung der Zentralbank intern für den Stadtteil geworben. Mitarbeiter, die das Viertel kennen, wurden interviewt, sollten sagen, was ihnen gefällt und dass es dort nicht gefährlich ist. Bowles wohnt in Praunheim, in der Nähe der Europäischen Schule, viele seiner Kollegen halten das so. Er fährt jetzt anderthalb Stunden zur Arbeit, wenn er die Zeit dazurechnet, die er braucht, um seine Kinder in die Schule zu bringen. Und Carlos Bowles rechnet sie dazu, weil Zeit knapp ist bei ihm. Er ist Gitarrist und denkt jetzt laut darüber nach, beim Konservatorium direkt neben der EZB Stunden zu nehmen. „Das ginge vielleicht auch in der Mittagspause und würde helfen, Wurzeln zu schlagen im Viertel“, sagt er. Im Ostend unterwegs war Bowles allerdings noch nie, noch nicht einmal zum Mittag. Und er klingt nicht so, als würde sich das in Zukunft ändern.

Carlos Bowles ist Franzose, er kommt aus Paris, und hat deshalb naturgemäß ein anderes Verständnis davon, ab wann Mieten hoch sind. Dass sie jetzt rund um die EZB steigen, findet er, sei kein Ostend-Problem, sondern ein Frankfurt-Problem - wenn es denn überhaupt ein Problem sei. „Das sieht doch toll aus“, sagt er, als er vom 27. Stock herunter auf die neuen Häuser an der Oskar-von-Miller-Straße zeigt.

Die Hoffnung auf zahlkräftige Banker

Hans-Joachim Prenzel gibt Carlos Bowles recht, ein bisschen jedenfalls. Prenzel ist so etwas wie ein Vermittler zwischen dem alten und dem neuen Ostend, einer, der sich auskennt. Er lebt seit 1972 im Viertel, macht ehrenamtliche Stadtführungen. „Es gab ganz üble Ecken“, sagt er über seinen Stadtteil. „Jetzt gibt es sogar ein schönes Mainufer.“ Weil die Pläne dazu schon vor der Jahrtausendwende entwickelt worden seien, sei der Einfluss der EZB darauf gering. Die Bank lenke nur die Aufmerksamkeit auf das Ostend, meint Prenzel.

Weil Gäste da sind, haben sie in der „Kutscherklause“ jetzt die Musik aufgedreht. Es ist die Hymne. „Wir pfeifen auf den Spargel und den Messeturm“, geht der Text. „Wir sind markthallensüchtig, Frankfurt Ostend, Gott sei Dank.“ An der Theke erzählt Joachim Günther von seinen Operationen. „Hier, hier und hier die Herz-Lungen-Maschine dran gehabt“, sagt er und zeigt auf den Hals, die Brust und das Herz. „Aba mir sin noch fit.“ Zum Beweis dreht sich Günther einmal um die eigenen Achse, über der Tür steht: „Danke, Papa, dass ich kein Offenbacher geworden bin.“

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