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Das Viertel um die EZB : Herztransplantation

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Das „Jesse James“ ist ein Pionier der Entwicklung. Beruk hofft, das andere nachkommen, „Konkurrenz belebt das Geschäft.“ Direkt gegenüber kündigt ein Plakat hinter einer staubigen Scheibe einen „Raum für Kaffeekultur“ an. Im Nordend, nur zum Beispiel, weiß jeder, dass der schmutzige Teil des Aufbruchs vorbei ist, wenn erst einmal Läden aufgemacht haben, deren Besitzer von „reflektiertem Kaffeegenuss“ reden.

Bisher ist jede Art von Aufschwung vorbeigegangen an dem Flecken Ostend rund um den Neubau der EZB. Weiter hinten, an der Hanauer Landstraße, haben Projektentwickler die brachliegenden Gewerbeflächen schon vor Jahren in Autohäuser und Diskotheken verwandelt. Der Sonnemannstraße blieben die Wettstuben und der Arbeiterstrich, bis heute. Aber seit dem alten Ostend die Großmarkthalle fehlt, hat es keine Wahl mehr: Es muss sich verändern, oder es wird verändert.

Wie das Ostend war

Über das alte Ostend, heißt es, kann Harry Leuchte am besten erzählen. Harry Leuchte erzählt von der Großmarkthalle. 40 Jahre lang war er Fuhrunternehmer. Also Spediteur? Leuchte schmunzelt und schweigt. Er hat die Waren, das Gemüse und das Fleisch, innerhalb der Großmarkthalle transportiert, bis in die Lastwagen der Großkunden. Jetzt führt sein Sohn das Unternehmen und fährt bis zu den Supermärkten der Großkunden. „Die Supermarktketten“, sagt Leuchte. „Als es die noch nicht gab, war hier morgens Hochbetrieb.“

Altes Ostend: Monika Berkenkopf mit Gästen an der Theke ihrer „Kutscherklause“ an der Ostendstraße.
Altes Ostend: Monika Berkenkopf mit Gästen an der Theke ihrer „Kutscherklause“ an der Ostendstraße. : Bild: Frank Röth

Harry Leuchte ist seit fünf Jahren Rentner, er kommt fast jeden Tag in die „Kutscherklause“ und setzt sich immer hinten in den Raucherraum. Drei Männer an seinem Tisch spielen Rommé. Inzwischen bekommen sie nicht mehr genug Leute für den „Rommé Club Kutscherklause“ zusammen, für den irgendwann der grüne Wimpel auf den Fenstersims gestellt und nie wieder weggeräumt worden ist. Harry Leuchte guckt zu. Rommé ist nichts für ihn. Morgen will er einen Bildband von der Großmarkthalle von zu Hause mitbringen.

Großmarkt raus, EZB rein, Ostend im Koma

Wer lange genug im Promille-Nebel an Monis Tresen sitzt, vergisst, dass es draußen die Großmarkthalle gar nicht mehr gibt. Die Leute in der „Kutscherklause“ haben ihre Identität verloren und warten darauf, dass jemand Ersatz vorbeibringt. Die Familie von Moni, die mit vollem Namen Monika Berkenkopf heißt, hatte früher drei Kneipen im Ostend: eine in der Großmarkthalle, eine direkt gegenüber an der Sonnemannstraße und die Klause an der Ostendstraße. „Und dann haben sie die Großmarkthalle wegradiert“, sagt sie. Sie sagt nicht: „Und dann haben sie die EZB gebaut.“ In der „Kutscherklause“ reden sie vom Verschwinden des Alten, nicht vom Auftauchen des Neuen. Sie reden darüber, wie über eine fehlgeschlagene Herztransplantation: Großmarkt raus, EZB rein, Ostend im Koma.

In den Türmen sind sie gastfreundlich. Sie empfangen gern und führen gern herum. Kaffeeküche, Aufzüge, 27. Stock, nicht ganz oben, aber beste Aussicht. Carlos Bowles zeigt von hier den letzten Teil seines Arbeitswegs: an der Ostendstraße raus aus der S-Bahn, das kleine Stück die Rückertstraße entlang, an der Mittagstisch-Werbetafel der „Hesse Wirtschaft“ vorbei, dann sind es nur noch zwei Drehkreuze bis nach Europa.

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