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Darmstädter Mathildenhöhe : Winterschutz für Krugträgerinnen

  • -Aktualisiert am
Der OB packt selbst mit an: Jochen Partsch haust die „Die steinerne Krugträgerinn Nr. 5“ des Künstlers Bernhard Hoetger ein.
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          Die Dame mit Krug ist nicht winterfest gekleidet. Ihren schmalen Körper umspielt ein leichtes und langes Tuch, unter dem nackte Füße hervorragen. Angesichts des angekündigten Wintereinbruchs mag der Betrachter da denken, höchste Zeit, dass für Abhilfe gesorgt wird. Schreiner Eberhard Uhland hat gestern Hand angelegt, Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) und das Ehepaar Christiane und Claus Dieter Knöchel haben ihm dabei geholfen, die leichtgeschürzte Dame einzuhausen. Wer am Samstag durch den Platanenhain auf der Mathildenhöhe schlendern sollte, wird am Platz der Krugträgerin nur eine Holzkiste finden. Auf deren Vorderseite verrät ein Bild, was sich in dem Schutzkästchen befindet.

          Dass auf der Mathildenhöhe Skulpturen und Plastiken wie in den Gärten Potsdams winterfest verpackt werden, ist neu. Partsch nannte gestern dafür zwei Gründe. Die von dem Bildhauer und Architekten Bernhard Hoetger zur letzten Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie 1914 geschaffenen Werke würden seit 2010 aufwendig gereinigt, restauriert und konserviert, weshalb eine pflegliche Behandlung des Skulpturenparks eine wichtige Aufgabe der Denkmalpflege darstelle. Mit Blick auf eine mögliche Anerkennung der Mathildenhöhe als Welterbestätte sei dieser Schutz zusätzlich von Bedeutung.

          Die vier Reliefwände bräuchten solche „Nachbesserungen“ nicht

          Hoetger hat für die Mathildenhöhe insgesamt 40 Arbeiten geschaffen, darunter mehrere Krugträgerinnen. 1914 hatten die Frauen aus Muschelkalk noch rote Lippen und braunes Haar. Die vergangenen fast 100 Winter haben von diesen Farbaufstrichen des Künstlers so gut wie nichts übrig gelassen. Die kräftigsten Farbspuren, die Restaurator Hans Michael Hangleiter und der Koordinator der Mathildenhöhe, Nikolaus Heiss, zuletzt gefunden haben, schimmerten grün und stammten von den Moosen, die sich in den Ritzen des Kalksteins ausgebreitet hatten. „Moose und Frostsprengungen nach Regen und Schnee setzen den Figuren am stärksten zu“, sagte Heiss. Deshalb sei über der Grabplastik „Sterbende Mutter mit Kind“ nach der Restaurierung ebenso ein Glasdach angebracht worden wie über der Brunnengruppe mit drei Krugträgerinnen. Nur die vier Reliefwände, die im Platanenhain ganz in der Nähe stehen, bräuchten solche „Nachbesserungen“ nicht, weil ihre steinerne Umrahmung sie vor Regen und Schnee schütze. Gleiches gilt für Hoetgers Bronzeskulpturen, die witterungsbeständig sind.

          Die maßgezimmerte Holzkiste, die gestern in zwei Minuten aufgebaut war, kostet 1600 Euro und ist so konstruiert, dass die Kalksteinplastik gut vor Nässe geschützt, aber auch gut durchlüftet wird. Dafür sorgt ein Schlitz. Den Kisten-Prototyp hat das Ehepaar Knöchel finanziert, das sich damit in die große Reihe der Spender stellt, die für die Mathildenhöhe gerne in die Tasche greifen. Im Sommer konnte Heiss die stolze Summe von 350 000 Euro nennen, die über Bürgerspenden, Stiftungen und Unternehmen zusammengekommen sind.

          Verein und Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützen das Projekt 

          Für die Kampagne „Holzkiste“ werden rund 26 000 Euro benötigt. Diese Summe würde ausreichen, um insgesamt 20 Kunstwerke Hoetgers im Platanenhain von Oktober bis März einzuhausen. Es handelt sich um sechs Krugträgerinnen, vier Schakalvasen und zehn Löwenvasen. Der Verein der Freunde der Mathildenhöhe, der schon die Konservierung der Löwenvase bezahlt hat, wird auch den Winterschutz übernehmen. Die übrigen Häuschen sollen nach und nach hergestellt werden. Wie der Oberbürgermeister mitteilte, hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz angekündigt, die weitere Sanierung der Hoetger-Plastiken ebenfalls mit 40 000 Euro zu unterstützen.

          Diese Bereitschaft kommt nicht von ungefähr. Hoetgers Darmstädter Skulpturenpark bildet das größte noch vorhandene Freilichtmuseum seines bildhauerischen Schaffens mit dem Platanenhain als Zentrum. Ihn hat er als eine Art philosophischer Garten und heiligen Hain unter dem Motto „Werden und Vergehen“ konzipiert. Vor diesem Hintergrund scheint es keine Kulturschande, wenn seine Kunst künftig in den Winterschlaf fällt, auch wenn dies, wie Partsch andeutete, nicht jedem Darmstädter gefällt. In seiner Bürgersprechstunde sei schon von „Särgen“ die Rede gewesen, sagte der Oberbürgermeister und fügte hinzu: „Dennoch ist es völlig richtig, dass wir das machen.“

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