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Darmstadt : Täglich 50 Unterzeichner gegen Windräder

  • -Aktualisiert am

Umstritten: Windräder wie dieses hier bei Groß-Umstadt beeinträchtigen das Landschaftsbild, wie Kritiker meinen Bild: Kretzer, Michael

Mit ihrer Initiative gegen den forcierten Ausbau der Windkraft stößt eine Darmstädter Professorin auf großen Zuspruch. Sie plädiert dafür, die Langzeitfolgen für Mensch und Natur mehr zu beachten.

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          Kerstin Schultz ist bisher politisch nicht in Erscheinung getreten. Die Architektin und Professorin an der Hochschule Darmstadt ist in Südhessen und der Region vielmehr bekannt als eine der Initiatorinnen des Architektursommers, der 2014 wieder in Darmstadt, Frankfurt, Wiesbaden und Offenbach stattfinden wird. Im Januar hat Schultz jedoch eine Aktion begonnen, die eine für sie unerwartete Eigendynamik gewonnen hat und vermutlich politisch ziemlich hohe Wellen schlagen wird.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Die auf ihrer Internetplattform „Windkraft - Ja, aber . . .“ veröffentlichte Resolution gegen die beabsichtigte Ausweisung von 60.000 Windkraftanlagen in Deutschland haben inzwischen rund 11.000 Menschen unterschrieben. Allein in diesem Monat sind jeden Tag zwischen 50 und 400 Unterzeichner hinzugekommen. Bis Ende Mai will Schultz weiter sammeln. Dann soll sich eine Hessen-Plattform gründen als Netzwerk all jener Kritiker, die den rasanten Bau von Windrädern ablehnen und stattdessen eine „intelligente und zukunftsweisende Gestaltung der Energiegewinnung in Hessen und Deutschland“ wollen, wie es im Aufruf der Professorin heißt.

          „Rein wirtschaftlich motiviert“

          Die Petition hat den Charakter einer besonnenen zivilgesellschaftlichen Intervention, der im Jahr der Bundes- und Landtagswahl automatisch politische Brisanz zukommen dürfte. Schultz will so viele Unterschriften sammeln, dass Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) nicht mehr darum herumkommt, die „Planung der Energieversorgung neu zu gestalten“. Neu zu gestalten, das heißt für Schultz, wertvolle Natur- und Tierschutzgebiete in Hessen davor zu schützen, einer „willkürlichen und rein wirtschaftlich motivierten kommunalen Flächenplanung für Windkrafträder zum Opfer zu fallen“.

          Der Einsatz der Windkraft als alternativer Energie sei zwar richtig und wichtig. Aber sie zerstöre auch, und diese Langzeitfolgen für Mensch und Natur würden in der derzeitigen Diskussion ignoriert und verharmlost. Dass die Energiewende inzwischen ideologisch geprägt sei, davon ist Schultz überzeugt. Mit der Festsetzung von zwei Prozent der Fläche als Standorte für Windkraftanlagen werde pauschal, überhastet und unkoordiniert geplant, sagt die Architektin, die an der Darmstädter Hochschule den Stiftungslehrstuhl für integralen Gebäudeausbau und Innenbaukonstruktion innehat. Sie hat in der vergangenen Woche mit ihren Kollegen Hessens erstes „Klima-Design-Labor“ eröffnet, in dem Studenten den Umgang mit nachhaltigem Bauen noch besser lernen sollen.

          Energie und Baukultur sind also beruflich ihr Thema. Deshalb ist Schultz auch besonders erschrocken über die zerstörerischen Folgen der Energiewende. Bei der Ausweisung der Gebiete scheine es keine Grenzen mehr zu geben. „Die moralische Verpflichtung, Energie zu produzieren, wird höher veranschlagt, als Natur und Landschaft zu schützen.“ Rheinland-Pfalz wolle die Windenergienutzung sogar auf einem europaweit bedeutsamen Schutzgebiet zulassen. In Nord- und Osthessen seien bis zu 800 Anlagen geplant, für die 9600 Hektar Wald weichen müssten. Angesichts dieser „ökologischen Katastrophe“ sei ein Moratorium nötig.

          Schultz hat Mitstreiter kennengelernt, die aus eigener Betroffenheit sich in das Thema eingearbeitet haben. Heidrun Schönert aus Kelkheim-Fischbach im Taunus gehört dazu. Sie hat in den vergangenen Wochen erste Gespräche mit den energiepolitischen Sprechern der meisten Landtagsparteien geführt. Schönert kann auf einer Werbebroschüre der Stadt Bad Schwalbach über das „idyllisch gelegene Dorf Fischbach“ nicht nur mühelos ihr Haus zeigen, sondern auch den Hügel, auf dem in Sichtweite ein Windrad errichtet werden soll. Für Schultz gehört der Morsberg bei Reichelsheim zu ihrem persönlichen Erweckungserlebnis. Für die höchsten Erhebungen im vorderen Odenwald gibt es seit einigen Jahren Pläne für Windräder, die in der Vergangenheit den Regierungspräsidenten und das Verwaltungsgericht beschäftigten. Nun sei die Errichtung von 18 Anlagen beabsichtigt - das Bild, das sich ergäbe, hat Schultz versucht maßstabsgetreu in einer Computersimulation darzustellen.

          Der Wert der Landschaft

          Der Kampf gegen die Windmühlen der Moderne ist für die Darmstädterin mit Leidenschaft im doppelten Sinne verbunden. So ist der Verzicht auf die Pflege von Orts- und Landschaftsbildern, der ein „baukultureller Auftrag“ unserer Gesellschaft sei, für sie als Architektin ein schmerzhafter Vorgang: „Landschaft, Natur und Klima dürfen wir nicht nur unter dem einzigen Aspekt der Effektivität und Ausbeutung betrachten.“ Der Wert der Landschaft bemesse sich in der Freude und Demut vor der Natur, in der Erfahrung und sinnlichen Erfahrbarkeit. Daher müsse Landschaft eine Tabuzone für menschliche Überplanungen bleiben.

          Schmerzhaft ist für sie und auch für Schönert die Art der politischen Diskussion. Die Parteien wie die Umweltverbände seien weitgehend festgelegt und neigten zur Polarisierung nach dem Motto, zur Energiewende gebe es keine Alternative. „Polarisierung ist aber ein Armutszeugnis. Man muss differenziert denken dürfen“, sagt Schultz, die sich für eine Energiewende einsetzen will - aber eine mit „Vernunftkraft“.

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