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„Zauberflöte“ in Darmstadt : Der ernste Sucher Papageno

Im letzten Moment: Drei Damen retten den bewusstlosen Tamino vor der Schlange. Bild: Stephan Ernst

„Die Zauberflöte“ gilt als eines der berühmtesten Werke Mozarts. Nun deuten Karsten Wiegand und Dirk Schmeding die Oper in Darmstadt auf ihre ganz eigene Art und Weise um.

          Die Kinderriege gibt im Zuschauerraum an der Rampe zum Orchestergraben das Signal zum Dimmen des Lichts und beginnt eifrig, die Ouvertüre zu dirigieren. Doch nach ein paar Takten melden sich zwei der kleinen Maestros über Mikrofone zu Wort: „Halt, stopp!“ Bei so einer bekannten Oper wie Mozarts „Zauberflöte“ müsse doch erst über die Erwartungen der Zuschauer gesprochen werden. Wer sich historische Kostüme und ein richtig schönes Bühnenbild wünsche, wollen die beiden Moderatoren etwa wissen.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und fast fürchtet man da, es gebe nun im Staatstheater Darmstadt einen weiteren Einführungsdiskurs, wie er gerade zuvor im Foyer mit Intendant Karsten Wiegand und dem Dirigenten Rubén Dubrovsky zu hören war. Glücklicherweise wendet sich die Regie-Idee von Wiegand und seinem Co-Regisseur Dirk Schmeding bald ins weniger Sperrige: Der so exponierte Kinderkammerchor des Staatstheaters richtet in einer Miniguckkastenbühne das Bühnenbild her, wie es dann auf die große Bühne projiziert wird, die Kinder werden anfangs zu Zuschauern am Rande und später als Chor in der Gesangspartie der „drei Knaben“ gar involviert.

          Zeitlose Grundidee des Erwachsenwerdens

          Erzählt ist das Ganze als Geschichte vom Erwachsenwerden Taminos, Paminas und Papagenos. Tamino verschießt so eingangs seine Pfeile im Zauberwald in Gestalt eines Kinderdoubles, während die erwachsene Singstimme („Zu Hilfe! Zu Hilfe!“) aus dem Off kommt. Beim Erwachen aus der Ohnmacht ist Tamino plötzlich groß, wenngleich der Tenor David Lee mit kurzer Hose offenbar noch jugendlich erscheinen soll. Zudem spricht dieser fremde Prinz nur koreanisch, so dass die hilfreichen Kinderchoristen sein erstes Gespräch mit Papageno dolmetschen müssen.

          Der wiederum sieht aus wie ein moderner, heruntergekommener Tramp und ist von oben bis unten mit Vogeldreck bekleckert. Nach dem Willen des Regie-Duos soll dieser Vogelmensch eben nicht nur der Spaßmacher sein, sondern auch ernsthaft seinen Weg ins wahre Leben suchen. Tatsächlich gelingt Julian Orlishausen gemäß dieser Idee das Kunststück, in der Abräumer-Rolle kaum Pointen zu setzen, so dass er am Ende des Premierenabends nicht den sonst immer besonders donnernden Papageno-Applaus ernten konnte. Überhaupt verpatzt die Inszenierung nahezu alle Original-Gags, fügt dafür aber inkonsequent weniger gute eigene ein. Völlig daneben und am Text vorbei geht etwa der Einfall, die Rolle der Papagena auf eine alte und eine junge Darstellerin (Elisabeth Hornung und Aki Hashimoto) zu verteilen.

          Die verblüffende Erkenntnis aber ist: „Die Zauberflöte“ hält auch das aus, ihr Charme und Zauber sind stark genug, ihre Interpretationsspielräume weit genug. Die Grundidee des Erwachsenwerdens der Protagonisten geht dank des rollendeckenden Spiels und Gesangs des Darsteller-Teams auf, wobei Jana Baumeister als Pamina den Reifungsprozess am deutlichsten werden lässt und Rebekka Maeder als Königin der Nacht keineswegs als die Böse erscheint. Die dunkle Sicht auf die Gemeinschaft der „Eingeweihten“ um Sarastro (in der Tiefe ringend: Johannes Seokhoon Moon), welche die übel Geprüften gar verlacht, erzeugt im zweiten Akt zudem Spannung. Viel Energie geht vom Staatsorchester Darmstadt aus, das unter Rubén Dubrovskys Leitung in zügigen Tempi einen knackigen, historisch informierten Klang entfaltet.

          „Die Zauberflöte“

          Weitere Vorstellungen am 10. und 16. November sowie am 1., 13., 23. und 26. Dezember.

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