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Darmstadt : Todesfälle auch in anderen Heimen

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Woran die acht Menschen in einem Darmstädter Alten- und Pflegeheim gestorben sind, bleibt weiterhin rätselhaft. Die Obduktionsergebnisse der seit Mittwoch vergangener Woche verstorbenen Bewohner liegen nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Ger Neuber noch nicht vor.

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          Woran die acht Menschen in einem Darmstädter Alten- und Pflegeheim gestorben sind, bleibt weiterhin rätselhaft. Die Obduktionsergebnisse der seit Mittwoch vergangener Woche verstorbenen Bewohner liegen nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Ger Neuber noch nicht vor. Da weiterhin kein Befund auf eine Infektionskrankheit als Todesursache hinweist, wird ein Zusammenhang mit der lang anhaltenden Hitze immer wahrscheinlicher.

          Den Leiter des hessischen Amts für Versorgung und Soziales, Eike von der Heyden, beschäftigen derzeit auch zwei Frankfurter Alten- und Pflegeheime: Sieben Bewohner des Johanna-Kirchner-Heims an der Gutleutstraße und sechs des Heinrich-Schleich-Hauses in Fechenheim sind seit Anfang August gestorben. Ob Pflegekräfte in den beiden Einrichtungen fahrlässig handelten, könne er erst nach Auswertung der Unterlagen sagen, so von der Heyden. Grundsätzlich versuche selbstverständlich jedes Heim, Menschen, die alleine nicht genügend trinken können, ausreichend Flüssigkeit zuzuführen. "Davon kann man bei einer verantwortungsbewußten Pflegekraft ausgehen", meint der Amtsleiter. Nach grober Durchsicht der Protokolle sei das in den betreffenden Einrichtungen auch geschehen. Ob die Flüssigkeitsmenge aber immer ausreichend gewesen sei, "wird man sehen".

          Ein Blick in die Statistik stützt die Vermutung, daß die Todesfälle im Zusammenhang mit der Hitze stehen: Nach den Zahlen des Frankfurter Amts für Statistik starben in der Stadt im Juli 578 Menschen - mehr als im Mai (528) und Juni (496). Die Zahl der im Juli dieses Jahres Verstorbenen lag auch höher als in den Vorjahren, als es kühler gewesen war: Im Juli 2001 waren in Frankfurt 487, im Juli 2002 469 Tote zu beklagen gewesen. Für das Jahr 1992, in dem der Sommer ebenfalls besonders warm war, verzeichnet die Statistik für Juli sogar 631 Tote.

          Daß insbesondere alte Menschen unter einer Hitzeperiode leiden, ist unter Medizinern unbestritten. Für alte, chronisch kranke Menschen sei Hitze ein zusätzlicher Streßfaktor, sagt der Chefarzt für Altersmedizin am Diakonissenkrankenhaus in Frankfurt, Rupert Püllen. Bei einer gesundheitlich labilen Verfassung sei dann oft Herz-Kreislauf-Versagen die Todesursache. Ein bis zwei Tage und Nächte mit hohen Temperaturen könnten auch alte, kranke Menschen noch verkraften, problematisch werde es, wenn die Hitze länger als fünf Tage andauere. Auch in seiner Klinik seien hochbetagte Patienten mit Fieber, zum Teil mit Bewußseinsstörungen eingeliefert worden, berichtet Püllen. Und es seien mehr Patienten gestorben als in einem August mit niedrigeren Temperaturen. Allerdings seien viele Patienten schon in sehr schlechtem Zustand angekommen, die behandelnden Ärzte treffe keine Schuld. Einem Tod durch Hitzeschäden könne man in vielen Fällen durch ausreichend Flüssigkeit, rechtzeitige Krankenhauseinweisung und Kühlung, zum Beispiel durch Wadenwickel, vorbeugen, sagt Püllen.

          In Darmstadt wird unterdessen die Frage diskutiert, ob in dem betroffenen städtischen Heim genug gegen eine mögliche Austrocknung der Patienten getan wurde. Gestern wurde bekannt, daß in dem Haus an der Emilstraße drei weitere Bewohner schwer erkrankt sind und in Kliniken gebracht wurden. Damit sind seit Mittwoch vergangener Woche 27 Bewohner des Heims schwer erkrankt. Die Seuchenexpertin im hessischen Sozialministerium, Angela Wirtz, sagte, bei vielen Erkrankten seien Anzeichen von Austrocknung festgestellt worden. Wie Oberstaatsanwalt Neuber berichtete, liegen der Ermittlungsbehörde jedoch keine Vorwürfe vor, daß die Bewohner des Altenheims nicht ausreichend versorgt worden und deshalb an Austrocknung gestorben seien. "Der Verdacht der Austrocknung als Todesursache steht aber im Raum", räumte er ein. Sollte sich dieser erhärten, werde man prüfen müssen, ob die Flüssigkeitsversorgung der Bewohner ausreichend gewesen sei.

          In einer Darmstädter Zeitung wurde unterdessen berichtet, die Erkrankten seien vor allem in den oberen, mithin wärmeren Etagen des Altenheims und zum Teil in dem der Sonne besonders ausgesetzten Südflügel untergebracht gewesen. Die Zimmertemperaturen hätten 30 Grad deutlich überschritten. Der Darmstädter Landtagsabgeordnete und stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Rafael Reißer forderte den Magistrat der Stadt auf, die Öffentlichkeit umgehend darüber aufzuklären, welche Maßnahmen bisher zur Aufklärung getroffen worden seien. Die Bürger seien beunruhigt.

          Amtsleiter von der Heyden gibt in der Diskussion um die Betreuung der geschwächten Menschen zu bedenken, daß Pflegeheime keine Krankenhäuser seien. Bei Einrichtungen wie den beiden genannten Frankfurter Häusern mit jeweils rund 220 Plätzen seien Fehler nicht auszuschließen. Rein rechnerisch kümmere sich dort eine Pflegekraft um zweieinhalb Bewohner, und die ohnehin sehr dünne Personaldecke sei in der Ferienzeit noch angespannter. Überfordert waren die Mitarbeiter aus Sicht des Amtsleiters jedoch nicht. Allen sei auch die Gefahr der Austrocknung bei Hitze bewußt gewesen. Ob es immer gelungen sei, die alten Menschen optimal zu betreuen, werde die Auswertung der Dokumentationen zeigen. (rig./ziz.)

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