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Darmstädter Mathildenhöhe : „Alles muss zügig und sorgfältig geschehen“

Vorbereitungen: Auf der Darmstädter Mathildenhöhe, die jedes Jahr während der Jugendstiltage illuminiert wird, laufen die Arbeiten für die Bewerbung als Welterbe bei der Unesco. Bis zur Entscheidung soll das Ausstellungsgebäude (im Bild neben dem Hochzeitsturm) fertig saniert und über ein Besucherzentrum entschieden sein. Bild: Michael Kretzer

Bei der Welterbe-Bewerbung geht es jetzt Schlag auf Schlag. Dabei kann sich Darmstadt keine Fehler leisten. Zumal im nächsten Jahr die Unesco zu Besuch kommt.

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          Philipp Gutbrod darf jetzt nicht krank werden. Der Leiter des Instituts Mathildenhöhe hat nur noch wenige Monate Zeit, die Einzigartigkeit und Universalität der Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe nachzuweisen. Im August sollen die Bewerbungsunterlagen an die Unesco in Paris geschickt werden. „Zwei Telefonbücher dick“ werde die Postsendung, weil zum Nominierungsdossier mit seinen Gutachten und Dokumentationen auch Managementpläne gehörten. „Es ist ein Herkulesritt“, sagte der Institutsleiter auf einer Veranstaltung des Bundes Deutscher Architekten, die dem „Weg zum Weltkulturerbe“ gewidmet war. Was, wie der Vorsitzende des Architektenbunds in Darmstadt, Christian Nasedy, versicherte, für die Architekten der Stadt ein „Herzensthema“ sei.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Schon in Kürze benötigt die Stadt aber nicht nur das Herz der Architekten, sondern auch deren Verstand und Kompetenz. Denn am 11. Mai werden die Unterlagen für einen nichtöffentlichen Architektenwettbewerb zum Weltkulturerbe-Besucherzentrum veröffentlicht. An der städtischen Ausschreibung können sich unter bestimmten Bedingungen auch Darmstädter Büros beteiligen. Eine Voraussetzung dafür ist der Nachweis von Gebäude vergleichbarer Qualität als Referenz.

          An Urlaub ist nicht zu denken

          Die Kosten für das Besucherzentrum werden nach Angaben von Ludger Hünnekens im „oberen einstelligen Millionenbereich“ liegen. 2021 solle das Gebäude auf einem Areal östlich des Ausstellungsgebäudes auf der Mathildenhöhe eröffnet werden. „Wir wollen zügig an das Projekt herangehen“, sagte Hünnekens, der städtischer Kulturreferent ist, Leiter der Eigenbetriebe Kultur und außerdem Projektleiter der Welterbe-Bewerbung. Bei ihm laufen also alle Fäden zusammen.

          Weshalb an Urlaub in den nächsten Monaten nicht zu denken ist. „Der Zeitplan ist ambitioniert, wir sind jetzt in der heißen Phase.“ Im August müsse das große Postpaket an die Unesco hinausgehen. Bis Februar 2019 bestehe die Gelegenheit zur Nachbesserung. Dann müsse die finale Fassung vorliegen. Im Sommer 2019 erwarte die Stadt eine Unesco-Delegation, die sich von der angemeldeten Welterbestätte einen Eindruck verschaffen wolle. Die abschließende Entscheidung werde dann voraussichtlich im Sommer 2020 fallen.

          Außergewöhnlicher universeller Wert?

          Als entscheidend für den Ausgang gilt, ob Darmstadt und das Hessische Landesdenkmalamt für die Mathildenhöhe das „Outstanding Universal Value“, also einen außergewöhnlichen universellen Wert, nachweisen können. Drei Autoren sind mit dieser Aufgabe betraut: der Kulturhistoriker Paul Sigel, dessen vergleichende Untersuchung europäischer Jugendstilstätten schon vorliegt, die Architekturhistorikerin Regina Stephan von der Hochschule Mainz, die sodann die Baudenkmäler auf der Mathildenhöhe im aktuellen Bestand beschreibt, und Gutbrod, der die Einzigartigkeit der Mathildenhöhe begründen wird.

          Das ist aber nur die fachwissenschaftliche Ebene. Parallel dazu schreitet in diesem und dem nächsten Jahr auch die bauliche Veränderung der Mathildenhöhe fort. So wurde in intensiven Gesprächen mit dem Advisory Board, dem fachlichen Beratungsgremium der Stadt bei allen Welterbe-Angelegenheiten, geklärt, wie das Ausstellungsgebäude saniert werden soll.

          Abschluss der Arbeiten für 2019 geplant

          Die energetische Ertüchtigung sieht nicht nur einen neuen Außenputz mit besonderen Dämmeigenschaften vor, sondern auch die Nutzung des historischen Wasserspeichers sowie von Erdsonden, um das für internationale Ausstellungen nötige Klima zu garantieren – konstant 20 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent. Außerdem sollen die Hallen an der Ostseite wieder jene Fensterreihen erhalten, wie man sie auf historischen Bildern von 1908 und 1914 sehen kann. Der Abschluss der Arbeiten ist für 2019 geplant, dann will Gutbrod im Herbst die erste Ausstellung mit Werken aus der rund 20 000 Exponate umfassenden städtischen Kunstsammlung eröffnen.

          Diese Schau darf als Untermalung eines anderen „Herzenswunsches“ verstanden werden: ein neues Gebäude am Osthang unterhalb des Besucherzentrums, um dort die bisher auf verschiedene Orte verteilten Werke der Kunstsammlung dauerhaft unterzubringen und zu zeigen. Außerdem ließe sich so, wie Hünnekens erläuterte, der Wunsch verwirklichen, das Institut für Neue Technische Form (Intef) auf der Mathildenhöhe anzusiedeln. Dessen Unterbringung im ehemaligen Café Waben auf dem Friedensplatz sei nur eine Übergangslösung.

          Keine Fehler auf den letzten Metern

          Zur To-do-Liste der Stadt gehören außerdem die drei kommunalen Künstlerhäuser Deiters, Olbrich und Glückert. Das Große Haus Glückert bleibt Hauptsitz der Akademie für Sprache und Dichtung, soll aber einen Raum für Besucher öffnen, die ein prototypisches Jugendstilhaus einmal von innen sehen wollen. Dafür wird die Akademie Olbrichs früheres und im Krieg zum Teil zerstörtes Wohnhaus nutzen können. Dessen Haupteingang wird wieder auf die Westseite verlegt, ansonsten sind aber keine Rekonstruktionen vorgesehen. Auf Haus Deiters wiederum kommt eine „Pinselsanierung“ zu. Künftig soll es dem Institut Mathildenhöhe als Forschungszentrum dienen und zusätzlich als Welterbebüro.

          Bei allen diesen Projekten darf die Stadt auf den letzten Metern keine Fehler machen. „Wir haben eine besondere Sorgfaltspflicht“, sagte Gutbrod. Diese gilt auch für die Anpassung des Bebauungsplans Mathildenhöhe, für das Verkehrskonzept zur Besucherlenkung und den von Hünnekens angedeuteten Wettbewerb zur Gestaltung eines angemessenen Zugangsweges vom Stadtschloss hinauf zur Welterbestätte: „Jeden Stein, den wir auf der Mathildenhöhe bewegen, diskutieren wir weiter mit dem Landesdenkmalamt und dem Advisory Board.“

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