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Das erste Jahr ohne Sargpflicht : Ewige Ruhe am liebsten noch im Land der Vorfahren

  • Aktualisiert am

Jenseits: 85 Prozent seiner Kunden werden nach wie vor ins Ausland überführt, wie der Betreiber des Bestattungsinstituts „Sabir“ in Frankfurt sagt Bild: dpa

Noch immer werden die meisten hessischen Muslime im Land ihrer Vorfahren bestattet. Dabei gibt es fast überall im Land islamische Grabfelder. Seit einem Jahr ist in Hessen sogar eine Bestattung ohne Sarg möglich.

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          Nur wenige Muslime haben bisher die Möglichkeit genutzt, ihre Angehörigen in Hessen nach islamischem Glauben ohne Sarg bestatten zu lassen. Vor einem Jahr trat eine Gesetzesänderung in Kraft, die es Muslimen leichter macht, entsprechend ihren religiösen Vorschriften begraben zu werden. Nach und nach passen die Kommunen ihre Friedhofsordnungen an. In Frankfurt, Hanau und Kassel sind Bestattungen im Tuch bereits erlaubt, in Offenbach hat man sich auf einen Kompromiss geeinigt, in Wiesbaden und Darmstadt sucht man noch nach einer Lösung.

          Die Nachfrage ist allerdings verschwindend gering, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab. Die Zahl der Beisetzungen im Leichentuch im gesamten Bundesland kann man an zwei Händen abzählen - die meisten gab es in Gießen. Der Landesausländerbeirat geht davon aus, dass sich das bald ändert. „Es hat sich noch nicht herumgesprochen“, sagte Vorsitzender Enis Gülegen. Der Hessische Städtetag hatte bereits im Sommer 2013 seine Mustersatzung angepasst.

          Nach Mekka ausgerichtete Gräber

          In Frankfurt gibt es schon seit 1961 islamische Bestattungen,
          Beisetzungen ohne Sarg sind seit Anfang 2014 zulässig. Seither habe es aber erst eine einzige Bestattung im Leichentuch gegeben, sagte der Abteilungsleiter der Frankfurter Friedhöfe, Thomas Linne. Auf dem Parkfriedhof Heiligenstock gibt es nach Mekka ausgerichtete Gräber, einen Raum für rituelle Waschungen und eine Trauerhalle ohne christliche Symbolik. Die Stadt versuche den Muslimen so weit wie möglich entgegenzukommen: „Ohne Sarg, in unberührter Erde, mit verkürzter Bestattungsfrist, ewiges Ruherecht - geht alles.“

          Mit der Farbe des Propheten: muslimisches Grad in Frankfurt-Oberrad
          Mit der Farbe des Propheten: muslimisches Grad in Frankfurt-Oberrad : Bild: dpa

          In Offenbach werden Muslime auf einem seit 2000 bestehenden Grabfeld beigesetzt. Der Sarg kommt mit geschlossenem Deckel ins Grab, der Deckel wird abgehoben und dann neben den Sarg gestellt. Mit diesem mit dem Ausländerbeauftragten abgestimmten Kompromiss „kommen alle gut klar“, sagte Oliver Gaksch, Sprecher des für die Friedhöfe zuständigen Eigenbetriebs Stadt Offenbach (ESO). Bestattungen ganz ohne Sarg sind in Offenbach nicht möglich. Pro Jahr würden nur zehn bis 15 Muslime beerdigt. Gaksch vermutet nach seinen Worten, dass die meisten eine Bestattung in der Heimat vorziehen.

          In Hanau hat es auf dem Hauptfriedhof bislang zwei sarglose Bestattungen gegeben. Probleme gebe es damit nicht, sagte Stadtsprecher Joachim Haas-Feldmann. „Die städtische Friedhofsverwaltung hat das Einführen der sarglosen Bestattung zuvor intensiv mit dem Muslimischen Arbeitskreis in Hanau besprochen“, Einige Vertreter anderer Kommunen aus dem Rhein-Main-Gebiet seien schon in Hanau gewesen, um sich die Vorgehensweise anzuschauen.

          Die Verwaltung in Hanau hat zusammen mit den Muslimen den Ablauf genau festgelegt: Der Leichnam wird zwar in einem Sarg zum muslimischen Bestattungsfeld gebracht. Dort wird der Leichnam aus dem Sarg in das Grab gelegt und mit Brettern quer bedeckt. Den Sarg nimmt der Bestatter nach der Beisetzung wieder mit. Auch Bestattungen im Tuch seien möglich. In der Trauerhalle am Hauptfriedhof steht Muslimen auch ein Raum für rituelle Waschungen zur Verfügung.

          Auf dem Südfriedhof in Wiesbaden finden seit 1992 in einem separaten Grabfeld muslimische Beisetzungen statt. Die meisten sind bereits belegt. Aktuell gebe es keine konkreten Nachfragen zu sarglosen Bestattungen, sagte ein Sprecher der Stadt. Die derzeit gültige Friedhofssatzung sehe eine sargfreie Bestattung auch noch nicht vor. Sie soll aber in der ersten Jahreshälfte 2014 geändert werden.

          Gen Mekka: ein Gräberfeld für Muslime in Rüsselsheim
          Gen Mekka: ein Gräberfeld für Muslime in Rüsselsheim : Bild: Michael Kretzer

           Auch in Kassel gab noch keine einzige sarglose Bestattung.
          „Anträge auf eine Beisetzung dieser Art liegen uns bislang nicht vor“, sagte Stadtsprecher Ingo Happel-Emrich. Die Stadt hat für die Bestattung von Muslimen ein eigenes Gräberfeld auf dem Westfriedhof reserviert. Sarglose Bestattungen sind - wie in Frankfurt - seit Jahresbeginn erlaubt.

          Satzung noch in Arbeit

          In Rüsselsheim dagegen hat das Ende der Sargpflicht eine erhöhte Nachfrage nach Grabfeldern für Muslime in der Stadt nach sich gezogen. Neben den 60 bestehenden Gräbern standen schon im Herbst vergangenen Jahres 450 weitere zur Verfügung, alle sind nach Mekka ausgerichtet, so wie es der islamische Glaube verlangt. Jeder fünfte Einwohner Rüsselsheims ist Muslim.

          In Gießen wird seit Mitte des vergangenen Jahres auf Wunsch nach dem islamischen Ritus bestattet. Die Stadt zählte in dieser Zeit etwa fünf Beerdigungen nach dieser Art. „Eine Festschreibung in der Satzung soll bei der nächsten allgemeinen Änderung der Satzung erfolgen“, berichtete die mittelhessische Kommune. Neue Grabfelder seien nicht entstanden, bestattet werde auf einer Fläche für muslimische Gräber, die es seit 1995 gebe.

          Darmstadt sucht noch nach einer Lösung, wie Muslime ohne Sarg bestattet werden können. Der Sandboden auf dem Waldfriedhof, wo die entsprechenden Gräber sind, sei weich. Das mache es schwierig, die Toten nach Mekka hin auszurichten und die Gräber so tief auszuheben wie vorgeschrieben, sagte der stellvertretende Leiter der städtischen Friedhofsabteilung, Gernot Meixner. „Es gibt keine große Nachfrage nach einer Beerdigung ohne Sarg“, sagte Meixner. Dies sei für gläubige Moslems anscheinend keine entscheidende Frage.

          85 Prozent der Kunden ins Ausland überführt

          Mustafa Akilli führt eines der größten islamischen Bestattungsinstitute in Frankfurt, Sabir. 85 Prozent seiner Kunden werden nach wie vor ins Ausland überführt. Einer der Gründe: „Das ist billiger als hier.“ Seit in Hessen der Sargzwang gelockert wurde, würden Beerdigungen im Inland „viel mehr nachgefragt“, sagt Akilli. Grundsätzlich sei die Zahl islamischer Bestattungen in Deutschland in den letzten Jahren um rund 20 Prozent gestiegen, sagt sein Kollege Mohamed Oudrefi, islamischer Bestatter aus Wiesbaden. Mit der Aufhebung des Sargzwangs habe das aber nichts zu tun.

          Muslimische Bestattungsregeln

          Auf der einen Seite stehen das hessische  Bestattungsgesetz und die Vorschriften der jeweiligen Kommune. Auf der anderen Seite existieren religiöse Regeln für die Beisetzung. Beides passt nicht immer zusammen.

          Nach dem islamischen Bestattungsritus sollen die Leichen von Muslimen in nahtlos verschnürte Grabtücher gewickelt und ohne Sarg begraben werden - in Hessen galt lange Sargzwang. Vor einem Jahr wurde er gelockert.

          Die Gräber von Muslimen sollen so ausgerichtet sein, dass der Verstorbene nach Mekka blickt - für christliche Friedhöfe war das unerheblich. Inzwischen sind in vielen Orten muslimische Grabfelder mit korrekter Ausrichtung entstanden.

          Muslimische Tote sollen innerhalb von 24 Stunden bestattet werden - nach deutschem Gesetz dürfen Leichen frühestens 48 Stunden nach dem Tod bestattet werden. Die Frist kann aber verkürzt werden, wenn ein Arzt bescheinigt, dass kein Scheintod vorliegt.

          Muslime sollen ein „ewiges Ruherecht“ haben - auf vielen deutschen Friedhöfen aber werden Gräber nach 20 bis 25 Jahren neu belegt. Das Nutzungsrecht der Grabstätte kann aber beliebig verlängert werden. (dpa)

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