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Christopher Street Day : Ein guter Tag, wenn nur doof geguckt wird

  • -Aktualisiert am

Nicht immer einig: Die Mitglieder der LGBTIQ-Szene in Frankfurt. Bild: Ricardo Wiesinger

Zum 50. Jubiläum des Christopher Street Days blickt die Frankfurter Szene mit Sorge in die Zukunft. Doch die Akteure und ihre Ansichten sind unterschiedlich und die Szene ist sich nicht immer einig.

          Schrille Anziehsachen, viel Schminke und bunte Perücken werden an diesem Wochenende rund um die Konstablerwache zu sehen sein. Vom 19. bis zum 21. Juli findet der Christopher Street Day (CSD) zum 27. Mal in Frankfurt statt. Unter dem Motto „50 Jahre Stonewall – Wir sind Bewegung“ will die Gemeinschaft an die Ursprünge der Schwulenbewegung in der New Yorker Christopher Street erinnern.

          Das Jubiläum der beginnenden Proteste durch die LGBTIQ-Bewegung gibt auch in der Frankfurter Szene Anlass dazu, über Vergangenheit und Zukunft nachzudenken. Dabei ist sich die Community einig darüber, dass sich seit 1969 viel verändert hat. Doch wer einen genaueren Blick wagt, sieht, wie unterschiedlich die Akteure und ihre Ansichten sind.

          „Ehe für alle“ als Meilenstein

          Als ein Meilenstein für die Bewegung gilt die Einführung der „Ehe für alle“ im Oktober 2017. Seitdem haben in Frankfurt 329 gleichgeschlechtliche Paare geheiratet, 628 haben eine Umwandlung von einer Lebenspartnerschaft zu einer Ehe vollzogen.

          „Wir bewegen uns in die Mitte der Gesellschaft“, sagt CSD-Sprecher Joachim Letschert. Dennoch brauche die Gemeinschaft weiterhin die Öffentlichkeit, die Veranstaltungen wie der CSD mit sich bringen. Denn das Klima in Deutschland sei rauher geworden, meint Letschert. Der CSD stehe für die Rechte ein, die verteidigt werden müssten. „Denn das Erste, was wegfällt, wenn Menschen sich unsicher fühlen, sind die Rechte, die man an Minderheiten – seien es Ausländer oder Schwule – vergeben hat.“

          „Die ,Ehe für alle‘ ist toll für Menschen, die heiraten wollen“, sagt Petra Weitzel die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Sie setzt sich für die Belange von Menschen ein, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen in der Geburtsurkunde zugesprochen wurde, also beispielsweise für Menschen, die sich männlich fühlen, aber körperlich weiblich sind.

          Verschlechterung des Klimas

          Sie selbst bezeichnet sich als transident, weil sie das Thema nicht in den Zusammenhang mit sexuellem Handeln stellen möchte. Jenseits dieser Verbesserungen sei das Klima insgesamt jedoch schlechter geworden. „Die neue Rechte macht massiv Stimmung, es häufen sich zudem Stimmen, die Homosexualität in Zusammenhang mit Pädophilie stellen“, sagt Weitzel.

          Auch René Kreibich beobachtet eine Veränderung: In Frankfurt gebe es weniger dezidiert „schwule Räume“ und Veranstaltungen als noch vor zehn Jahren, schildert der Mitbegründer der Regenbogen-Crew. „Damals konnte ich jedes Wochenende schwul feiern gehen, jetzt ist das nicht mehr so.“ Kreibich sieht diese Veränderung aber positiv. Schwule wie er gingen immer häufiger gemeinsam mit heterosexuellen Männern feiern, und während man früher häufiger angepöbelt wurde, sei das heute kein Problem mehr.

          Der zweiunddreißigjährige Pharmaziestudent hat gerade eine Waschmaschine voll mit bunten Hosen angestellt – seine Vorbereitung auf das kommende Wochenende. Anders denkt die Sechsundzwanzigjährige, die unter dem Künstlernamen Siobah Rosewood auftritt, über Möglichkeiten der Begegnung für die LGBTIQ-Bewegung: „Es gibt in Frankfurt kaum noch Schutzräume für queeridentitäre Gruppen“, sagt sie, die ihre eigene Identität nicht definieren will. Dabei brauche es gerade diese, da man nur dort über Probleme reden könne, ohne dass gleich ein Therapeut anwesend sei. Ein Lichtblick sei das Lesbisch-Schwule Kulturhaus, das momentan reaktiviert werde.

          Wird in der Szene zu viel differenziert?

          Was Kreibich und Rosewood unterscheidet, sind ihre Ansichten zur zunehmenden Differenzierung der Szene: Während Kreibich zu viel Differenzierung als nicht förderlich für die Community einschätzt, stört Rosewood die stark männliche Orientierung der Szene. Diversität sei notwendig, um Diskriminierung zu bekämpfen, die sich immer wieder äußere: Wer sich nicht den Normen entsprechend kleide, sei Anfeindungen ausgesetzt.

          „Ein guter Tag ist, wenn du nur doof angeguckt und nicht angemacht wirst“, sagt sie. Auch den CSD in Frankfurt sieht Rosewood, die die Opencreek Shownights organisiert, kritisch: „Damit findet eine Amerikanisierung statt, dabei hat die Bewegung in Frankfurt eigentlich eine eigene Geschichte, die auf diese Weise jedoch verdrängt wird.“ Dennoch wird sie am Wochenende zu den Veranstaltungen rund um die Konstablerwache gehen.

          Der CSD

          Der Christopher Street Day (CSD) konzentriert sich dieses Jahr an zwei Orten: An der Konstablerwache finden am Freitag von 15 bis 21 Uhr, am Samstag von 14 bis 21 Uhr und am Sonntag von 12 bis 20 Uhr Veranstaltungen statt. Besonders zu empfehlen ist der jährliche Stöckelschuh-Wettlauf, der am Samstag um 19 Uhr an der Großen Friedberger Straße veranstaltet wird. Am Sonntag wird um 16 Uhr ein ökumenischer Gedenkgottesdienst für die an Aids Verstorbenen im Dom gefeiert. Die Demonstration des CSD’s findet am Samstag statt. Beginn des Aufzuges ist um 12.15 Uhr am Römerberg, anschließend wird der Zug bis voraussichtlich 15 Uhr durch die Innenstadt ziehen. Die Polizei empfiehlt, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen sowie die Innenstadt zu umfahren. Weitere Informationen sind auf den Social-Media-Kanälen der Polizei und auf der Website des Veranstalters www.csd-frankfurt.de zu erhalten. LGBTIQ steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queere. (hamt.)

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