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Darmstädter Stadtfotografie : Stillleben des Städtebaus

  • -Aktualisiert am

Menschenleer: Die Bilder der Stadtfotografin erstaunen Betrachter, die sonst nur das wuselige Stadtleben kennen. Bild: Michael Kretzer

Die Stadtfotografin Anna Lehmann-Brauns zeigt ihren „Blick von außen“ auf Darmstadt. Betrachter erstaunt die menschenleere Innenstadt auf den Fotos.

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          Definiert man Purismus als die Haltung, einen Gegenstand, eine Landschaft, einen Menschen oder eine Stadt auf ihren Kern zu reduzieren, indem man „fremde Zutaten“ beseitigt, dann muss man die Fotografin Anna Lehmann-Brauns eine echte Puristin nennen. Davon kann sich jeder überzeugen, der die Ausstellung im Kunstforum der Technischen Universität Darmstadt mit dem Titel „Der Blick von außen“ besucht. Dort hängen 25 in Darmstadt gemachte Fotos von ihr an der Wand, die die „kulturelle Mitte“ zeigen. Im vergangenen Jahr hatte die Berlinerin das Areal rund um den Luisenplatz im Auftrag der Werkbundakademie erkundet, die seit 2001 „Stadtfotografen“ auswählt, sozusagen als visuelle Stadtschreiber. Lehmann-Brauns ist die elfte Fotografin in der Reihe.

          Die kulturelle Mitte ist Darmstadts Stadtkern im engeren Umkreis des Luisenplatzes und des Stadtschlosses, dessen städtebauliche Bedeutung die Werkbundakademie seit einigen Jahren versucht, ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Anlass dafür ist der Umstand, dass sich hier die kulturellen Institutionen geradezu ballen. Je nach Radius zählt man zwischen 22 und 45 Kultureinrichtungen plus mindestens 13 Plätze, die nach Ansicht des Werkbundes ihr Potential noch nicht voll entfaltet haben.

          Die konsequente Entsorgung des Menschen

          Wer nun die im Kulturforum ausgestellten Fotos von dem urbanen, quirligen, von Studenten, Schülern, Passanten, Bettlern, Straßenbahnen, Autos, Bussen und Fahrrädern geprägten Stadtzentrum betrachtet, erlebt möglicherweise erst einmal einen Schock oder zumindest eine gewisse Irritation. In der bundesweiten Ausschreibung für den Kunstpreis war zwar als Aufforderung vorgegeben, sich mit der Kamera auf die Spur der „typisch Darmstädter kulturellen Urbanität“ zu begeben. Die kennzeichnet auf den Bildern von Lehmann-Brauns im ersten Moment aber nur eines – die konsequente Entsorgung des Menschen.

          Die Berlinerin, die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Fotografie studierte und dort Meisterschülerin von Joachim Brohm wurde, zeigt die Arkadengänge an der Rheinstraße menschenleer, die Kunsthalle am Stubenplatz ohne jedes Leben, das Mollerhaus mit Bauzaun, aber ohne Besucher, und den stets belebten Georg-Büchner-Platz leer gefegt. Selbst das Luisencenter in Darmstadts wichtigster Einkaufsstraße lichtete sie ohne Passanten ab und ebenso den Eingang zur Centralstation.

          Ablichten einer künstlich-menschenleeren Stadt

          Die erste Frage, die einem durch den Kopf geht, lautet: Wie hat es Lehmann-Brauns mit ihrer Roleiflex- 6×6 -Mittelformatkamera, die manchmal lange Belichtungszeiten braucht, überhaupt fertiggebracht, die Plätze ohne behördliche Straßensperrung frei von Darmstädtern zu bekommen? Und die zweite: Warum lichtet sie eine künstlich-menschenlose Stadt ab? Welche Absicht steckt dahinter, die kulturelle Mitte auf reine Stadtarchitektur zu reduzieren und selbst diese nur in Ausschnitten zu zeigen?

          Lehmann-Brauns hat darauf in einem Interview mit der Kuratorin der Ausstellung, Julia Reichelt, eine Antwort gegeben, die wie ein Schlüssel wirkt: „Meine menschenleere Bilder sind immer auch Porträts. Mich interessiert ausschließlich der von Menschen gestaltete Raum.“ Die Fotografin hat damit schon in jungen Jahren begonnen, indem sie Gefühle und Porträts in Modell-Puppenstuben übertrug. In späteren Arbeiten zeigt sie gestaltete Innenräume, die sie als Porträts ohne Menschen versteht. Ihre Idee dabei lautet, Raum für Assoziationen zu lassen: „Was ist hier passiert? Wer lebt hier? Wie lebt man hier?“ lauten ihre Fragen.

          Die Reduktion des Stadtlebens auf nackte Architektur zeigt ein stilles, schlafendes Darmstadt, frei von „urbanem Stress“. Lehmann-Brauns präsentiert Stillleben des Städtebaus, die manchmal ungewohnte Ansichten zeigen, Bildkompositionen mit zum Teil verblüffendem Farb- und Lichtspiel bis hin zu romantischen Anklängen, etwa wenn der helle Mond am Nachthimmel über der Brandmauer der „Krone“ aufscheint, dem Gebäude, das als einziges der Darmstädter Altstadt den Zweiten Weltkrieg überlebt hat. Was alle Bilder gleichermaßen zu eigen ist: Sie zeigen eine funktionslose Stadt als inszenierte Komposition, als Form entkleideter Urbanität, bei deren Anblick es einem so ergeht wie bei einem Menschen, der sich aller Kleidung entledigt hat: ein nicht immer schöner, aber ehrlicher Anblick. Für Jula-Kim Sieber, Vorsitzende des Werkbunds, sind Lehmann-Brauns Fotos ein „schöner Impuls“, die sonst von Menschen überfluteten Räume neu zu sehen und die kulturelle Mitte neu zu denken. Gelegenheit dazu gibt es von heute an.

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