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Dannenröder Forst : Dauerstreit um eine Autobahnlücke

  • -Aktualisiert am

Einsatzkräfte der Polizei umstellen einen Aktivisten, der auf einem Raupenfahrzeug sitzt. Bild: dpa

Nach 40 Jahren sollen im Dannenröder Forst Bäume gefällt werden: Der Weiterbau der A49 treibt Kritiker auf die Bäume. Befürworter des Projekts hingegen hoffen auf einen Schub für die eher wirtschaftsschwache Region.

          5 Min.

          Am Weiterbau der A49 zwischen Schwalmstadt und Homberg/Ohm scheiden sich die Geister. Die einen protestieren vehement gegen den 31 Kilometer langen Lückenschluss zur A5, die anderen hoffen auf ihn. Nach 40 Jahren Planung sollen die Bauarbeiten mit den Baumfällungen am 1. Oktober beginnen, 2024 soll die neue Autobahn fertig sein. Aktuell endet die A49, die von Kassel aus nach Süden führt, bei der Ortschaft Neuental im Schwalm-Eder-Kreis. Der knapp zwölf Kilometer lange Abschnitt von dort nach Schwalmstadt wird gerade gebaut. Die Fortführung dieser Autobahn, die nach Vollendung den Großraum Kassel besser mit Mittelhessen verbinden soll und mit Anschluss an die A5 Anbindung an das überregionale Autobahnnetz bekommt, war mit dem Fernstraßenausbaugesetz des Bundes beschlossen worden, und auch die schwarz-grüne Landesregierung hat sich für die Fertigstellung ausgesprochen.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Gleichwohl hadern die Grünen mit dem Projekt. Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) sagte auf Anfrage, er sei diesem Vorhaben gegenüber stets kritisch eingestellt gewesen, auch wegen Eingriffen in Natur und Landschaft, die erheblich seien. Es sei allerdings sichergestellt, dass Auflagen der europäischen Wasserrahmenrichtlinie eingehalten würden. Zudem entstünden neuer Wald, Laichgewässer für Amphibien, naturnahe Auen- und Laubwälder.

          Einhaltung der Gesetze

          Der Eingriff in den Wald werde also ausgeglichen, auch wenn es das Roden nicht ungeschehen mache. Wie der Minister weiter ausführt, müsse er akzeptieren, dass die erste, zweite und dritte Gewalt der Bundesrepublik Deutschland diesen Bau beschlossen, in Auftrag gegeben und für rechtmäßig erklärt hätten. Das müsse vom Land Hessen nun im Zuge der Auftragsverwaltung umgesetzt werden.

          Er, so Al-Wazir, habe als Minister einen Amtseid auf die Einhaltung der Gesetze geleistet; ein Minister könne sich nicht aussuchen, welche gesetzlichen Aufträge er befolge und welche nicht. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hatte beim Parteitag am Wochenende noch einmal für den Ausbau Stellung bezogen und sich dahingehend geäußert, er sei dankbar, dass sich der Bündnispartner an getroffene Entscheidungen halte, wenngleich das für die Grünen nicht einfach sei.

          Einige Geschädigte haben Sympathien

          Gleichwohl, der Protest droht zu eskalieren. Im September 2019 richtete sich eine Handvoll Aktivisten aus der Region in selbsterrichteten Baumhäusern auf der geplanten Trasse im besonders umstrittenen Dannenröder Forst nahe Homberg/Ohm ein. Mittlerweile leben rund 200 Menschen in 70 bis 80 Behausungen in luftiger Höhe, aufgeteilt in neun regelrechte Siedlungen, auf Bäumen die zum Fällen markiert sind. Tendenz steigend. Für den Autobahnbau gefällt werden sollen 27 Hektar im Dannenröder Wald, bei einer Gesamtfläche von rund 1000 Hektar, und 50 Hektar im benachbarten Herrenwald. Hinzu kommen acht Hektar auf mehreren kleineren Flächen.

          Vor kurzem wurden in Gießen mit Lackfarbe rote Kreuze auf mehr als 150 Autos gesprüht. In einem Bekennerschreiben, das die Polizei A 49-Gegnern zurechnet, hieß es, man habe die Fahrzeuge „zum Abfackeln markiert“ für den Fall, dass Bäume gefällt würden. Einige der Geschädigten sagten, sie hätten durchaus Sympathien für die Proteste. Das ändere sich durch solche sinnlosen Aktionen jedoch. Auf einer Wiese am Dannenröder Forst besetzten drei Aktivisten eine Planierraupe der Baufirma. Es dauerte Stunden, bis Polizisten, die die Bauarbeiten begleiteten, den letzten von ihnen heruntergeholt und in Gewahrsam genommen hatten. Zu einem friedlichen Open-Air-Konzert mit anschließendem Waldspaziergang, bei dem Politiker über das Projekt informierten, kamen rund 1000 Menschen.

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