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Darmstadt : Steiler Weg zum neuen Stadion

  • -Aktualisiert am

Heimstatt: Noch verfolgen die Lilien-Fans die Spiele des SV 98 am Böllenfalltor Bild: dpa

Den Darmstädter „Lilien“ droht der Abstieg in die zweite Bundesliga. Zwingt das die Stadt zur Revision ihrer Pläne? Der Oberbürgermeister sagt: nein.

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          Die sportlichen Ambitionen in Darmstadt sind kaum noch zu steigern. Nachdem das „Dauerschlusslicht“ der Ersten Fußball-Bundesliga am Samstag zu Hause gegen Mainz 05 gewonnen hatte, beschrieb Trainer Thorsten Frings den weiteren Weg des SV 98 bis zum Saisonende so: „Wir wissen, dass wir einen Berg besteigen müssen, der höher als der Mount Everest ist.“ Anders sei trotz des Sieges der Verbleib in der ersten Liga kaum noch möglich.

          Frings und mit ihm viele „Lilien“-Fans sind mittlerweile so ehrlich, dass sie auch offen über ein zweites Darmstädter Wunder sprechen und sich leise Gedanken machen über die sportliche Zukunft des Traditionsclubs in der zweiten Liga. Für das Vereinsmanagement ist das sogar zwingend notwendig, ein Abstieg würde eine neue „Betriebskalkulation“ notwendig machen: Während die „Lilien“ im Fußball-Oberhaus mit einem Personalkosten-Etat zwischen 25 und 27 Millionen Euro rechnen könnten, würde das Budget beim Abstieg zu den 18 Zweitliga-Clubs auf elf bis zwölf Millionen schrumpfen.

          Kein sportliches K.O-Kriterium

          Womit aber die Zäsur noch nicht hinreichend beschrieben ist. Spätestens seit vergangenem Sommer, als Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) und Vereinspräsident Rüdiger Fritsch mitteilten, dass die Pläne zum Umbau des alten Böllenfalltor-Stadions in einen „Sportpark“ fallengelassen und stattdessen nach einem anderen Standort für ein neues Stadion gesucht werde, ist klar: Angesichts der Kosten des Neubauprojekts wird die Leistung der Profikicker nicht nur zu einem sportlichen K.O-Kriterium. Denn ohne generöse Sponsoren dürfte ein neues Stadion nicht zu finanzieren sein, selbst wenn die Stadt sich finanziell beteiligen sollte. Werbeträger mit Abstiegstendenz sind für zahlungskräftige Großunternehmen jedoch wenig attraktiv.

          Trotz der sportlichen Krisenlage sieht Partsch bislang aber keinen Grund, sich von den beschlossenen Planungen abbringen zu lassen. „Ein Abstieg der ,Lilien‘ hätte darauf keine Auswirkungen“, sagt der Oberbürgermeister. „Ich habe schon damals, als dem Verein der Abstieg in die vierte Liga drohte, gesagt, dass dies für den Umbau des Böllenfalltor-Stadions völlig unerheblich ist. Und die Notwendigkeit eines Umbaus besteht weiterhin.“ Nicht abzustreiten sei allerdings, dass bei veränderten Rahmenbedingungen der Verein „besonders gefragt“ sei. Kaum abzustreiten ist allerdings auch, dass die Aufgabe für die Stadt, die Voraussetzungen für den Bau eines bundesligatauglichen Stadions zu schaffen, bei einem Abstieg nicht einfacher wird.

          Soll: Saisonbeginn 2018 verwirklicht

          Ursprünglich war geplant, das „Bölle“ für rund 35 Millionen Euro von Grund auf zu sanieren und zu modernisieren. Als Partsch im Juli 2016 mitteilte, dass dies wegen Einsprüchen gegen das Stellplatzkonzept und der Lärmbelastung rechtlich nicht sicher durchzusetzen sei, wurde als Alternative und „akzeptable Zwischenlösung“ ein auf elf Millionen Euro reduziertes Modernisierungskonzept des vorhandenen Stadions vorgestellt, das spätestens bis zum Saisonbeginn 2018 baulich verwirklicht sein soll. Unklar war vor einem Jahr, ob diese stark reduzierte Variante längerfristig den Vorgaben der Deutschen Fußball-Liga (DFL) genügen würde, wenn zum Beispiel in absehbarer Zeit vollständig überdachte Sitz- und Stehplätze verlangt werden sollten.

          Im Dezember, als Partsch vier mögliche Standorte für ein neues Fußball-Stadion vorstellte, welche die Stadt bis zum Sommer auf ihre Tauglichkeit untersuchen will, wiederholte er, dass die Darmstädter Sportstätten-Gesellschaft bis zur Fertigstellung einer neuen Arena weiter ins „Bölle“ investieren werde. Und Fritsch fügte hinzu, man sei schon jetzt in einer „intensiven Diskussion“ mit der DFL über die Lizenzerteilung, die ihre Entscheidung auch davon abhängig mache, „ob ein verlässliches Zukunftskonzept erkennbar“ sei.

          Zum aktuellen Stand teilte die Stadt jetzt auf Nachfrage mit, dass es für das Altstadion kein „Nutzungslimit“ gebe. Lediglich die mobilen Zusatztribünen seien zeitlich begrenzt bis zum 30. Juni 2026 genehmigt. Die bislang am Standort getätigten Investitionen zur „Sanierung im Bestand“ beliefen sich auf 10,7 Millionen Euro. Was die Auflagen der DFL betrifft, geht die Stadt davon aus, dass durch Ausnahmegenehmigungen der Betrieb in der Ersten und Zweiten Bundesliga möglich ist. Die Lizenzierung gilt dabei jeweils für eine Saison.

          Es wird also nach Stand der Dinge zunächst weiter Geld ins Böllenfalltor-Stadion fließen, egal ob die „Lilien“ erst- oder zweitklassig sind. Ob diese „akzeptable Zwischenlösung“ damit zur Dauerlösung zu werden droht, ist eine Frage, die im Moment öffentlich niemand stellt. Spätestens zum Ende der aktuellen Bundesliga-Saison dürfte sie aber virulent werden. Dann nämlich steht die weitere sportliche Zukunft der „Lilien“ fest, und die Stadt wird die Ergebnisse der Standortuntersuchung in der Hand haben und wissen, welche der vier näher geprüften Flächen für ein neues Stadion geeignet ist – das Areal bei Merck, der Wald bei Eberstadt, der Westwald oder die Äcker des Gehaborner Hofs in Weiterstadt.

          Für den SV Darmstadt 98 schlägt spätestens zu diesem Zeitpunkt die Stunde der Wahrheit: Der Verein wird endlich konkrete Angaben zur Finanzierung des Millionenprojekts machen müssen, unabhängig davon, ob er den Mount Everest bezwungen oder den Gipfel, wie zu erwarten, doch nicht mehr erreicht hat. Alles andere dürfte die anhebende Standortdiskussion politisch zu einer schwierigen „Erstbesteigung“ machen.

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