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Darts-Showturnier : „Ich wollte einmal Phil Taylor sehen“

Viele Fans, die Scheibe ins Riesenhafte vergrößert: Das Turnier ist eine Massenveranstaltung. Bild: Wonge Bergmann

Betrunkene Fans, müde Spieler, kaum sportlicher Wert: Darts-Showturniere sind vor allem Geschäft. Ein Besuch bei den „Gude Darts Open“.

          So spannend scheint das Pfeilewerfen dann doch nicht zu sein. Einige der Zuschauer in der Ballsporthalle sind im Sitzen eingeschlafen, andere konzentrieren sich mit müden Augen auf ihr Bierglas. Die Wurfserien der Dart-Legenden Phil „The Power“ Taylor oder Raymond van Barneveld oder auch der weiteren sechs Turnierteilnehmer interessieren nur am Rande, Beifall ernten die Dartsprofis nur, wenn einmal eine „180“ gelingt, der Höchstwert für eine Serie von drei Würfen beim Darts. Oder mal ein „Checkout“, mit dem ein „Leg“ beendet wird. Sonst herrscht eine merkwürdig teilnahmslose Stimmung bei den Gude Darts Open, einem Einladungsturnier einer hessischen Eventagentur.

          Die Veranstaltung ist an sich ein Erfolg: Die Ballsporthalle in Höchst ist am Karsamstagabend bei fast 5000 Zuschauern, die zwischen 24 und 45 Euro für ein Ticket zahlen mussten, ausverkauft. Viele der Besucher sind verkleidet wie an Fastnacht, weil es sich beim Darts so eingebürgert hat. Der Bierverkauf läuft. Die Bühne ist perfekt inszeniert für das Spiel, bei dem in Serien von jeweils abwechselnd drei Würfen zwei Spieler auf einer Dartscheibe 501 Punkte mit möglichst wenigen Würfen exakt herunterzuspielen versuchen. Master Caller Gordon Shumway, ein enger Freund einiger Dartsgrößen, führt als Moderator entspannt durch den Abend. In der Pause tanzen viele Besucher auf den Tischen oder den Bierbänken, als Rick Arena, einer der zahllosen und dumpfen Mallorca-Ballermann-Sänger, seine Show abzieht und nicht einmal vor der Beethoven-Melodie des „Freude schöner Götterfunken“ haltmacht („Jeder muss an etwas glauben, ich glaub an das nächste Bier“).

          Etwas müde geworden

          Aber warum nur schauen sich so viele Leute eine Showveranstaltung an, bei der nur allzu offensichtlich wird, dass die Hauptdarsteller des Dartspielens etwas müde geworden sind. Der 58 Jahre alte Engländer Taylor, dank 16 Weltmeistertiteln die unumstrittene Galionsfigur seines Sports und für den Aufstieg des Kneipensports zu einem TV-Großereignis nicht nur in seiner Heimat England verantwortlich, hat eigentlich folgerichtig vor mehr als einem Jahr seine Turnierkarriere beendet. Seither reist er freilich durch die Welt und packt weiter nahezu Abend für Abend gegen entsprechend fürstliche Honorierung bei Einladungswettbewerben seine Darts aus. Die Welt bleibt für ihn eine Scheibe.

          Der Star des Abends: Dartspieler Phil „The Power“ Taylor

          Das Absurde an dem Theater bei den sportlich bedeutungslosen Schaukämpfen ist, dass Taylor ja nicht deshalb zur Darts-Legende wurde, weil er die Pfeile besonders elegant oder mit einer besonders sehenswerten Technik würfe oder mit Showeffekten brillieren könnte, die bei dem Sport nun einmal nicht möglich sind. Es gibt keine Fallrückzieher, Hackentricks, Pirouetten oder Kunstwürfe, sondern schlicht den zwar beeindruckend exakten, aber eben auch nüchtern-langweiligen Wurf ins Ziel. Taylors Zauber bestand zeit seiner Karriere darin, dass er mit einer unfassbaren Konstanz über zwei Jahrzehnte hinweg immer im richtigen Moment die richtigen Felder traf, wenn es um die großen Titel ging.

          Recht leicht zufriedenzustellen

          In dieser Fähigkeit ist Taylor zum einen nicht besser geworden, seit er sich vom Turnierzirkus verabschiedet hat. Zum anderen spielt er eben auch nicht mehr um große Titel. In Frankfurt verliert er letztlich recht sang- und klanglos sein Halbfinale gegen den auf der Tour des Profi-Dartspielerverbands PDC derzeit zu den besten Spielern zählenden Österreicher Mensur Suljovic, den späteren Turniersieger. Dann verlässt er die Bühne, Ende der Show. Die Fans stört das gar nicht. Das deutsche Darts-Publikum ist offenkundig recht leicht zufriedenzustellen. Selbst ohne einen deutschen Topspieler scheint ein Ende des Darts-Hypes noch immer nicht in Sicht, obwohl vor allem die PDC den Sport seit Jahren mittels inflationärer Vermehrung an Wettbewerben auspresst wie eine Zitrone, um den Umsatz zu steigern.

          Öffnen

          Manche Zuschauer bemängeln in Frankfurt lediglich die fehlende Nähe zu den Akteuren, die nach ihren Spielen nur ein paar Autogramme geben. „Ich wollte einmal im Leben Taylor sehen. Das habe ich jetzt geschafft“, sagt Nils, ein 23 Jahre alter Student. „Mich interessiert nicht, wie gut er noch spielt. Er ist einfach der Größte“, ergänzt sein Freund Marc.

          Zumindest einige Jahre lang war Raymond van Barneveld der Zweitgrößte, der Erzrivale Taylors. Vor vier Wochen hatte der seit vielen Monaten chronisch erfolglose Niederländer nach einer weiteren bitteren Niederlage in einer Reihe sportlicher Tiefschläge seinen sofortigen Rücktritt erklärt, auch wegen der Belastungen für seine von Diabetes belastete Gesundheit. Vermutlich ließ er sich durch seinen Manager mit Verweis auf vertragliche Verpflichtungen und entgehende Einnahmen noch einmal zum Weitermachen bis zum Jahresende überreden.

          Tanzen auf Tischen: Mallorca-Stimmung beim Darts.

          Nun verbringt der unter den Fans ungemein populäre Niederländer seinen 52. Geburtstag in der Frankfurter Ballsporthalle, bekommt von tausenden von Fans ein Geburtstagsständchen gesungen, aber er hat sichtlich Schwierigkeiten, sich für das Spiel zu motivieren, das ihn zu einem Nationalhelden hat werden lassen in seinem Heimatland. Sein Wurfstil, den die Zuschauer aufgrund der großenteils viel zu weiten Entfernung zum sportlichen Geschehen am Dartboard über Leinwände begutachten können, strahlt noch immer eine gewisse Leichtigkeit aus. Aber die Pfeile wirken zu schwer. Sie fliegen nur noch vergleichsweise selten ins Dreifach-20-Feld oder das gewünschte Doppel zum Beenden eines Legs. Und so verabschiedet sich auch der fünffache Weltmeister nach einer Halbfinalniederlage aus dem Turnier.

          Aber wenn unterhalb der riesigen Bühne auf dem Parkett der Halle ohnehin nur der Alkohol von Belang ist, dann ist das gleich. Und nächstes Jahr im April kommen Taylor und van Barneveld wieder. Das Geschäft läuft.

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