https://www.faz.net/-gzg-81vr1

Alltag im Jugendamt : Daheim, weg, daheim, wieder weg

  • -Aktualisiert am

Zunächst geht auch das Jugendamt davon aus, dass eine ambulante Hilfe reichen wird. Über das, was genau zu tun ist, schließt das Jugendamt regelmäßig eine Art Vertrag mit den Eltern ab. In diesen Hilfeplänen steht, was die Eltern erreichen sollen, bürokratisch korrekt festgehalten in Grundsatz-, Rahmen- und Ergebniszielen. Ganz oben auf der Agenda von Familie Schneider steht etwa, dass die Familie in einer geeigneten Wohnung leben soll und die arbeitslosen Eltern ihre Finanzen in Ordnung bringen sollen, zum Beispiel mit einem Haushaltsplan. Familienhelfer kommen und gehen, die Probleme bleiben. Langsam entwickelt sich ein Kleinkrieg zwischen Jugendamt, Sozialarbeitern und der Familie.

Von dieser Zeit gibt es zwei Versionen: Das Jugendamt sagt, die Eltern hätten zu wenig unternommen, um die Situation zu verbessern. Andrea Schneider sagt, es sei alles nicht so schlimm gewesen, und außerdem hätten die Helfer zu wenig unternommen, um sie wirklich zu unterstützen. Einmal habe sie zum Beispiel eine neue Wohnung in Aussicht gehabt, doch dann habe sich die Mitarbeiterin des Jugendamts lange Zeit nicht zurückgemeldet, um ihr zu helfen, die Wohnung tatsächlich zu bekommen. Das Jugendamt bestreitet das.

Stellvertretend für viele weitere Streitpunkte, Missverständnisse und echte Probleme stehen eine Türklinke und ein Smoothie. Dass an der Tür zum Kinderzimmer ein Griff fehlte, ist einer der Vorwürfe an Schneider. Die Kinder hätten im Notfall nicht schnell genug aus ihrem Zimmer flüchten können. Die Mutter sagt, sie habe sich nicht getraut, den Vermieter darauf hinzuweisen. Damals habe es schon genug Ärger mit ihm gegeben, auch weil die Nachbarn sie aus dem Haus ekeln wollten. Echte Gefahr wegen des Türgriffs habe es nie gegeben.

Smoothie verboten

Ein anderes Mal beobachteten die Helfer, wie Schneider einer ihrer Töchter erlaubte, einen Smoothie zu kaufen. Ein Kind in einer verschuldeten Familie könne doch keinen teuren Smoothie bekommen, meint das Jugendamt. „Wenn mein Kind mal einen Smoothie möchte, bekommt es einen Smoothie“, erwidert Schneider. Auch wenn er vier Euro kostet.

Ihren Kindern den Smoothie zu verbieten ist aus Schneiders Sicht einer der vielen Versuche, sie zu bevormunden. Ein anderer ist der Zettel, den ihr die Frau vom Jugendamt einmal in der Wohnung gelassen hat. Eine Liste von Sachen, die in einen gutsortierten Vorratsschrank gehören: Mehl, Zucker, Kartoffeln, Nudeln und einiges mehr. Ein anderes Mal ist es ein Rezept für Spaghetti bolognese. „Hallo?!“, fragt Schneider empört: „Ich weiß doch, wie ich Essen koche!“

Genau daran zweifelt das Jugendamt. Es habe nicht immer Mittagessen für die Kinder gegeben, heißt es in Berichten. Eine Tagesstruktur habe gefehlt. Eigentlich möchte sich die Behörde nicht zum Fall Schneider äußern. Die Vormundin der Kinder willigt schließlich doch ein, aber nur unter der Bedingung, dass die wahren Namen von Mutter und Kindern nicht in der Zeitung stehen und die Kinder auf den Fotos nicht zu erkennen sind.

Inge Büttner ist die Vorgesetzte der gut 210 Mitarbeiter, die sich im Jugendamt um das Wohl der Frankfurter Kinder kümmern sollen. Sie sagt, dass sich der Eindruck verstärkte, dass Schneider die Probleme nicht anerkannte. Fortschritte seien nie von Dauer gewesen, des Öfteren sei Schneider gegenüber den Helfern laut geworden, den Familienhelfern habe sie Gewalt angedroht, sei sogar handgreiflich geworden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Digitalkonferenz DLD : Die neuen Entdecker

Geographisch ist die Welt erkundet. Nun liegt es an den Nerds, die Menschheit dorthin zu bringen, wo sie noch nicht war. Dabei hat die Informatik im einundzwanzigsten Jahrhundert ihre Unschuld endgültig verloren.
Siemens-Chef Joe Kaeser auf einer Konferenz mit Klimaaktivisten in Berlin.

Nach Wirbel um Siemenstechnik : Manager im Greta-Strudel

An Siemens lässt sich studieren, wie schwer sich Manager mit politischen Protesten tun. Und wie leicht es sich Aktivisten der Klimabewegung machen. Davos wäre eine Gelegenheit zur Besinnung.
Der amerikanische Präsident Donald Trump zwischen dem Vizepräsidenten Mike Pence (rechts) und Chinas Chefunterhändler Liu He (links) in Washington.

Zusatzzölle : Trump verrechnet sich im Handelskrieg

Die vom amerikanischen Präsidenten verhängten Zölle hatten nicht die Wirkungen wie von ihm erhofft. Zu diesem Ergebnis kommt die Bundesbank in einem neuen Bericht. Für viele seiner Wähler ist das eine schlechte Nachricht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.