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Staatstheater Darmstadt : Deutschland braucht das

Der erfolgreiche Rapper hat der jüngsten Produktion des Staatstheaters gleich den Titel verpasst: „Kranichstein represent (Deutschland braucht das)“. Bild: Nils Heck

Vom Mikrokosmos für das große Ganze lernen: Mit „Kranichstein represent“ wagt das Staatstheater Darmstadt zusammen mit Autor und Regisseur Volker Schmidt zum ersten Mal Theater in einem Stadtteil – mit Schauspielern und den Bewohnern.

          In den Videos von Olexesh haben die Hochhäuser ihren Auftritt: Sein Barrio, seine Hood, sein Heimatort ist Kranichstein. Der erfolgreiche Rapper, der in Kiew geboren und in dem Darmstädter Stadtteil aufgewachsen ist, hat der jüngsten Produktion des Staatstheaters gleich den Titel verpasst: „Kranichstein represent (Deutschland braucht das)“ heißt das große Stadtteilprojekt, für das der österreichische Autor, Regisseur und Schauspieler Volker Schmidt verpflichtet worden ist. Schauspieldirektor Oliver Brunner und Dramaturg Maximilian Löwenstein hatten die Idee und fragten Schmidt, der schon öfter Stationentheater mit Laien und für Orte außerhalb des Theaters inszeniert hat, ob er sich des Projektes annehmen wolle.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von Dienstag an den ganzen Juni über werden zahlreiche Kranichsteiner Bürger, alte, mittelalte und ganz junge, Alteingesessene und neu Zugezogene mit unterschiedlichen Herkünften, Schauspieler des Staatstheaters und ein Chor die Besucher auf einem performativen Rundgang durch den Stadtteil lotsen. Zu erleben sind eine architektonische Intervention des Diese Studio, an der rund 2000 Kranichsteiner mitgebaut haben, choreographische Elemente und Szenen eines Parcours, die zum Teil autobiographisch oder realistisch sind, zum Teil von Volker Schmidt geschrieben oder überschrieben worden sind.

          Mischung aus Realität und Fiktion

          „Wir bringen zwei Elemente zusammen, nämlich die Recherche, es gibt teilweise Originaltexte, die ich literarisch weiterentwickelt habe, auf der anderen Seite fiktives Material, das aber auch in der Recherche fußt, ich lasse zum Beispiel auch Ernst May auftreten“, erklärt Schmidt. Eine Mischung aus Realität und Fiktion, vielleicht sogar „magischer Realismus“ solle sich einstellen, wenn Bewohner sich selbst oder andere spielen, gecastet worden sind sie auf der Straße, im Bürgertreff und bei anderen Begegnungen. In einem zweijährigen „Annäherungsprozess“, so Schmidt, für den er insgesamt fünfmal nach Darmstadt gereist ist, hat er mit dem Team viel Zeit in dem ihm vorher unbekannten Stadtteil verbracht. Diesen zum Mittelpunkt zu machen war dem Theater ein Anliegen.

          Denn, so Löwenstein, Kranichstein sei ein ungeheuer diverser Stadtteil, der vom aristokratischen Jagdschloss über das Bioversum bis zu den Hochhäusern reiche, urban und im Grünen zugleich. Die von Ernst May initiierte Siedlung, die von 1968 an entstanden ist, hatte eine bewegte Anfangsgeschichte und galt vielen als sozialer Brennpunkt. Nach dem Spielzeitmotto „Wo ist die Grenze“ könne man sagen, für viele Darmstädter sei Kranichstein die Grenze, sagt Löwenstein.

          Tatsächlich aber habe sich in den vergangenen Jahren enorm viel getan. „Es gibt eine ungeheure Vernetzung, der Austausch hat eine hohe Qualität“, hat Schmidt festgestellt. Das habe fast schon etwas Dörfliches, so Löwenstein. Die Idee: „Vom Mikrokosmos für den Makrokosmos zu lernen.“ Denn das Besondere an Kranichstein sei die urbane Architektur und die Entschiedenheit, gegen Anonymität anzugehen. „Der Stadtteil hat einen Geist, Zugehörigkeit zu definieren durch den Beitrag zu einer Gemeinschaft. Das ist ein enorm wichtiges Lernen“, so Löwenstein. Vor allem, da anderswo eher ein sehr homogenes Bürgertum „sagt, wo es langgeht. In Kranichstein kann man der Zukunft beim Wachsen zusehen.“

          Das Projekt „Kranichstein represent“ ist also als eine Art Utopie gedacht und als soziale Plastik – über die Performance hinaus. Dazu gehört auch, dass es, neben den kostenlosen Rundgängen für die Beteiligten, einen Solidaritätspreis beim Eintritt geben wird: Wer mehr hat, zahlt für diejenigen mit, die sich die Teilnahme sonst nicht leisten könnten.

          KRANICHSTEIN REPRESENTStadtteilprojekt, Staatstheater Darmstadt, 29. Mai bis 28. Juni, jeweils 18.30 Uhr

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