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Alltag im Jugendamt : Daheim, weg, daheim, wieder weg

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Hinweis gleich „Gefährdungsmeldung“

Seinen Anfang nimmt der Fall Schneider vor vier Jahren mit einem Besuch im Jobcenter. Jeremy ist da noch gar nicht geboren, die Sachbearbeiterin meint zu merken, dass Vivian vernachlässigt aussieht. Die Geldprobleme der Familie kennt sie aus den Akten. Also gibt sie dem Jugendamt einen Hinweis. „Gefährdungsmeldung“ heißt das. Mehrere tausend solcher Anzeigen erhält das Frankfurter Jugendamt jedes Jahr, jeder einzelnen muss es nach einem festen Schema nachgehen. Als sich kurz darauf auch Nachbarn der Schneiders beim Jugendamt melden, nimmt es den Fall erst recht ernst. Es werde des Öfteren laut in der Wohnung, heißt es. Womöglich misshandelten die Eltern ihre Kinder.

Es ist das Jahr 2011, ein Hausbesuch bringt alles andere als Entwarnung: Nach Jeremys Geburt leben die drei Kinder mit der Mutter und dem Vater des Jungen in einer Zweizimmerwohnung. 60 Quadratmeter sind nicht viel für fünf Menschen, zumal dort auch noch eine Katze, ein Reptil und ein Papagei Platz finden müssen. Im Wohnzimmer stehen das Elternbett und ein Kühlschrank. Im zweiten Zimmer finden sich die Kinderbetten. Die Mitarbeiter des Jugendamts halten fest, die Wohnung habe einen „für Kinder völlig ungeeigneten Zustand“. Die Rede ist von ungesicherten Steckdosen und Medikamenten in Reichweite der Kinder. Besonders Vivian brauche Unterstützung, um Entwicklungsdefizite aufzuholen. Fortan gehen Sozialarbeiter ein und aus, sozialpädagogische Familienhilfe heißt dieser Ansatz.

Die Schneiders sind sicher keine Bilderbuchfamilie. Die drei Kinder haben drei unterschiedliche Väter. Trotz Pille wurde sie schwanger, sagt die Mutter. Mit keinem der Männer hielt sie es lange aus. Jeremys Vater ist drogensüchtig. Therapien trat er nicht an oder brach sie ab. Hin und wieder musste er ins Gefängnis. Statt sich um die Kinder zu kümmern, sitze er apathisch auf dem Sofa, heißt es in mehreren Berichten. Später, als er seinen Sohn im Kinderheim besucht, soll er Jeremy einmal mit Handschlag begrüßt haben, als wäre er ein alter Schulfreund, nicht sein leiblicher Sohn. Kurzum, die Familienhelfer beschreiben ihn als familiären Totalausfall.

Der Mutter wird hingegen niemand vorwerfen können, dass ihr die Zuneigung zu ihren Kindern fehle. Wahlweise nennt sie sie „Würmchen“ oder „Mäuse“, Jeremy ist ihr „kleiner Prinz“. Im Wohnzimmer hängt ein Gipsabdruck ihres Babybauchs an der Wand, als Erinnerung an die Schwangerschaft mit Vivian, darauf zwei farbige Handabdrücke. In einem Gutachten heißt es, sie gehe liebevoll mit den Kindern um. Doch in Bezug auf Andrea Schneider folgt auf solche positiven Feststellungen fast immer ein großes Aber. Zum Beispiel, weil sie ihren Kindern, vor allem der quirligen Vivian, aber kaum Grenzen setzen kann.

Bürokratisch korrekt festgehalten

Das mag sein. Vivian ist eine echte Herausforderung. Sie ist laut, provoziert die Mutter, wann immer es geht, und kann auch zu ihren Geschwistern fies sein. Darunter leidet vor allem Jeremy. Ashley wiederum übernimmt aus Sicht des Jugendamts eine Rolle, die ihrem Alter nicht angemessen ist, und damit zu viel Verantwortung. Dass sie Vivian nicht immer im Griff hat, gibt die Mutter zu. Aber sie glaubt, Fortschritte gemacht zu haben.

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