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Alltag im Jugendamt : Daheim, weg, daheim, wieder weg

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Sind so kleine Füße: Mutter, die um das Sorgerecht für ihre drei Kinder kämpft, mit ihren beiden Töchtern und ihrem Sohn sowie einem Hund Bild: Franziska Gilli

Kinder brauchen Klarheit, sagt das Jugendamt. Im Fall von Ashley, Vivian und Jeremy ist das gründlich schiefgegangen. Sie leben nun schon zum zweiten Mal in staatlicher Obhut. Doch geht es ihnen dort besser?

          11 Min.

          Ashley hat die besten Ideen für das Foto. Für Bilder hat die Vierzehnjährige einen Sinn. Und für Kommandos. „Alle mal herhören“, sagt sie, und selbst Vivian lässt sich auf ihre Anweisungen ein. Am Ende steht die Familie zusammen, hält sich an den Händen, so wie Ashley sich das vorgestellt hat. Die Fotografin drückt auf den Auslöser. Ashley ist zufrieden.

          Es ist einer der letzten Spätsommertage, die Wiese hinter dem Haus ist feucht, Jeremy, der Jüngste, trägt seine Gummistiefel. Es ist fürs Erste einer der letzten gemeinsamen Tage für Andrea Schneider und ihre Kinder. Das Jugendamt verliert danach keine Zeit mehr. Innerhalb weniger Wochen müssen die drei umziehen. Ashley lebt nun im Odenwald, Vivian in der Nähe von Mainz. Als schließlich Jeremy ins Kinderheim nach Rödelheim muss, geht ein Kapitel Familiengeschichte zu Ende, das Jugendamt, Familienhelfer und Gerichte jahrelang beschäftigt hat. Es ist das zweite Mal, dass die Kinder von ihrer Mutter getrennt werden.

          Darum kennt Andrea Schneider das Gefühl, alleine in ihrer Wohnung zu sitzen und sich Woche für Woche auf den Weg zu ihren Kindern zu machen. Neu ist hingegen die Resignation. Ein paar Kilo hat die 37 Jahre alte Mutter in den vergangenen Monaten verloren. Die Wut ist gewichen, ihr vehementes „Hallo?!“ kommt ihr nicht mehr so leicht über die Lippen. Stattdessen hat sie ein gebrauchtes Taschentuch in der rechten Faust. Den Tränen ist sie praktisch ständig nahe, vor allem wenn sie von den Besuchen bei ihren Kindern erzählt. „Ich erkenne sie kaum noch wieder“, sagt sie.

          Sie macht wieder nachts ins Bett

          Vivian habe es schwer in ihrer Wohngruppe. Dort wohnten außer ihr nur Geschwisterkinder, sie sei die Einzige, die auf sich allein gestellt sei. Jeremy lebt wieder in Rödelheim, im einzigen Kinderheim, das die Stadt betreibt. Aus Ashley ist ein pubertierendes Mädchen geworden, das nur noch nach mehrmaliger Aufforderung ihre Aufgaben erledigt, wieder nachts ins Bett macht, beim Klauen erwischt wurde und nach Angaben seiner Mutter raucht. Geht es den drei Kindern in der Obhut des Staates also wirklich besser als in der Wohnung ihrer Mutter?

          Dass Ashley die richtige Bleibe gefunden hat, glauben selbst ihre Betreuer nicht. „Wir bezweifeln, dass Ashley bei uns gut aufgehoben ist“, schreiben sie in einem Zwischenbericht. Eine kleinere Wohngruppe könne ihr wohl besser gerecht werden. Es steht also zu erwarten, dass Ashley bald wieder umziehen wird. Nach Stabilität klingt das nicht und auch nicht nach dem, was Inge Büttner vom Frankfurter Jugendamt als wichtige Prämisse formuliert: „Kinder brauchen Klarheit.“

          Klarheit ist so ziemlich das Letzte, was jenen in den Sinn kommt, die Andrea Schneiders Kinder in den vergangenen Jahren begleitet haben. Ashley, die Kreative, Vivian, die Aufmüpfige, und Jeremy, der Neugierige, haben ein Hin und Her hinter sich, das niemand gewollt hat. Offenbar ist alles nach Recht und Gesetz verlaufen, doch ihre Geschichte hinterlässt die Frage, wann der Staat wirklich eingreifen muss, um Kindern zu helfen. Und vor allem, wie er das tun sollte.

          Hinweis gleich „Gefährdungsmeldung“

          Seinen Anfang nimmt der Fall Schneider vor vier Jahren mit einem Besuch im Jobcenter. Jeremy ist da noch gar nicht geboren, die Sachbearbeiterin meint zu merken, dass Vivian vernachlässigt aussieht. Die Geldprobleme der Familie kennt sie aus den Akten. Also gibt sie dem Jugendamt einen Hinweis. „Gefährdungsmeldung“ heißt das. Mehrere tausend solcher Anzeigen erhält das Frankfurter Jugendamt jedes Jahr, jeder einzelnen muss es nach einem festen Schema nachgehen. Als sich kurz darauf auch Nachbarn der Schneiders beim Jugendamt melden, nimmt es den Fall erst recht ernst. Es werde des Öfteren laut in der Wohnung, heißt es. Womöglich misshandelten die Eltern ihre Kinder.

          Es ist das Jahr 2011, ein Hausbesuch bringt alles andere als Entwarnung: Nach Jeremys Geburt leben die drei Kinder mit der Mutter und dem Vater des Jungen in einer Zweizimmerwohnung. 60 Quadratmeter sind nicht viel für fünf Menschen, zumal dort auch noch eine Katze, ein Reptil und ein Papagei Platz finden müssen. Im Wohnzimmer stehen das Elternbett und ein Kühlschrank. Im zweiten Zimmer finden sich die Kinderbetten. Die Mitarbeiter des Jugendamts halten fest, die Wohnung habe einen „für Kinder völlig ungeeigneten Zustand“. Die Rede ist von ungesicherten Steckdosen und Medikamenten in Reichweite der Kinder. Besonders Vivian brauche Unterstützung, um Entwicklungsdefizite aufzuholen. Fortan gehen Sozialarbeiter ein und aus, sozialpädagogische Familienhilfe heißt dieser Ansatz.

          Die Schneiders sind sicher keine Bilderbuchfamilie. Die drei Kinder haben drei unterschiedliche Väter. Trotz Pille wurde sie schwanger, sagt die Mutter. Mit keinem der Männer hielt sie es lange aus. Jeremys Vater ist drogensüchtig. Therapien trat er nicht an oder brach sie ab. Hin und wieder musste er ins Gefängnis. Statt sich um die Kinder zu kümmern, sitze er apathisch auf dem Sofa, heißt es in mehreren Berichten. Später, als er seinen Sohn im Kinderheim besucht, soll er Jeremy einmal mit Handschlag begrüßt haben, als wäre er ein alter Schulfreund, nicht sein leiblicher Sohn. Kurzum, die Familienhelfer beschreiben ihn als familiären Totalausfall.

          Der Mutter wird hingegen niemand vorwerfen können, dass ihr die Zuneigung zu ihren Kindern fehle. Wahlweise nennt sie sie „Würmchen“ oder „Mäuse“, Jeremy ist ihr „kleiner Prinz“. Im Wohnzimmer hängt ein Gipsabdruck ihres Babybauchs an der Wand, als Erinnerung an die Schwangerschaft mit Vivian, darauf zwei farbige Handabdrücke. In einem Gutachten heißt es, sie gehe liebevoll mit den Kindern um. Doch in Bezug auf Andrea Schneider folgt auf solche positiven Feststellungen fast immer ein großes Aber. Zum Beispiel, weil sie ihren Kindern, vor allem der quirligen Vivian, aber kaum Grenzen setzen kann.

          Bürokratisch korrekt festgehalten

          Das mag sein. Vivian ist eine echte Herausforderung. Sie ist laut, provoziert die Mutter, wann immer es geht, und kann auch zu ihren Geschwistern fies sein. Darunter leidet vor allem Jeremy. Ashley wiederum übernimmt aus Sicht des Jugendamts eine Rolle, die ihrem Alter nicht angemessen ist, und damit zu viel Verantwortung. Dass sie Vivian nicht immer im Griff hat, gibt die Mutter zu. Aber sie glaubt, Fortschritte gemacht zu haben.

          Zunächst geht auch das Jugendamt davon aus, dass eine ambulante Hilfe reichen wird. Über das, was genau zu tun ist, schließt das Jugendamt regelmäßig eine Art Vertrag mit den Eltern ab. In diesen Hilfeplänen steht, was die Eltern erreichen sollen, bürokratisch korrekt festgehalten in Grundsatz-, Rahmen- und Ergebniszielen. Ganz oben auf der Agenda von Familie Schneider steht etwa, dass die Familie in einer geeigneten Wohnung leben soll und die arbeitslosen Eltern ihre Finanzen in Ordnung bringen sollen, zum Beispiel mit einem Haushaltsplan. Familienhelfer kommen und gehen, die Probleme bleiben. Langsam entwickelt sich ein Kleinkrieg zwischen Jugendamt, Sozialarbeitern und der Familie.

          Von dieser Zeit gibt es zwei Versionen: Das Jugendamt sagt, die Eltern hätten zu wenig unternommen, um die Situation zu verbessern. Andrea Schneider sagt, es sei alles nicht so schlimm gewesen, und außerdem hätten die Helfer zu wenig unternommen, um sie wirklich zu unterstützen. Einmal habe sie zum Beispiel eine neue Wohnung in Aussicht gehabt, doch dann habe sich die Mitarbeiterin des Jugendamts lange Zeit nicht zurückgemeldet, um ihr zu helfen, die Wohnung tatsächlich zu bekommen. Das Jugendamt bestreitet das.

          Stellvertretend für viele weitere Streitpunkte, Missverständnisse und echte Probleme stehen eine Türklinke und ein Smoothie. Dass an der Tür zum Kinderzimmer ein Griff fehlte, ist einer der Vorwürfe an Schneider. Die Kinder hätten im Notfall nicht schnell genug aus ihrem Zimmer flüchten können. Die Mutter sagt, sie habe sich nicht getraut, den Vermieter darauf hinzuweisen. Damals habe es schon genug Ärger mit ihm gegeben, auch weil die Nachbarn sie aus dem Haus ekeln wollten. Echte Gefahr wegen des Türgriffs habe es nie gegeben.

          Smoothie verboten

          Ein anderes Mal beobachteten die Helfer, wie Schneider einer ihrer Töchter erlaubte, einen Smoothie zu kaufen. Ein Kind in einer verschuldeten Familie könne doch keinen teuren Smoothie bekommen, meint das Jugendamt. „Wenn mein Kind mal einen Smoothie möchte, bekommt es einen Smoothie“, erwidert Schneider. Auch wenn er vier Euro kostet.

          Ihren Kindern den Smoothie zu verbieten ist aus Schneiders Sicht einer der vielen Versuche, sie zu bevormunden. Ein anderer ist der Zettel, den ihr die Frau vom Jugendamt einmal in der Wohnung gelassen hat. Eine Liste von Sachen, die in einen gutsortierten Vorratsschrank gehören: Mehl, Zucker, Kartoffeln, Nudeln und einiges mehr. Ein anderes Mal ist es ein Rezept für Spaghetti bolognese. „Hallo?!“, fragt Schneider empört: „Ich weiß doch, wie ich Essen koche!“

          Genau daran zweifelt das Jugendamt. Es habe nicht immer Mittagessen für die Kinder gegeben, heißt es in Berichten. Eine Tagesstruktur habe gefehlt. Eigentlich möchte sich die Behörde nicht zum Fall Schneider äußern. Die Vormundin der Kinder willigt schließlich doch ein, aber nur unter der Bedingung, dass die wahren Namen von Mutter und Kindern nicht in der Zeitung stehen und die Kinder auf den Fotos nicht zu erkennen sind.

          Inge Büttner ist die Vorgesetzte der gut 210 Mitarbeiter, die sich im Jugendamt um das Wohl der Frankfurter Kinder kümmern sollen. Sie sagt, dass sich der Eindruck verstärkte, dass Schneider die Probleme nicht anerkannte. Fortschritte seien nie von Dauer gewesen, des Öfteren sei Schneider gegenüber den Helfern laut geworden, den Familienhelfern habe sie Gewalt angedroht, sei sogar handgreiflich geworden.

          Das alles kulminiert kurz vor Pfingsten 2013. Dem Jugendamt ist die Situation zu heikel geworden, Büttner spricht von einer „Eskalation“. An Schneiders Tür klopfen Polizisten und Sozialarbeiterinnen, um den kleinen Jeremy abzuholen. Ein Gerichtsvollzieher hält der Mutter ein Formular vom Familiengericht vor die Nase: „Eilt sehr.“ Kurz darauf klingelt ihr Telefon. „Ich fahre jetzt ins Heim“, sagt Ashley, die noch in der Schule war. Vivian holt das Jugendamt im Kindergarten ab.

          Die Mitarbeiter des Jugendamts sind wahrlich nicht zu beneiden. Greifen sie zu früh ein, werfen ihnen die Kritiker Willkür vor. Tun sie nichts, sind die Schlagzeilen noch viel schlimmer. Niemand möchte, dass Kinder misshandelt werden, weil das Jugendamt zu lange weggesehen hat. Doch um einem Missverständnis vorzubeugen: Es ist niemals das Jugendamt, das Kinder dauerhaft aus der Familie nimmt. Dahinter steht immer der Beschluss eines Familiengerichts.

          Seit Schicksale wie das kurze Leben des Bremer Jungen Kevin öffentlich geworden sind, ist die Gesellschaft wachsamer geworden, die Behörden arbeiten enger zusammen. Die Polizei melde heute öfter Verdachtsfälle, heißt es im Jugendamt. Dass Hinweise wie im Fall der Schneiders aus dem Jobcenter kommen, ist auch kein Zufall. Schließlich arbeiten in der Behörde viele frühere Mitarbeiter des Jugendamts, die „ein Auge für solche Fälle“ haben, wie Büttner sagt.

          2014 nahmen die Behörden 551 Kinder in Obhut, gut 100 mehr als noch 2010. Die Problemlagen würden tendenziell komplexer, sagt die Sprecherin von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU). Die Ausgaben für die Jugendhilfe sind einer der am schnellsten wachsenden Posten in ihrem Etat. Ein Platz in einem Kinderheim kostet die Stadt im Schnitt knapp 5000 Euro im Monat. Ebenso viel kann die ambulante Betreuung kosten, wenn sie so umfangreich ist wie im Fall der Schneiders.

          Immer öfter berichten die Sozialarbeiter von seelischen Problemen der Eltern. Eine Theorie besagt, dass Geldprobleme die Familien belasten. Wer finanziell gut dasteht, kann manches Hindernis leichter aus dem Weg räumen, sich Babysitter leisten, eine geräumige Wohnung und Entspannungsurlaub.

          Das Geld für das alles kann die Mutter von Ashley, Vivian und Jeremy nicht aufbringen. Ihr Schicksal hat viel mit Armut zu tun. Zwei Ausbildungen hat sie abgebrochen, ihren letzten Job hatte sie vor langer Zeit in einer Pizzeria. Andrea Schneider stammt aus schwierigen Verhältnissen. Vieles, was eine Mutter, eine alleinerziehende zumal, können muss, hat sie im eigenen Elternhaus nicht erfahren. Ihr Vater war Alkoholiker, er schlug ihre Mutter. Das habe sie aber erst viel später erfahren, sagt sie, „ich war immer sein Liebling.“ Heute nennt sie ihn nur noch ihren „Erzeuger“, so spricht sie mittlerweile auch über Jeremys Vater. Es komme leider oft vor, dass sich Probleme aus der eigenen Kindheit auf die nächste Generation übertrügen, sagt Büttner.

          Ziel des Jugendamts ist es, diese Vererbung von Problemen zu verhindern. Im Fall der Schneiders sieht es schließlich die einzige Lösung darin, Mutter und Kinder voneinander zu trennen. Was folgt, ist eine quälend lange Zeit vor Gericht. Das Oberlandesgericht fordert ein zusätzliches Gutachten, um herauszufinden, ob das Wohl der Kinder in Gefahr ist. In der Zwischenzeit schickt es die Kinder zurück in die Familie. Kurz vor Weihnachten 2014 ist das. Da denkt Andrea Schneider, alles werde gut.

          Sie wirkt „angemessen gepflegt“

          Vor Gericht kommt vieles auf diese Gutachten an. Im Fall der Schneiders gibt es zwei dieser Werke. Laien, die sie lesen, kann ein kalter Schauer überkommen. Auf jeweils 60 Seiten listet eine Psychologin auf, was sie in mehreren Gesprächen herausgefunden hat. Schwarz auf weiß listet sie die Fehler der Mutter auf, die Auffälligkeiten der Kinder. Einmal abgesehen davon, dass sich auf fast jeder Seite der Gutachten Rechtschreibfehler finden, erschreckt der Ton. Er ist schonungslos, als ginge es nicht um Menschen, sondern Gebrauchtwagen. Auf ihr Äußeres scheine sie nicht viel Wert zu legen, heißt es an einer Stelle über Andrea Schneider. Sie „wirkt aber trotzdem angemessen gepflegt“.

          Wo keine verlässlichen Informationen vorliegen, müssen Mutmaßungen herhalten, etwa in Bezug auf Schneiders Biographie. Womöglich sei ihre erste Beziehung zu einem Mann „von Gewalt, physisch und / oder psychisch geprägt“ gewesen. Beleg? Fehlanzeige. Gleiches gilt für Gewalt den Kindern gegenüber. Es sei „durchaus denkbar“, dass Schneider in Situationen der Überforderung „die Kinder auch einmal schlägt, jedoch nicht prügelt“. An anderer Stelle schreibt die Gutachterin, „auch grobes Anfassen der Kinder“ sei in Extremsituationen nicht auszuschließen. Aber was lässt sich schon mit Sicherheit ausschließen? Anzeichen von Schlägen seien jedenfalls nicht zu finden gewesen.

          Die Liste der Mutmaßungen ließe sich fortsetzen, aber am Ende steht kein gutes Ergebnis für die Mutter. „Eingeschränkt erziehungsfähig“, urteilt die Prüferin im ersten Gutachten. Für das Jugendamt ist das ein klarer Hinweis auf große Probleme der Mutter, für sie wiederum zählt vor allem das „erziehungsfähig“.

          In einem vom Gericht angeforderten Ergänzungsgutachten geht die Psychologin noch weiter: Die Einschränkung sei fortgeschritten, schreibt sie. Das Wohl der Kinder sei akut gefährdet. Auf dieser Basis entscheidet ein Richter, dass die Kinder besser in der Obhut des Staates aufgehoben seien als in der kleinen Wohnung mit ihrer Mutter.

          Rechtsstreit füllt drei Ordner

          Hilmar Kistner fragt sich noch immer, wie es so weit kommen konnte. Es passiere ihm nicht oft, dass er die Kinder seiner Mandanten „verliere“, sagt der Rechtsanwalt. Und selten gehen ihm die Fälle so nahe wie das Schicksal der Familie Schneider. „Wie kann man denn bei sowas kaltbleiben?“, fragt er und zeigt auf das Rednerpult, das neben seinem Schreibtisch steht. Ashley hat ihm ein Bild gemalt, während eines Besuchs in der Kanzlei im Nordend. „Für Herrn Kistner“ steht in Kinderschrift darauf. Es liegt noch immer in dem kargen Büro, das ansonsten bis unter die Decke mit Akten vollgestellt ist.

          Drei Ordner füllt allein der Rechtsstreit um Andrea Schneiders Kinder, auch das sei ungewöhnlich, sagt Kistner. Der Knackpunkt waren aus seiner Sicht die Gutachten. Klar, Frau Schneider habe viele Probleme, aber an der Verfasserin der Gutachten lässt der Anwalt kein gutes Haar, er nennt sie voreingenommen und unfair.

          Für die Eltern sei es immer eine Lotterie, wer den Auftrag bekomme. Er habe aber noch nie Gutachten mit so wenig Empathie gelesen wie im Fall Schneider. „Beim Lesen bekommt man den Eindruck eines Polizeiverhörs“, sagt er. Die Gutachterin ziehe an keiner Stelle in Betracht, wie viel Stress sie allein durch ihre Anwesenheit bei der verunsicherten Mutter auslöse.

          Drogensüchtiger Exfreund

          Im Laufe der Zeit haben aus Kistners Sicht weder das Jugendamt noch die Gutachterin die Leistungen der Mutter anerkannt. Auch auf Vorschläge seien sie nicht eingegangen. Vivians Onkel erklärt sich bereit, sie aufzunehmen. Das hätte aus Kistners Sicht die Chance zur Entlastung gegeben. Gegen Ende des Rechtsstreits erklärt sich die Mutter bereit, mit ihren Kindern in eine betreute Einrichtung zu ziehen. Doch auch das hilft nichts, genauso wenig wie die Tatsache, dass sie ihren drogensüchtigen Exfreund längst vor die Tür gesetzt hat und dass sie eine Psychotherapie begonnen hat, um ihre eigenen Traumata zu überwinden. Alle Forderungen aus den Hilfeplänen habe Schneider ohnehin nicht erfüllen können, meint Kistner. „Wie soll die Frau das alles hinbekommen?“

          Am Ende steht ein Beschluss, der Kistner überrascht, den er aber dennoch für gut begründet hält, jedenfalls für Schneiders mittlere Tochter. Gesprochen hat ihn ein Experte auf diesem Gebiet.

          Der Richter möchte nicht über diesen Einzelfall sprechen. Er will in diesem Kontext auch nicht allgemein über das Thema Kindeswohl sprechen, was sehr schade ist. Denn der Richter, der mitbeschlossen hat, Ashley, Jeremy und Vivian fürs Erste von ihrer Mutter zu trennen, ist ein Fachmann, wie es ihn in Deutschland kaum ein zweites Mal gibt. Vorträge über den komplizierten Widerstreit zwischen staatlicher Wächterfunktion und Elternrechten kann er halten, ohne sich zu verhaspeln, ohne „Ähs“ und „Ähms“. Der Mann ist eine Koryphäe unter den Familienrechtlern, gibt eine Fachzeitschrift zur Jugendhilfe mit heraus. An der Hochschule Frankfurt lehrt er Kindschaftsrecht. In ihrem Beschluss wägt die Kammer fein ab, kommt aber zu einem klaren Schluss. „Problemfamilien“ dürften nicht immer neue Chancen bekommen, es dürften nicht immer neue Hilfsmöglichkeiten ausprobiert werden, „so dass das Kind zum Versuchsobjekt staatlicher Familienrehabilitierung wird“. Das Elternrecht in der Verfassung diene vor allem dem Wohl des Kindes. Und das könne Andrea Schneider nicht sichern, obwohl sie sich bemühe.

          Nach dem Beschluss hat es Monate gedauert, bis das Jugendamt eine neue Bleibe für die drei Kinder gefunden hat. Einmal die Woche darf Schneider nun Jeremy, Vivian und Ashley besuchen, manchmal darf sie auch über Nacht bleiben, hin und wieder dürfen die Kinder einander sehen. Inge Büttner vom Jugendamt sagt, die Kinder sollten nicht für immer von ihrer Mutter getrennt bleiben. Wichtig sei vor allem, dass die Mutter ihre Therapie weiter verfolge und die Besuchszeiten nutze, um die Verbindung zu halten. „Ich bin überzeugt, dass Frau Schneider das Beste für die Kinder will“, sagt sie. Aber an den Fähigkeiten mangele es nun einmal.

          Schneider fällt es schwer, das zu akzeptieren, aber es scheint, als habe sie gemerkt, dass ihr eine weitere Konfrontation mit dem Jugendamt nichts nutzt. So setzt sie sich Woche für Woche in die Bahn, um ihre Kinder zu treffen. Um Vivian in der Nähe von Mainz zu besuchen, muss sie dreimal umsteigen. Auch zu Ashley dauert es anderthalb Stunden. Neulich hat ihr Sohn versucht, seiner Mutter Mut zu machen. „Jeremy weint nicht“, hat er gesagt. Seiner Mutter greift zum Taschentuch, als sie das erzählt.

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