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Dada im Kunstverein Montez : Kocht eure Lieblingsbücher, Halleluja!

  • -Aktualisiert am

Kochbuch: Der Frankfurter Künstler Kai Söltner bereitet einen Sud aus Lautréamont zu, auf dass dessen Ideen als Getränk verinnerlicht werden. Bild: Kühfuss, Patricia

Wie schmeckt Lautréamont? Pur ein wenig schleimig, mit Wodka geht es. Und was passiert, wenn man den Geist des Buches getrunken hat? Ein Dada-Abend im Kunstverein Familie Montez.

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          Ist das hier noch Kunst oder schon Religion? Aus der steinernen Decke wächst ein dünner, langer Arm, der in einem tumorhaften Kugel-Geschwulst endet, dessen Stummelrüssel in alle Richtungen zeigen. Da steht ein schwarzgekleideter Mann, dessen kahler Kopf im grellen Licht von Leuchtstäben gleißt, die unter ihm auf einem runden Tisch liegen. Seine Miene ist begeistert, seine blauen Augen aufgerissen; er hält ein Buch über einen Topf kochenden Wassers, der auf einem Gaskocher zwischen den Leuchtstäben steht. Was dann geschieht, ist Magie.

          „Dada lebt“ heißt das Spektakel, das der Frankfurter Kunstverein Familie Montez jetzt veranstaltet hat. Dada-Lyriker und -Musiker zeigten dort ihre Kunst. Wobei sich Bücherkocher Kai Söltner zwar als Künstler, aber nicht als Dada versteht. Eher schon als Guru. Denn Bücherkochen kann seiner Ansicht nach die Welt verändern.

          Bitte nicht zu viel trinken

          Wenn das Buch nämlich kocht, gehen mit den Inhaltsstoffen die Ideen in das Wasser ein, sagt Söltner, wild schlenkernd gestikulierend. Die Ideen manifestierten sich im Trinker; sie würden zu einem Teil von ihm. Sie veränderten Menschen zum Guten. Nur zu viel des Buches solle man nicht trinken; die Druckerschwärze sei giftig.

          An diesem Abend kocht er zwei Bücher: „Die Gesänge des Maldoror“ von Lautréamont und von Achim Szepanski „Kapitalisierung, Band 2“. Ersteres Buch sei sehr brutal, letzteres ein Wunsch von Veranstalter Laiki Kostis. Söltner kocht bevorzugt Bücher, die dem Bekochten lieb sind. So hat er schon Bourdieu getrunken, Proust und sogar Hitler; den jedoch nicht gerne. Nun aber hat er dessen Ideen in sich, sagt er. Immerhin: „Durch Meditation kann man Distanz dazu kriegen.“

          Predigerpunk: Reverend Beat-Man dreht auf.

          Lautréamont ist fertig. Söltner holt den Wodka hervor, das Publikum strömt herbei, umschwirrt die Flasche wie Wespen den Marmeladentopf. Söltner kippt kühlen Wodka in kleine Plastikbecher und tröpfelt mit einer Pipette Lautréamont hinzu. Es schmeckt wie Wodka. Wer wissen will, wie ein gekochtes Buch wirklich schmeckt, muss es pur trinken.

          Reverend Beat-Man bringt die Halle zum Beben

          Warm ist es, speichelig; wie ein Stück Papier, nachdem es auf der Zunge zerging. Das Erstaunliche ist nicht der Geschmack, sondern das Wissen: Man hat ihn wirklich getrunken. Man hat Lautréamont in sich, ein brutales Kunstwerk! Ist man nun vielleicht selbst ein brutales Kunstwerk? Jedenfalls ist man genau in der richtigen Verfassung für Reverend Beat-Man, den Ein-Mann-Wahnsinn aus der Schweiz, der sich um elf Uhr abends auf die kleine Bühne setzt. Reverend Beat-Man mag die Farbe Schwarz: Er trägt ein schwarzes Hemd, eine schwarze Hose, schwarze Socken, schwarze Schuhe. Er hat schwarze Tattoos an den Unterarmen und eine schwarze E-Gitarre in der Hand. Vor ihm steht ein Mikrofon, eine Große Trommel und eine Hi-Hat. Moderator Hans Romanov kündigt ihn an. Im nächsten Moment bebt die Halle.

          Die Gitarre kreischt, das Schlagwerk pocht, des Reverends Kopf nickt so energisch, als müsse er den Beat schlagen. Seine Songs sind punkig, schnelle Folgen von zwei bis drei Akkorden, laut, simpel, spaßig. Seine Stimme knarzt, brüllt, schreit, knattert, rülpst und singt voll Inbrunst seine Songs über Jesus, Sex und seine 578 Brüder. Mal kneift er die Augen zusammen, mal reißt er sie auf.

          Kunst als religiöse Erfahrung

          Reverend Beat-Man ist charismatisch bis in die Spitzen der zu einem hitleresken Scheitel gekämmten Haare; ein echter Reverend, ein Wiedergeborener, der vom Himmelreich des Absurden kündet, von der Seligkeit der Nicht-Vernunft, des Lachens. Sein Publikum, etwa 200 meist um die Vierzigjährige, reckt die Hände in die Luft, ruft „Hallelujah“ und tanzt vor Freude Pogo - zumindest in den vorderen Reihen.

          Während Reverend Beat-Man Religion künstlerisch verarbeitet, macht Kai Söltner auf der anderen Seite des Saales immer noch aus einem Kunstprojekt eine religiöse Erfahrung. Lautréamonts Buch liegt mittlerweile in einem Blechbecken. Es sieht malträtiert aus, zerknittert, zerknautscht, zerquält. Söltner lässt es nun einen Tag lang trocknen, dann schweißt er es in einer Unterdruck-Folie ein. Den krümeligen Sud der Buchsuppe füllt er in Plastikflaschen. Damit wird er Gemüse gießen, das er, sobald es reif ist, isst. Bücher kann man nämlich nicht nur trinken.

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