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Darmstadt : Neues House of IT soll auch global wirken

Bisher nur Untermieter der Technischen Universität Darmstadt: House of IT Bild: Kaufhold, Marcus

Das im Mai gegründete Darmstädter House of IT ist noch gar kein richtiges Haus. Doch denkt der Geschäftsführer auch nicht zuerst an eine Immobilie. Dafür plant er schon einen internationalen Kongress über die Zukunft des Internet.

          Noch ein Haus also. Ein House, um ganz genau zu sein. Nach dem House of Finance an der Frankfurter Universität und dem House of Logistics and Mobility am Flughafen, dem bald noch ein House of Pharma am Main folgen soll, entsteht jetzt das House of IT. Wer allerdings eine Baustelle in Kränen erwartet, muss sich gedulden. Derzeit ist das House of IT nicht mehr als ein Untermieter der Technischen Universität Darmstadt, wie Geschäftsführer Eberhard Schott sagt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor einem schmucklosen Zweckbau an der Mornewegstraße weist lediglich ein Namenszug auf die im Mai gegründete Institution hin - ein Klingelschild sucht der Gast dagegen vergebens. "Das House of IT ist noch kein richtiges Haus", meint Schott angesichts dessen, ohne sich aber deswegen sichtlich zu grämen. Vielmehr vergleicht er sein Haus mit einem sprichwörtlich zarten Pflänzchen, das erst noch wachsen müsse.

          „Die besten Forscher, Studenten und Firmen ansprechen“

          Wenn es nach dem Geschäftsführer geht, wird das zarte Pflänzchen zu einem robusten und blühenden Gewächs, das weit über den Großraum Frankfurt hinaus Interesse auf sich zieht. "Wir wollen mit unseren Themen auch global wirken und die besten Forscher, Studenten, Unternehmen und Gründer ansprechen."

          Schott sieht dafür eine gute und breite Grundlage. Denn zum einen stehen dem Verein hinter dem House of IT namhafte Partner wie die Software AG aus Darmstadt und der Konkurrent SAP AG aus Walldorf, die Unternehmensberatungen Accenture und Ernst & Young und Hochschulen aus der Region zur Seite. Das Land als Initiator nicht zu vergessen. Hinzu kommen der in Frankfurt beheimatete größte Internetknoten der Welt und die Vielzahl von Rechenzentren am Main. Nicht zuletzt preist er die "House of"-Idee als Pluspunkt. Denn diese sei für Hessen ein Alleinstellungsmerkmal hierzulande und zeige die Stärken des Standorts auf. "Wir haben eine Menge Institutionen und Firmen, die sich mit Informationstechnologie befassen. Und die Idee ist: Dort, wo schon was ist, kommt noch was hin."

          Zum Zweiten ist IT ihrem Wesen nach nicht auf eine Region zu beschränken. Dies gilt auch und gerade für das Internet und die Vielzahl von Anwendungen, die moderne, mobile Geräte wie etwa Smartphones ermöglichen. Folgerichtig nennt der Geschäftsführer auch "Future Internet" als Kernthema für das House of IT, das derzeit fünf feste Mitarbeiter zählt. In einem Jahr soll es in Darmstadt den ersten international besetzten Kongress dazu geben. Offene Fragen zur Zukunft des Internet sieht Schott mehr als genug. "Wir erleben eine Entkopplung der Nutzung des Internet vom Standort des Nutzers", gibt er zu bedenken. Etwa Smartphone-Besitzer griffen auf Daten zurück, die irgendwo auf der Welt hinterlegt sein können - oder in einem Rechenzentrum in Frankfurt. Die vermehrte Nutzung von Online-Angeboten führe zu steigenden Anforderungen an den Datenverkehr und die Infrastruktur, vor allem an Breitbanddienste.

          Gesellschaftliche Folgen beleuchten

          Unklar sei, welche mit dem Internet verknüpften Geschäftsmodelle dauerhaft einträglich sein könnten. Dabei gehe es um das "Internet der Dinge, der Dienste oder der Energie" - worunter etwa Bezahlmöglichkeiten per Smartphone zu fassen seien oder die Option, die Heizung mit einem solchen Gerät zu steuern. "Es gibt Dinge, von denen man weiß, dass sie unseren Alltag verändern werden", meint Schott. Viele Menschen machten sich zunehmend abhängiger von Vernetzung. Was dies gesellschaftlich bedeutet, will er gemeinsam mit anderen ergründen.

          Wie er hervorhebt, soll das möglichst interdisziplinär geschehen. Er will außer Informationstechnologen auch Juristen, Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen und Philosophen einbinden. Zudem plant Schott einen Antrag, mit dem er Geld aus der hessischen Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz (Loewe) anzapfen kann. Dessen ungeachtet möchte er Gastdozenten für das House of IT gewinnen und irgendwann eine Graduiertenschule einrichten, an der Hochschulabsolventen in einer bestimmten Zeit mit dem Ziel forschen, eine Doktorarbeit zu schreiben.

          „Typisches Kind des Rhein-Main-Gebiets“

          Schott selbst kann bei seiner Arbeit auf reichhaltige Erfahrung als Unternehmer und Hochschullehrer bauen. Bevor er im Oktober das Amt des Geschäftsführers übernahm, das zuvor von Peter Buxmann kommissarisch bekleidet wurde, war er als Professor für Datenverarbeitung, Marketing und Organisation der Hochschule Aschaffenburg tätig. Schott bezeichnet sich als "typisches Kind des Rhein-Main-Gebiets". Nach einer Ausbildung zum Kaufmann bei der Hoechst AG studierte er in Frankfurt Betriebswirtschaftslehre und wirkte dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter, bevor er 1997 zur Firma CSC Ploenzke nach Wiesbaden ging.

          Im Frühjahr 2001 gründete Schott dann in Mainz eine Beratungsfirma - in einer Zeit, die durch das Platzen der ersten Internetblase an den Weltbörsen und zahlreiche Insolvenzen geprägt war. "Es war ein wunderbares Jahr, um ein Unternehmen zu gründen", meint er ironisch im Rückblick. Seit Frühjahr 2004 zählt er zum Kollegium der Aschaffenburger Hochschule.

          Der Jahresetat, über den der Geschäftsführer in etwa verfügen kann, ist keineswegs riesig. Eine Million Euro möchte er zusammenbekommen, verteilt auf Gelder aus den Kassen der Partner und auf Sachmittel; so stellt das Land Hessen etwa Mitarbeiter ab, was Schott ebenso zu schätzen weiß wie die Kooperation mit der Hessen-Agentur. "Und irgendwann werden wir auch ein Haus haben."

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