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Alltag im Jugendamt : Daheim, weg, daheim, wieder weg

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Das alles kulminiert kurz vor Pfingsten 2013. Dem Jugendamt ist die Situation zu heikel geworden, Büttner spricht von einer „Eskalation“. An Schneiders Tür klopfen Polizisten und Sozialarbeiterinnen, um den kleinen Jeremy abzuholen. Ein Gerichtsvollzieher hält der Mutter ein Formular vom Familiengericht vor die Nase: „Eilt sehr.“ Kurz darauf klingelt ihr Telefon. „Ich fahre jetzt ins Heim“, sagt Ashley, die noch in der Schule war. Vivian holt das Jugendamt im Kindergarten ab.

Die Mitarbeiter des Jugendamts sind wahrlich nicht zu beneiden. Greifen sie zu früh ein, werfen ihnen die Kritiker Willkür vor. Tun sie nichts, sind die Schlagzeilen noch viel schlimmer. Niemand möchte, dass Kinder misshandelt werden, weil das Jugendamt zu lange weggesehen hat. Doch um einem Missverständnis vorzubeugen: Es ist niemals das Jugendamt, das Kinder dauerhaft aus der Familie nimmt. Dahinter steht immer der Beschluss eines Familiengerichts.

Seit Schicksale wie das kurze Leben des Bremer Jungen Kevin öffentlich geworden sind, ist die Gesellschaft wachsamer geworden, die Behörden arbeiten enger zusammen. Die Polizei melde heute öfter Verdachtsfälle, heißt es im Jugendamt. Dass Hinweise wie im Fall der Schneiders aus dem Jobcenter kommen, ist auch kein Zufall. Schließlich arbeiten in der Behörde viele frühere Mitarbeiter des Jugendamts, die „ein Auge für solche Fälle“ haben, wie Büttner sagt.

2014 nahmen die Behörden 551 Kinder in Obhut, gut 100 mehr als noch 2010. Die Problemlagen würden tendenziell komplexer, sagt die Sprecherin von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU). Die Ausgaben für die Jugendhilfe sind einer der am schnellsten wachsenden Posten in ihrem Etat. Ein Platz in einem Kinderheim kostet die Stadt im Schnitt knapp 5000 Euro im Monat. Ebenso viel kann die ambulante Betreuung kosten, wenn sie so umfangreich ist wie im Fall der Schneiders.

Immer öfter berichten die Sozialarbeiter von seelischen Problemen der Eltern. Eine Theorie besagt, dass Geldprobleme die Familien belasten. Wer finanziell gut dasteht, kann manches Hindernis leichter aus dem Weg räumen, sich Babysitter leisten, eine geräumige Wohnung und Entspannungsurlaub.

Das Geld für das alles kann die Mutter von Ashley, Vivian und Jeremy nicht aufbringen. Ihr Schicksal hat viel mit Armut zu tun. Zwei Ausbildungen hat sie abgebrochen, ihren letzten Job hatte sie vor langer Zeit in einer Pizzeria. Andrea Schneider stammt aus schwierigen Verhältnissen. Vieles, was eine Mutter, eine alleinerziehende zumal, können muss, hat sie im eigenen Elternhaus nicht erfahren. Ihr Vater war Alkoholiker, er schlug ihre Mutter. Das habe sie aber erst viel später erfahren, sagt sie, „ich war immer sein Liebling.“ Heute nennt sie ihn nur noch ihren „Erzeuger“, so spricht sie mittlerweile auch über Jeremys Vater. Es komme leider oft vor, dass sich Probleme aus der eigenen Kindheit auf die nächste Generation übertrügen, sagt Büttner.

Ziel des Jugendamts ist es, diese Vererbung von Problemen zu verhindern. Im Fall der Schneiders sieht es schließlich die einzige Lösung darin, Mutter und Kinder voneinander zu trennen. Was folgt, ist eine quälend lange Zeit vor Gericht. Das Oberlandesgericht fordert ein zusätzliches Gutachten, um herauszufinden, ob das Wohl der Kinder in Gefahr ist. In der Zwischenzeit schickt es die Kinder zurück in die Familie. Kurz vor Weihnachten 2014 ist das. Da denkt Andrea Schneider, alles werde gut.

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