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Flüchtlingshilfe : Ein Jahr im humanitären Dauereinsatz

  • -Aktualisiert am

Gelungene Hilfe: Mohammad Abazid (links) und Gabriella Deppert (zweite von rechts) haben sich erfolgreich für die Familie von Khunaf Issa eingesetzt. Bild: Cornelia Sick

Der Student Mohammad Abazid kümmert sich um syrische Flüchtlinge. Manchmal bis zur Erschöpfung. Und doch gibt es Fälle, bei denen der stille Helfer viel bewirken kann.

          Für Mohammad Abazid ist das Jahr 2014 sehr, sehr anstrengend gewesen. Der Mitbegründer des Aktionsbündnisses Freies Syrien hat nicht nur Hilfen für die Menschen im Kriegsgebiet organisiert. Als Referent des Allgemeinen Studentenausschusses der Technischen Universität Darmstadt kümmert sich der Informatikstudent auch um ausländische Kommilitonen und Flüchtlinge aus seiner Heimat, die es nach Südhessen verschlagen hat. Manchmal überfordern den Syrer die Katastrophen dieser Welt: „Es sind so viele, die Unterstützung brauchen, und oft ist es sehr zeitaufwendig. Vor einigen Tagen war ich mit einer Familie beim Kinderarzt. Er hat das Kind ins Krankenhaus überwiesen, wo wir sechs Stunden haben warten müssen.“

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Abazid, selbst Familienvater, lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Er begleitet Menschen aus Syrien zum Doktor, er geht mit ihnen zur Ausländerbehörde, ins Jobcenter, zum Hausbesitzer, der eine Wohnung zu vermieten hat. Denn Abazid kann etwas, was die meisten seiner Landleute nicht können: Er spricht fließend Deutsch und kann deshalb als Dolmetscher helfen. Und er kennt inzwischen die deutschen Umgangsformen und die behördlichen Regeln. Das ist so unerlässlich wie die Möglichkeit zur Verständigung, denn die Regeln in Deutschland sind zum Teil völlig anders als in Syrien: „Mit einem Brief der GTZ, der auf eine anstehende Gebührenzahlung hinweist, können viele nichts anfangen. So etwas gibt es bei uns in Syrien nicht. Also legt man das Schreiben einfach zur Seite.“

          Neuanfang in Südhessen

          Vor zwei Jahren um diese Zeit war Abazid mit dem Ehepaar Khunaf Issa und Rustum Maao und deren kleinen Sohn Mahmud sowie Töchterchen Roja bei der Ausländerbehörde in Groß-Umstadt. Die Familie lebte damals in Altheim - in einer Mietwohnung, die durch und durch verschimmelt war. Grundsätzlich hatte die Behörde nichts dagegen, dass Rustum Maao mit seiner Frau und den Kindern sich eine Wohnung außerhalb des Landkreises sucht. Inzwischen haben sie in Eppertshausen auch eine gefunden. Aber es hat fast ein Jahr gedauert, in der Abazid ständig mit auf Wohnungssuche war.

          Immerhin, der Fall ist eine schöne, ja fast eine weihnachtliche Geschichte. Die Familie, die zu den syrischen Kurden zählt und geflohen war, weil die Soldaten des syrischen Diktators Baschar al-Assad den Vater vor die Wahl stellten, zu kämpfen oder zu fliehen, hat nicht nur eine schimmelfreie Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Eppertshausen bezogen. Der Sohn Mahmud, der nächstes Jahr in die vierte Klasse kommt, hat auch Anschluss gefunden und bringt gute Noten nach Hause. Im Oktober kam seine Schwester Avista zur Welt. Am zweiten Weihnachtstag wird wieder Gabriella Deppert kommen mit einem großen Bilderlexikon und anderen Präsenten. Die Darmstädterin und ihr Mann Fritz Deppert unterstützen die Familie seit vorigem Jahr. Ihr Einsatz erschien dem ZDF so vorbildlich, dass die beiden vor wenigen Tagen in einem Filmbeitrag während der Sendung „Die volle Kanne“ vorgestellt wurden, in der es um das syrische Flüchtlingselend ging. Der Kernsatz des Berichts lautete, „Deppert zeigt, wie Nächstenliebe bei uns aussehen kann“.

          „Begleitservice“ für Flüchtlinge

          Abazid will nächstes Jahr mit dem Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch und Sozialdezernentin Barbara Akdeniz (beide Die Grünen) über die Lage der Flüchtlinge sprechen und auch über die Organisation von Nächstenliebe, die der Herausforderung angemessen ist. Sein humanitärer Dauereinsatz, das weiß der junge Mann inzwischen, hat seine Grenzen: „Mit der Einzelhilfe ist man irgendwann überfordert.“

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