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Alltag im Jugendamt : Daheim, weg, daheim, wieder weg

  • -Aktualisiert am

Drogensüchtiger Exfreund

Im Laufe der Zeit haben aus Kistners Sicht weder das Jugendamt noch die Gutachterin die Leistungen der Mutter anerkannt. Auch auf Vorschläge seien sie nicht eingegangen. Vivians Onkel erklärt sich bereit, sie aufzunehmen. Das hätte aus Kistners Sicht die Chance zur Entlastung gegeben. Gegen Ende des Rechtsstreits erklärt sich die Mutter bereit, mit ihren Kindern in eine betreute Einrichtung zu ziehen. Doch auch das hilft nichts, genauso wenig wie die Tatsache, dass sie ihren drogensüchtigen Exfreund längst vor die Tür gesetzt hat und dass sie eine Psychotherapie begonnen hat, um ihre eigenen Traumata zu überwinden. Alle Forderungen aus den Hilfeplänen habe Schneider ohnehin nicht erfüllen können, meint Kistner. „Wie soll die Frau das alles hinbekommen?“

Am Ende steht ein Beschluss, der Kistner überrascht, den er aber dennoch für gut begründet hält, jedenfalls für Schneiders mittlere Tochter. Gesprochen hat ihn ein Experte auf diesem Gebiet.

Der Richter möchte nicht über diesen Einzelfall sprechen. Er will in diesem Kontext auch nicht allgemein über das Thema Kindeswohl sprechen, was sehr schade ist. Denn der Richter, der mitbeschlossen hat, Ashley, Jeremy und Vivian fürs Erste von ihrer Mutter zu trennen, ist ein Fachmann, wie es ihn in Deutschland kaum ein zweites Mal gibt. Vorträge über den komplizierten Widerstreit zwischen staatlicher Wächterfunktion und Elternrechten kann er halten, ohne sich zu verhaspeln, ohne „Ähs“ und „Ähms“. Der Mann ist eine Koryphäe unter den Familienrechtlern, gibt eine Fachzeitschrift zur Jugendhilfe mit heraus. An der Hochschule Frankfurt lehrt er Kindschaftsrecht. In ihrem Beschluss wägt die Kammer fein ab, kommt aber zu einem klaren Schluss. „Problemfamilien“ dürften nicht immer neue Chancen bekommen, es dürften nicht immer neue Hilfsmöglichkeiten ausprobiert werden, „so dass das Kind zum Versuchsobjekt staatlicher Familienrehabilitierung wird“. Das Elternrecht in der Verfassung diene vor allem dem Wohl des Kindes. Und das könne Andrea Schneider nicht sichern, obwohl sie sich bemühe.

Nach dem Beschluss hat es Monate gedauert, bis das Jugendamt eine neue Bleibe für die drei Kinder gefunden hat. Einmal die Woche darf Schneider nun Jeremy, Vivian und Ashley besuchen, manchmal darf sie auch über Nacht bleiben, hin und wieder dürfen die Kinder einander sehen. Inge Büttner vom Jugendamt sagt, die Kinder sollten nicht für immer von ihrer Mutter getrennt bleiben. Wichtig sei vor allem, dass die Mutter ihre Therapie weiter verfolge und die Besuchszeiten nutze, um die Verbindung zu halten. „Ich bin überzeugt, dass Frau Schneider das Beste für die Kinder will“, sagt sie. Aber an den Fähigkeiten mangele es nun einmal.

Schneider fällt es schwer, das zu akzeptieren, aber es scheint, als habe sie gemerkt, dass ihr eine weitere Konfrontation mit dem Jugendamt nichts nutzt. So setzt sie sich Woche für Woche in die Bahn, um ihre Kinder zu treffen. Um Vivian in der Nähe von Mainz zu besuchen, muss sie dreimal umsteigen. Auch zu Ashley dauert es anderthalb Stunden. Neulich hat ihr Sohn versucht, seiner Mutter Mut zu machen. „Jeremy weint nicht“, hat er gesagt. Seiner Mutter greift zum Taschentuch, als sie das erzählt.

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