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Darmstädter Architektursommer : Pützers temporäre Grillbude

  • -Aktualisiert am

Der Darmstädter Architektursommer bringt Entdeckungen hervor, die stets auch freundliche Anfragen an die Politik sind.

          3 Min.

          „Transitorische Übergangsräume“ sind schön. Sie haben einen satten grünen Rasen, herrliche Bambushaine und werden von einer schützenden Mauer umgrenzt. Zumindest ist das so bei dem kleinen Pavillon, den Friedrich Pützer vor 100 Jahren zusammen mit dem Hauptbahnhof konzipierte und den Darmstadts Kreative wachgeküsst haben. Seit einem Monat ist das an der Südseite des Bahnhofs gelegene Gebäude mit den klassizistischen Säulen und dem Brunnen des Bildhauers Heinrich Jost eine Festival-Bar, die als „Cage&Cola-Kiosk“ bewirtschaftet wird. In den exotischen kleinen Biergarten kann jeder nach Feierabend ausspannen. „Manchmal kommen ganze Familien vorbei und grillen. Es ist ja auch ein zauberhafter Ort“, sagt Michael Bode-Böckenhauer von der „Centralstation“, der maßgeblich an der Verzauberung mitgewirkt hat.

          Pützers Pavillon bildet den südlichen Eckstein im Gesamtensemble Hauptbahnhof. Aus historischen Unterlagen geht hervor, dass er ihn in erster Linie als „öffentliche Bedürfnisanstalt“ gedacht hat und den imposanten Innenhof als Lagerfläche von Geräten, Handkarren und Baumaterial. In den Jahrzehnten seit Eröffnung des Bahnhofs 1912 diente die Immobilie wahlweise als Dienstgebäude, Wohnung oder Café und stand dazwischen immer wieder sehr lange leer. Zuletzt war der Pavillon schlicht eine Müllhalde, an dem Pendler desinteressiert vorbeimarschierten.

          Bahnhofsjubiläum, John Cage und Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik in Einem

          Dass er jetzt zu einem „transitorischen Übergangsraum“ erhoben wurde, hat er dem Verein Darmstädter Architektursommer, dem Internationalen Musikinstitut, der „Centralstation“ und dem Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main zu verdanken, die den Hauptbahnhof zwei Monate lang zu einem Ort „künstlerischer Interventionen“ machen. Deshalb steht auf der Wiese vor dem Hauptausgang ein von Darmstädter Studenten konzipiertes temporäres Konzerthaus aus Holz, und deshalb hat Bode-Böckenhauer viel Zeit investiert, um Pützers Pavillon zu entrümpeln und vorübergehend als Bar herzurichten.

          Das Darmstädter Hauptbahnhof-Festival hat viele Aspekte und Bezüge, etwa zum Bahnhofsjubiläum oder zu dem avantgardistischen amerikanischen Komponisten John Cage, dem die diesjährigen Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik gewidmet waren. Aber ob Cage&Cola-Kiosk oder das „Cage-Stage“ genannte Holzhaus - aus dem Blickwinkel von Architekten wie Kerstin Schultz vom Verein Architektursommer Darmstadt spielt die Wahrnehmung des innerstädtischen Raums und dessen Entwicklung eine zentrale Rolle. Schon beim Friedensplatz haben Darmstadts Architekten in diesem Sommer demonstriert, wie man zeitlich befristet mit etwas Phantasie und Experimentierfreude eine monoton wirkende Fläche zum spannenden „Übergangsraum“ verwandelt. Sogar lebende Schweinchen waren dabei zum Einsatz gekommen.

          Die Filmemacherin Johanna Thalmann und das Theaterlabor Darmstadt gestalten die Abende

          Für Schultz, die auch Dozentin an der Hochschule Darmstadt ist, hat der Architektursommer gezeigt, welch großes kreatives Potential in der Stadt vorhanden ist, welch großes Interesse und große Nachfrage nach Kulturräumen und Spielstätten. Der Cage&Cola-Kiosk sei ebenso gefragt wie das Holzhaus, in dem noch bis Ende August permanent Veranstaltungen stattfänden. So haben sich Bode-Böckenhauer zufolge spontan die Filmemacherin Johanna Thalmann gemeldet oder das Theaterlabor Darmstadt, um Abende zu gestalten.

          Für Schultz werfen die erfolgreichen Aktionen am Friedensplatz oder am Hauptbahnhof inzwischen nicht mehr die Frage auf, ob ausreichend kompetente Akteure vorhanden sind, um vernachlässigte oder verkannte innerstädtische Räume zu beleben. Die Frage sei vielmehr, „wie wir das in die Stadtplanung bekommen“. Experimente wie die mit Pützers Pavillon erwiesen sich als genauso wichtig wie die klassischen Planungsphasen einer Stadtverwaltung, weil sie zeigten, was funktioniere und Anklang finde. Derartige Entdeckungen stellten eine Bereicherung dar. Auch Bode-Böckenhauer ist sich sicher, dass der Cage&Cola-Kiosk die Chancen auf eine Vermarktung der städtischen Immobilie, vielleicht an einen Café-Betreiber, deutlich erhöht habe. Und damit deren Wert. Insgesamt erweise sich die Aktion damit als ein Beitrag zur Nachhaltigkeit.

          Eine Nachhaltigkeit, über die mit der Politik wohl noch zu reden sein wird. Wie die Stadt auf Nachfrage sagte, gibt es bislang keine Entscheidung, wie mit dem kleinen Tempel am Bahnhof nach Abschluss des Architektursommers weiter verfahren wird. Zwar sei schon seit längerer Zeit Geld im Haushalt bereitgestellt. Es fehle aber noch an einem Konzept und der Festlegung auf eine konkrete Nutzung. Möglicherweise kann Jochen Partsch (Die Grünen) am 29. August dazu Weiteres sagen. Dann findet im CageStage die Abschlussveranstaltung statt, zu der außer dem Oberbürgermeister dessen Amtskollegen aus Wiesbaden, Frankfurt und Offenbach eingeladen sind. Thema: „Zukunftsstrategien und Potenziale - was beschäftigt die Transitregion Rhein Main?“. Die Veranstaltung beginnt um 12.30 Uhr. Im Anschluss wäre somit noch Gelegenheit, um die Materie bei einem transitorischen Übergangsbierchen in Pützers Pavillon weiter zu besprechen.

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