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Darmstadt 98 : Johnnys Spirit für das Böllenfalltor

  • -Aktualisiert am

Herzensangelegenheit: Das Darmstädter Stadion wird den Namen eines jungen Fans tragen. Bild: Axel Häsler

Die Darmstädter Arena wird für eine Spielzeit in „Jonathan-Heimes-Stadion“ umbenannt. Ermöglicht hat diese einmalige Aktion der Namenssponsor der Sportstätte.

          Es war kurz vor zwölf, als am Montag in Darmstadt eine Straßenbahn das Depot verließ, die bis dahin nur ein paar Menschen gesehen hatten. Es herrschte höchste Geheimhaltungsstufe über Wochen, denn die Bahn sollte für eine Überraschung sorgen. Dass dies glücken würde, wurde schnell deutlich.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Als die Bahn gemütlich am Böllenfalltor vorbei in Richtung Innenstadt rollte, schauten ihr viele Darmstädter hinterher. Sie war spektakulär „gebrandet“, wie das im Jargon der Marketing-Leute heißt, rundum beklebt, diesmal nicht nur mit einer Werbebotschaft, sondern auch mit einer Nachricht. „Danke Johnny!“ stand darauf zu lesen und: „Unser Stadion heißt in der Saison 2016/2017 Jonathan-Heimes-Stadion am Böllenfalltor.“ Wow, das saß! Die Überraschung war geglückt, und auf dem Friedensplatz in der Innenstadt wartete die lokale Prominenz, alles war angerichtet für eine Open-Air-Pressekonferenz, für Getränke war gesorgt und auch für 98 Bratwürste. Die Einladung hatte das Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck erst am Sonntagmittag verschickt.

          Ein Satz, den jeder „Lilien“-Fan kennt

          Auch hier wollte man sichergehen, dass die Nachricht nicht vorab durchsickerte – die Nachricht, dass ein Bundesligastadion nach einem jugendlichen Fan benannt wird, nach Jonathan „Johnny“ Heimes, der im vergangenen März nach zwölfjährigem eisernem Kampf einem Krebsleiden erlag. Er hatte nicht nur dem Krebs in unzähligen Chemo- und Bestrahlungstherapien und mehreren Operationen getrotzt, er hatte zugunsten des Frankfurter Vereins „Hilfe für krebskranke Kinder“ auch eine Aktion ins Leben gerufen, die durch den Verkauf von Bändchen mit dem Aufdruck „Dumusstkämpfen. Es ist noch nichts verloren“ in den vergangenen dreieinhalb Jahren mehr als 600.000 Euro für den guten Zweck gesammelt hat.

          Mit diesen Bändchen am Arm haben die Darmstädter Profis 2014 das Relegationsrückspiel um den Aufstieg in die Zweite Liga bei Arminia Bielefeld bestritten. Nach einer 1:3-Niederlage zu Hause schafften sie in Bielefeld in einem spektakulären Spiel noch die Wende. Dieses Spiel war der Beginn einer einzigartigen Beziehung zwischen dem Profiklub und dem krebskranken Jungen. Spieler und Trainer und viele Fans trugen fortan die Bändchen, Jonathan Heimes stand bei den Aufstiegsfeiern mit der Mannschaft auf der Bühne vor 20.000 Menschen, und alle sangen für ihn „You’ll never walk alone“. Der Satz von Mannschaftskapitän Aytac Sulu kennt bis heute jeder „Lilien“-Anhänger: „Ohne Johnny wär’n wir gar nicht hier!“

          Die Idee, das traditionsreiche Stadion nun zu Ehren von Jonathan umzubenennen, hatte sein Vater. Er arbeitete fast 25 Jahre bei Merck und ist seit kurzer Zeit in passiver Altersteilzeit. In einem Gespräch mit Kai Beckmann aus der Merck-Geschäftsführung trug er die Idee vor – und stieß auf Begeisterung. „Die Idee hat uns von den Stühlen gerissen“, sagt Beckmann. „Es hat uns fasziniert, diese Saison Jonathan zu widmen, der so viel für den Verein getan hat, und auf diese Weise auch für seine Initiative zu werben.“ Die Initiative, das ist die gemeinnützige „Dumusstkämpfen“-GmbH, die – 2015 gegründet – sich zum Ziel gesetzt hat, Jonathans Aktion weiterzuführen.

          Ein Bändchen mit Geschichte

          Auch in der lokalen Politik kam die Idee der Stadionumbenennung an, Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) nannte den Namensverzicht des größten Unternehmens der Region „eine große Geste, die die Menschen anrühren wird“. Er meinte damit nicht nur den neuen Stadionnamen, sondern auch die Straßenbahn, die mit dem „Dumusstkämpfen“Logo und riesigen Bändchen-Aufklebern ein Jahr lang in Darmstadt unterwegs sein wird. „Wir wollen die Idee sichtbar machen“, sagte Beckmann. Er kündigte an, sein Unternehmen werde dieses Jahr weitere Aktionen an den Spieltagen nutzen. Außerdem würde es „eine große Auflage Bändchen“ an seine Belegschaft verkaufen. In Darmstadt arbeiten rund 10.000 Menschen für Merck, das ein Weltkonzern ist, weit mehr als 90 Prozent seines Umsatzes macht es im Ausland.

          Jonathan Heimes im Juni des vergangenen Jahres

          Für den SV Darmstadt 98 wies Präsident Rüdiger Fritsch am Montag darauf hin, dass die Bändchen-Geschichte im Verein auch nach Jonathans Tod (und dem Weggang von Trainer Dirk Schuster) weiterhin große Bedeutung habe. Alle neuen Spieler bekämen die Bändchen – und eine Einführung in ihre Geschichte. Aber ihm gehe es weniger um die Profis, viel mehr um die Möglichkeit, krebskranken Kindern helfen zu können. „Das ist das Wichtigste. Und wenn es dann noch hilft, Johnnys Spirit in die Köpfe der Spieler zu bekommen, dann ist das auch eine schöne, eine zweite Sache.“

          Einmalig in der Liga-Geschichte

          Am Samstag, vor dem Derby gegen die Frankfurter Eintracht, wird das Stadion offiziell umbenannt werden. Auch abseits des Engagements von Merck wird es in dieser Saison verschiedene Aktionen für „Dumusstkämpfen“ geben. So wird der Trikotsponsor Software AG, ein weiteres Darmstädter Unternehmen von internationalem Rang, zum ersten Todestag von Jonathan Heimes am 8. März 2017 eine Trikot-Sonderedition auflegen, das Logo des Unternehmens wird dann durch „Dumusstkämpfen“ ersetzt.

          Die Lilien werden damit ein Bundesligaspiel bestreiten, und der Erlös aus dem Verkauf der Trikots wird der gemeinnützigen GmbH und damit dem guten Zweck zufließen. Die zweite Saison der Darmstädter in der „Fußball-Bundesliga wird somit ganz im Zeichen von Jonathan Heimes und „Dumusstkämpfen“ stehen – eine höchst ungewöhnliche Liaison im Bundesligageschäft – und so einmalig in der Liga-Geschichte wie ein Stadion, das nach einem jugendlichen Fan benannt wird.

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