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Darmstadt : Achter Altenheimbewohner gestorben

  • Aktualisiert am

Die Zahl der Toten in einem städtischen Alten- und Pflegeheim in Darmstadt hat sich seit vergangenem Mittwoch auf acht erhöht. Wie berichtet, waren 24 der 152 Heimbewohner in den vergangenen sieben Tagen plötzlich schwer erkrankt.

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          Die Zahl der Toten in einem städtischen Alten- und Pflegeheim in Darmstadt hat sich seit vergangenem Mittwoch auf acht erhöht. Wie berichtet, waren 24 der 152 Heimbewohner in den vergangenen sieben Tagen plötzlich schwer erkrankt. Sie litten an hohem Fieber, Atembeschwerden und Harnwegsinfektionen. Noch sind nicht alle Laboruntersuchungen abgeschlossen. Doch ergaben die bis Dienstag abend vorliegenden Ergebnisse keinen Hinweis auf eine bestimmte Infektionskrankheit als Ursache für die Todesfälle. Sie könne keine eindeutige Antwort geben, vermute aber, daß die lang andauernde Hitzeperiode eine große Rolle gespielt habe, sagte auf Anfrage Angela Wirtz, Referatsleiterin für Seuchenschutz und Infektionskrankheiten im hessischen Sozialministerium. Eine Folge der Hitze sei chronische Austrocknung, so daß an sich harmlose Erreger für diese Patienten gefährlich werden könnten.

          Hans Wilhelm Doerr und Holger Rabenau vom Institut für Medizinische Virologie des Frankfurter Universitätsklinikums, das unter anderem mit den Laboruntersuchungen betraut ist, schlossen sich der Meinung des Ministeriums an. So seien in Frankreich zirka 3000 Menschen infolge der Hitze gestorben. Auch dort seien vorwiegend alte Menschen betroffen gewesen. Ihr Immunsystem sei unter solchen Bedingungen besonders geschwächt, oder sie stürben an Austrocknung.

          Der Darmstädter Klinikdezernent Gerd Grünewaldt (SPD) widersprach jedoch der Mutmaßung, die alten Menschen seien in dem Heim nicht ausreichend mit Flüssigkeit versorgt worden. Die Heimleitung habe versichert, immer wieder darauf gedrungen zu haben, daß die alten Menschen viel Flüssigkeit zu sich nähmen. Bei den Verstorbenen, von denen bislang zwei obduziert worden sind, habe es sich zumeist um Pflegefälle gehandelt.

          Referatsleiterin Wirtz geht nicht von einer Verbreitung der Legionärskrankheit aus. Zwar seien im Trinkwasser des Alten- und Pflegeheims entsprechende Erreger gefunden worden, doch von verschiedenen Stämmen und je nach Gebäudeteil in unterschiedlichen Konzentrationen. Zudem übertrage sich die Legionellose durch Einatmen des Bakteriums. Dieser Ansteckungsweg komme bei den Verstorbenen aber nicht in Betracht. So seien alle bettlägerig gewesen, hätten also beispielsweise nicht duschen können. Eine Klimaanlage gebe es in der Einrichtung nicht.

          Warum die Hitze gerade in dem Darmstädter Heim so viele Opfer gefordert hat, kann derzeit indes niemand so recht beantworten. Wie Wirtz mitteilte, liegen nach ihren Erkenntnissen keinem Gesundheitsamt in Hessen Informationen über eine ähnlich hohe Anzahl von Todesfällen in einem Alten- oder Pflegeheim vor. In Frankfurt seien einige Fälle bekannt. Die Leiterin des Frankfurter Gesundheitsamts, Sonja Stark, räumte ein, daß vereinzelt schwerkranke, alte Menschen in Altenheimen während der großen Hitze gestorben seien. Infektionskrankheiten seien auch hier nicht der Grund gewesen. Aus Gesprächen mit dem Robert-Koch-Institut in Berlin wisse sie von entsprechenden Meldungen aus anderen Bundesländern. Auch dort seien alte Menschen gestorben, Erreger hätten nicht gefunden werden können. Fundierte Zahlen lägen noch nicht vor, so daß das wahre Ausmaß der Sterblichkeitsrate in diesem Sommer erst später festgestellt werden könne. Wenn schon jungen Menschen die Hitze zu schaffen mache, gelte das für ältere um so mehr. Stark berichtete von vermehrten Einsätzen des Rettungsdienstes in den vergangenen Wochen, die Krankenhäuser seien aber nicht überfüllt gewesen.

          In den städtischen Kliniken Höchst in Frankfurt beispielsweise verzeichnete der Chefarzt der Geriatrie, Hans-Ulrich Koch, mehr Einweisungen von älteren Menschen als sonst, überwiegend aus Altenheimen. Gestorben sei jedoch kein Patient. "Wir mußten auffallend viel Flüssigkeit infundieren, weil alte Menschen nicht in der Lage sind, genug zu trinken", stellte der Privatdozent fest. So sei bei Älteren das Durstgefühl vermindert, weder geistig noch motorisch seien sie in der Lage, selbständig über den Tag verteilt genügend zu trinken. "Sie nehmen einen Schluck und stellen das Glas wieder ab." Theoretisch müßte eine Pflegekraft oder ein Angehöriger ihnen ununterbrochen etwas zu trinken anbieten. Doch in keiner Einrichtung gebe es soviel Personal. Als vorbildlich stellte Koch Kliniken in Südeuropa heraus, wo Familienmitglieder ihre Angehörigen mitversorgten. Das Darmstädter Heim kritisierte der Arzt ausdrücklich nicht. Er glaube, die Mitarbeiter hätten nichts besser machen können.

          Unterdessen hat die Darmstädter Staatsanwaltschaft zusammen mit dem Frankfurter Institut für Rechtsmedizin ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet. Dieses wende sich nicht gegen jemanden, sondern solle die Todesfälle aufklären helfen, sagte Oberstaatsanwalt Ger Neuber auf Anfrage. Die Staatsanwaltschaft habe den Fall an sich gezogen, um bei dieser Häufung von Todesfällen nicht untätig zu bleiben. Verdachtsmomente oder gar Anzeigen lägen aber nicht vor, fügte er hinzu.

          Die Erkrankten, die alle in Kliniken gebracht worden seien, befänden sich inzwischen auf dem Weg der Besserung, hieß es aus dem Altenheim. (rig./ziz.)

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