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Alltag im Jugendamt : Daheim, weg, daheim, wieder weg

  • -Aktualisiert am

Sie wirkt „angemessen gepflegt“

Vor Gericht kommt vieles auf diese Gutachten an. Im Fall der Schneiders gibt es zwei dieser Werke. Laien, die sie lesen, kann ein kalter Schauer überkommen. Auf jeweils 60 Seiten listet eine Psychologin auf, was sie in mehreren Gesprächen herausgefunden hat. Schwarz auf weiß listet sie die Fehler der Mutter auf, die Auffälligkeiten der Kinder. Einmal abgesehen davon, dass sich auf fast jeder Seite der Gutachten Rechtschreibfehler finden, erschreckt der Ton. Er ist schonungslos, als ginge es nicht um Menschen, sondern Gebrauchtwagen. Auf ihr Äußeres scheine sie nicht viel Wert zu legen, heißt es an einer Stelle über Andrea Schneider. Sie „wirkt aber trotzdem angemessen gepflegt“.

Wo keine verlässlichen Informationen vorliegen, müssen Mutmaßungen herhalten, etwa in Bezug auf Schneiders Biographie. Womöglich sei ihre erste Beziehung zu einem Mann „von Gewalt, physisch und / oder psychisch geprägt“ gewesen. Beleg? Fehlanzeige. Gleiches gilt für Gewalt den Kindern gegenüber. Es sei „durchaus denkbar“, dass Schneider in Situationen der Überforderung „die Kinder auch einmal schlägt, jedoch nicht prügelt“. An anderer Stelle schreibt die Gutachterin, „auch grobes Anfassen der Kinder“ sei in Extremsituationen nicht auszuschließen. Aber was lässt sich schon mit Sicherheit ausschließen? Anzeichen von Schlägen seien jedenfalls nicht zu finden gewesen.

Die Liste der Mutmaßungen ließe sich fortsetzen, aber am Ende steht kein gutes Ergebnis für die Mutter. „Eingeschränkt erziehungsfähig“, urteilt die Prüferin im ersten Gutachten. Für das Jugendamt ist das ein klarer Hinweis auf große Probleme der Mutter, für sie wiederum zählt vor allem das „erziehungsfähig“.

In einem vom Gericht angeforderten Ergänzungsgutachten geht die Psychologin noch weiter: Die Einschränkung sei fortgeschritten, schreibt sie. Das Wohl der Kinder sei akut gefährdet. Auf dieser Basis entscheidet ein Richter, dass die Kinder besser in der Obhut des Staates aufgehoben seien als in der kleinen Wohnung mit ihrer Mutter.

Rechtsstreit füllt drei Ordner

Hilmar Kistner fragt sich noch immer, wie es so weit kommen konnte. Es passiere ihm nicht oft, dass er die Kinder seiner Mandanten „verliere“, sagt der Rechtsanwalt. Und selten gehen ihm die Fälle so nahe wie das Schicksal der Familie Schneider. „Wie kann man denn bei sowas kaltbleiben?“, fragt er und zeigt auf das Rednerpult, das neben seinem Schreibtisch steht. Ashley hat ihm ein Bild gemalt, während eines Besuchs in der Kanzlei im Nordend. „Für Herrn Kistner“ steht in Kinderschrift darauf. Es liegt noch immer in dem kargen Büro, das ansonsten bis unter die Decke mit Akten vollgestellt ist.

Drei Ordner füllt allein der Rechtsstreit um Andrea Schneiders Kinder, auch das sei ungewöhnlich, sagt Kistner. Der Knackpunkt waren aus seiner Sicht die Gutachten. Klar, Frau Schneider habe viele Probleme, aber an der Verfasserin der Gutachten lässt der Anwalt kein gutes Haar, er nennt sie voreingenommen und unfair.

Für die Eltern sei es immer eine Lotterie, wer den Auftrag bekomme. Er habe aber noch nie Gutachten mit so wenig Empathie gelesen wie im Fall Schneider. „Beim Lesen bekommt man den Eindruck eines Polizeiverhörs“, sagt er. Die Gutachterin ziehe an keiner Stelle in Betracht, wie viel Stress sie allein durch ihre Anwesenheit bei der verunsicherten Mutter auslöse.

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