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Crowdfunding : Das Geld der vielen

Crowdfunding ist komplizierter, als so mancher meint, der es ausprobiert Bild: dapd

Beim Crowdfunding werden kleine Beträge für große Projekte gesammelt - das ist oft schwieriger, als es scheint. Erfahrungen aus Rhein-Main

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          Nach drei Monaten war Elmar Werner schlauer. Zuvor dachte er, dass es keine einfachere Methode zum Geldsammeln geben könne, als ins Internet zu gehen. Ein Bekannter aus dem Elternverein machte ihn auf das Crowdfunding aufmerksam, von dem er zuvor noch nie etwas gehört hatte. Die Idee schien genial: Auf einer Internetplattform kann man sein Projekt vorstellen - einen Film, eine Reise oder eben ein Schülerstipendium wie im Fall Elmar Werners. Außerdem muss man angeben, wie viel Geld man braucht. Internetnutzer, die das Projekt unterstützen wollen, können dann einen beliebigen Betrag spenden. Ein Schülerstipendium in Offenbach, das begeistert doch sicher viele, dachte Werner. Er ist Mitglied eines Elternvereins, der das Erasmus-Bildungshaus in Offenbach, eine private Grundschule, auf den Weg gebracht hat. Doch in den ersten Tagen und Wochen nach Veröffentlichung des Projekts passierte nichts. „Ich hatte mit Sicherheit naive Erwartungen an Crowdfunding“, sagt Werner heute nach dem Ende der Sammelaktion.

          Mona Jaeger

          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten.

          Die Idee der Schwarm- oder Massenfinanzierung (das bedeutet Crowdfunding übersetzt) kommt aus den Vereinigten Staaten. Den Anfang gemacht haben soll eine im Jahr 2000 gegründete Plattform, auf der Musiker um Geld für die Produktion ihrer Alben werben konnten. Das Prinzip setzte sich schnell durch, und weitere Künstler machten mit. Bis jetzt ist Crowdfunding vor allen Dingen eine Sache von Kreativen, also Filmemachern, Produzenten und Fotografen.

          Und dann kam Stromberg

          In Deutschland wird erst seit zwei Jahren auf diese Art um Geld geworben. Die größten Plattformen heißen Startnext, Mysherpas und Pling - doch die Zurückhaltung der deutschen Internetnutzer war zunächst groß. Nur ein paar Projekte fanden sich zu Anfang auf den Seiten. Dann kam Stromberg: Um zu der gleichnamigen Fernsehserie einen Kinofilm produzieren zu können, wurde zu Spenden aufgerufen. Innerhalb einer Woche kam eine Million Euro zusammen. Mit kleinen Beiträgen von vielen etwas Großes anschieben - diese Idee begeistert seither viele.

          Wie mühselig Crowdfunding wirklich ist, kann Elmar Werner berichten. Er entschied sich für die Plattform Mysherpas, um die 4000 Euro für das Schülerstipendium zu sammeln. Die Betreiber der Seite geben sich viel Mühe bei der Auswahl der Projekte, es sollen nur vernünftige Ideen unterstützt werden. Dafür streichen sie auch zehn Prozent der gesammelten Summe als Provision ein, vorausgesetzt, das Spendenziel wird erreicht. Denn es gilt das Alles-oder-nichts-Prinzip: Kommt die gewünschte Summe nicht zusammen, erhalten alle Unterstützer, Sherpas genannt, ihr Geld zurück.

          Für das Schülerstipendium hat es nach den Startschwierigkeiten doch noch gereicht, die 4000 Euro kamen zusammen. Aber nur, weil Werner und andere Eltern kräftig dafür Werbung machten. Sie schrieben andere Leute über Facebook und Xing an, plazierten Hinweise in Firmen-Intranets und gingen zu den Wirtschaftsjunioren in Offenbach. Am Ende kam die Hälfte der Spenden doch aus dem Elternkreis. „Über die direkte Ansprache oder über Flyer hätten wir vermutlich das Gleiche erreicht“, sagt Werner. Nur wäre das vermutlich nicht so aufwendig gewesen wie Crowdfunding.

          Erfahrungen wie diese mögen ein Grund dafür sein, dass die Schwarmfinanzierung in Deutschland noch immer in den Anfängen steckt. Das Institut für Kommunikation und soziale Medien hat eine Studie vorgelegt, in der zwar festgestellt wird, dass das Prinzip auch hierzulande immer bekannter wird. Die Zahl der erfolgreichen Projekte sei aber sehr überschaubar. Das jährliche Marktvolumen sei von einer Million Euro noch weit entfernt, heißt es. Wer eine Idee hat, geht eher zum Bankberater und bittet um einen Kredit oder holt sich Hilfe bei den Business Angels. Überzeugen muss man mögliche Förderer überall. Beim Crowdfunding lockt aber der direkte Kontakt zu den Unterstützern.

          Zahlung über Paypal

          Von anderen Schwierigkeiten, aber auch einem Erfolgserlebnis kann Gregor Maria Schubert berichten. Er ist einer der Initiatoren des Lichter-Filmfestivals. Um die Nischenfilme Ende März in Frankfurt zeigen zu können, brauchte er Geld, 5000 Euro genau. Gesammelt werden sollten sie über die Plattform Startnext, die ähnlich aussieht wie Mysherpas, aber die Ideen nicht vorher prüft und keine Provision kassiert. „Es ist ganz einfach, ein eigenes Projekt dort vorzustellen“, sagt Schubert. Er findet es toll, dass man sich so für Vorhaben am anderen Ende der Welt begeistern und sie unterstützen kann, zumindest theoretisch. Denn auch für das Filmfestival spendeten die, von denen es die Initiatoren am ehesten erwartet haben. Es falle vielen noch schwer, Geld online zu überweisen, sagt Schubert, auch wenn auf allen Plattformen die Zahlung über den als sicher geltenden Dienst Paypal läuft.

          Schubert hofft, dass sich Crowdfunding durchsetzen wird. Zumindest im übrigen Rhein-Main-Gebiet ist man noch skeptisch. Zwar ist das Prinzip der Schwarmfinanzierung inzwischen auch in die Startup-Szene vorgedrungen. Auf den ersten Plattformen, die Seedmatch und Innovestment heißen, findet sich aber noch kein einziges Projekt aus der Region, auch keines aus Hessen.

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