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Diakonissenkrankenhaus : Ende einer langen Tradition

  • -Aktualisiert am

Bald geschlossen: Das Diakonissenkrankenhaus zieht aus dem früheren Kindersiechenhaus aus. Bild: Wolfgang Eilmes

Das Gelände des Diakonissenkrankenhauses an der Holzhausenstraße in Frankfurt ist verkauft. Im Ersten Weltkrieg wurden hier Verwundete gepflegt, im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmte die Militärverwaltung das Krankenhaus. Jetzt sollen Wohnungen entstehen.

          3 Min.

          Im Juli blicken die Frankfurter Diakonissen auf 150 Jahre Krankenversorgung zurück. Im Diakonissenkrankenhaus an der Holzhausenstraße werden sie das Jubiläum allerdings nicht feiern. Denn  verlassen die letzten Patienten das Haus und werden in einen Neubau am Markuskrankenhaus verlegt. Nach dem Auszug der Geriatrischen Klinik sollen an der Holzhausenstraße Wohnungen entstehen.

          Ingrid Karb
          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Gelände ist nach Angaben von Pfarrer Matthias Welsch, Theologischer Vorstand des Diakonissenhauses, schon verkauft, weil eine andere Nutzung an dem Standort vom Bauamt nicht erlaubt werde. Damit ziehen sich die Diakonissen auf den nordöstlichen Teil des Quartiers zurück, das an Cronstettenstraße, Eysseneckstraße, Holzhausenstraße und Eschersheimer Landstraße grenzt. Auf dem Gelände bleiben 29 evangelische Schwestern im Alter von 40 bis 101 Jahren in zwei Häusern. Das Alten- und Pflegeheim Nellinistift befindet sich weiter in ihrem Besitz, wird aber schon seit einiger Zeit vom Evangelischen Verein für Innere Mission betrieben.

          „Der Arierparagraph wird bei uns nicht angewendet“

          Der 1861 gegründete Diakonissenverein hatte im Jahr 1866 an der Querstraße eine Krankenstation mit zunächst zehn Betten eröffnet. 1874 errichteten die Diakonissen an der Eschersheimer Landstraße nicht nur ihr Mutterhaus, sondern auch ein eigenes Krankenhaus. In den folgenden Jahren bauten mehrere Stiftungen sogenannte Siechenhäuser an der Holzhausenstraße. 1910 musste das Krankenhaus erstmals erweitert werden und erhielt einen Anbau. Seit 1888 gab es eine eigene Krankenpflegeschule; 1909 wurden dort die ersten staatlichen Examen abgelegt, im Jahr 2000 die letzten.

          Schon im Ersten Weltkrieg pflegten die Schwestern viele Verwundete. Im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmte die Militärverwaltung dann Mutter- und Krankenhaus. In den Häusern entstand das Reservelazarett V, in dem nicht nur Schwerverwundete untergebracht wurden, sondern auch Ärzte, Sanitätsmannschaften und Verwaltungsbeamte. Gehen musste damit der jüdische Chefarzt Richard von Lippmann. Er kehrte jedoch 1941 nach dem Auszug des Lazaretts zurück. Wie es in der Festschrift zu 125 Jahren Diakonissenkrankenhaus heißt, wurde er ebenso wie ein jüdisches Vorstandsmitglied nach 1933 weiter beschäftigt, weil die Diakonissen beschlossen hatten: „Der Arierparagraph wird bei uns nicht angewendet.“ Nach Angaben von Archivschwester Ulrike Buchholz wurde Lippmann jedoch in den Büchern nicht mehr offiziell als leitender Arzt geführt.

          1955 durften die Diakonissen auf das Gelände zurückkehren

          Auch das Diakonissengelände wurde von den Alliierten bei ihren Angriffen nicht verschont. Mitte März 1944 beschädigte eine Luftmine die Dächer und Fenster aller Häuser. In der Nacht zum 23.März brannten nach Angriffen britischer Flieger das Nellinistift, die Kirche und ein Großteil des Krankenhauses aus. Die Krankenhauseinrichtung konnten die Schwestern zunächst retten, sie wurde jedoch beim Angriff der Amerikaner zwei Tage später vollständig zerstört.

          Die Schwestern versorgten weiterhin Kranke und Verwundete, bis sie Ende April 1945 auf Weisung der Amerikaner das Gelände im Nordend räumen mussten. Die Amerikaner hatten alle Grundstücke in der Nähe ihrer Hauptverwaltung im früheren IG-Farben-Haus beschlagnahmt. Mit Mühe fanden die Schwestern Unterschlupf in der Villa Manskopf, in der sie jedoch keine Krankenstation einrichten konnten.

          Der Krankenhausbetrieb wurde erst 1955 wieder aufgenommen, als die Diakonissen auf ihr Gelände zurückkehren durften. Dafür genutzt wurden die früheren Siechenhäuser an der Holzhausenstraße, die den Krieg überstanden hatten. 1973 wurde unter dem Internisten Karl Huth aus dem allgemeinen Krankenhaus mit Entbindungs- und Kinderstation eine Fachklinik für innere Medizin. Es gab auch noch eine Belegstation für Chirurgie, die jedoch nach dem Zusammenschluss der vier evangelischen Krankenhäuser der Stadt zu den Frankfurter Diakoniekliniken 1998 geschlossen wurde.

          Bedauern über den Auszug aus dem kleinen Haus

          Der Verbund, der Keimzelle der bundesweit tätigen Agaplesion gAG ist, beschloss wenig später, sich auf zwei Standorte zu konzentrieren. Seit 2003 stand fest, dass das Diakonissenkrankenhaus nicht als eigenständiges Haus fortgeführt, sondern in das Markuskrankenhaus in Ginnheim integriert wird. Der Chefarzt der als letzter Klinik am Standort verbliebenen Geriatrie, Rupert Püllen, bedauert einerseits den Auszug aus dem kleinen Haus, in dem eine familiäre Atmosphäre herrschte, freut sich andererseits aber auf die Vorteile aus der Zusammenarbeit mit anderen Kliniken am neuen Standort.

          Die Krankenversorgung gehört weiterhin zu den Aufgaben der Diakonissen, die nach Worten von Welsch auch am Markuskrankenhaus zu einem Drittel beteiligt sind. Schließlich blieben ihnen auch die beiden Sitze im Aufsichtsrat von Agaplesion. In dem evangelischen Krankenhausverbund seien die Frankfurter Diakonissen drittgrößter Anteilseigner. Unklar sei allerdings noch, wie sich die Schwestern im Krankenhausbetrieb in Ginnheim einbringen könnten. Am alten Standort an der Holzhausenstraße hätten sie die Patienten regelmäßig besucht und zum Beispiel mit ihnen musiziert.

           

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