https://www.faz.net/-gzg-nvld

Darmstädter Todesfälle : "Verstorbene waren ausgezeichnet gepflegt"

  • Aktualisiert am

Das Alten- und Pflegeheim in Darmstadt Bild: dpa/dpaweb

Die Obduktionen der acht verstorbenen Bewohner eines städtischen Alten- und Pflegeheims in Darmstadt haben Mutmaßungen über nicht ausreichende Versorgung widerlegt. Am Mittwoch wurden fünf weitere Leichen obduziert.

          Die Obduktionen der acht verstorbenen Bewohner eines städtischen Alten- und Pflegeheims in Darmstadt haben Mutmaßungen über nicht ausreichende Versorgung widerlegt. Am Mittwoch wurden nach Aussage von Staatsanwalt Ger Neuber fünf weitere Leichen obduziert, der Bericht des Zentrums für Rechtsmedizin habe in keinem Fall einen ausgeprägten Austrocknungszustand festgestellt. Die alten Menschen seien eines natürlichen Todes gestorben und alle in einem "ausgezeichneten Pflegezustand" gewesen, sagte Neuber.

          Eine negative Flüssigkeitsbilanz, wie sie bei alten Menschen häufig anzutreffen sei, sei für die Todesfälle nicht ausschlaggebend gewesen. Vielmehr wären bei mehreren Bewohnern Gefäßverengungen festgestellt worden, einige seien auch an Herzinfarkten gestorben. Neuber fügte hinzu, toxikologische Untersuchungen sollten nun noch klären, ob es durch die Verabreichung von Medikamenten während der großen Hitze zu Komplikationen habe kommen können. Dann werde die Staatsanwaltschaft das eingeleitete Todesermittlungsverfahren schließen. Bürgermeister Wolfgang Glenz (SPD) reagierte erleichtert auf die Mitteilung. Es sei richtig gewesen, daß die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufgenommen habe. Im Altenheim seien Trinkprotokolle geführt worden, um einer Austrocknung vorzubeugen, hieß es bei der Stadt.

          Die CDU hat ihre Kritik am Darmstädter Magistrat im Zusammenhang mit den Erkrankungen und Todesfällen gleichwohl erneuert. Seit Mittwoch vergangener Woche waren in dem Heim 27 alte Menschen schwer erkrankt, acht von ihnen sind unterdessen gestorben. Der Magistrat hatte sich erst am Montag nachmittag mit einer kurzen schriftlichen Erklärung an die Medien gewandt. Die zu diesem Zeitpunkt sieben Todesfälle seien in dem Text erst im zweiten Absatz erwähnt worden. Zuvor habe man versucht, die Ursachen für diese Entwicklungen zu finden, hatte der zuständige Klinikdezernent Gerd Grünewaldt (SPD) auf Anfrage dazu mitgeteilt.

          "Der Magistrat hätte die Öffentlichkeit früher informieren müssen, ich bemängele das", sagte dagegen der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Rafael Reißer, "solche Entwicklungen kann man nicht durch Aussitzen lösen." Auch der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Jochen Partsch, meinte, es wäre wohl besser gewesen, wenn vom Magistrat früher über die Ereignisse informiert worden wäre. In der Magistratssitzung am Mittwoch sollten die Ereignisse lediglich durch einen Bericht von Bürgermeister Wolfgang Glenz (SPD) abgehandelt werden. Erst auf Wunsch des ehrenamtlichen Stadtrats Bernd Ellwanger (CDU) ist dort eine Diskussion darüber geführt worden, ob der Magistrat nicht eine Ehrenerklärung für das Pflegepersonal abgeben solle. Von seiten der Klinik wurde das aber nicht gewünscht, weil man dem Personal ohnehin vertraue.

          Die Auswertung der Dokumentationen der beiden Frankfurter Alten- und Pflegeheime, wo seit Anfang August 13 Menschen starben, brachte dagegen nicht die erhofften Erkenntnisse. Wie der Leiter des hessischen Amts für Versorgung und Soziales, Eike von der Heyden, gestern auf Anfrage berichtete, sind einige Protokolle über die Flüssigkeitszufuhr im Johanna-Kirchner-Heim an der Gutleutstraße und im Heinrich-Schleich-Haus in Fechenheim ungenau und mangelhaft. Im Falle einer 1910 geborenen Frau, die am 3. August verstorben war, gebe es überhaupt keine Aufzeichnungen darüber, wieviel das Personal ihr zu trinken gegeben habe. Dies lasse den Verdacht aufkommen, daß die Flüssigkeitszufuhr in einigen Fällen vernachlässigt worden sein könnte.

          Doch um beurteilen zu können, ob die Sorgfaltspflicht verletzt worden sei, würden jetzt umfangreiche Gespräche mit den Pflegekräften erforderlich. Die Bewohner jedoch, über die sorgfältige Dokumentationen vorlägen, hätten ganz sicher genügend zu trinken bekommen, sagte Heyden und berichtete von einem 1930 geborenen und am 1. August verstorbenen Mann, der am Tag des Todes zweimal vom Notarzt behandelt worden sei. Doch trotz fiebersenkender Mittel und optimaler Betreuung sei dieser Pflegebedürftige schließlich gestorben. Wie berichtet, sind seit Anfang August sieben Bewohner des Johanna-Kirchner-Heims und sechs des Heinrich-Schleich-Hauses gestorben. Heyden bedauerte, daß man anders als in Darmstadt keine Obduktionen vorgenommen habe. (ziz./rig.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die EU und Großbritannien : Warten auf Boris

          Einen Monat vor dem europäischen Gipfeltreffen, das Klarheit über den britischen EU-Austritt schaffen soll, wächst die Anspannung. Die EU hofft weiter auf konkrete Vorschläge aus Großbritannien. Doch die Zeit wird knapp.
          Jan (rechts) und Niclas Stemplewski

          Start-up Iubel : Klagen, Kassieren, Jubeln

          Der Prozessfinanzierer Iubel bietet schnellen Rechtsschutz und lässt per Algorithmus Chancen ermitteln. Auch am Dieselskandal will das Start-up mitverdienen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.