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Politik und die Coronakrise : Wahlkampf ohne Bürgerkontakt

Nähe nur privat: Wahlkämpfer müssen in Walluf auf Distanz gehen. Bild: Marcus Kaufhold

Die Bürger überzeugen, ohne ihnen persönlich zu begegnen, geht das? Im hessischen Walluf kämpfen zwei parteilose Kandidaten mit den Widrigkeiten der Corona-Krise.

          3 Min.

          Wer wird neuer Bürgermeister in Walluf? In der sich zuspitzenden Corona-Krise bewegt diese Frage in der ältesten Weinbaugemeinde des Rheingaus nur wenige. Doch am 26. April sollen die Bürger abstimmen. Und bislang gehen die beiden Kandidaten unverdrossen von diesem Wahltermin aus, obwohl Bürgermeister Manfred Kohl (SPD) nach 18 Jahren erst am 10. Oktober aus dem Amt scheidet und somit noch Zeit für eine Verschiebung wäre. Doch weder Walter Passmann noch Nikolaos Stavridis wünschen sich eine Verlängerung. Selbst wenn die Konsequenz eine heiße Phase des Bürgermeisterwahlkampfs ohne jeden direkten Bürgerkontakt ist und selbst wenn die meisten Wähler ihre Stimme per Brief abgeben werden oder ins Wahllokal zumindest den eigenen Kugelschreiber mitbringen müssen.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Von Wahlkampf kann in Coronazeiten jedenfalls keine Rede sein. Keine öffentlichen Veranstaltungen, keine Informationsstände auf öffentlichen Plätzen, keine Wahlkampfreden in gut gefüllten Hinterzimmern von Wallufer Gaststätten und auch keine Kandidatenduelle vor großem Publikum. Aus der Wahlkampfnot eine Tugend zu machen, das heißt jetzt Handzettel in die Briefkästen der 3000 Haushalte werfen und versuchen, über soziale Medien auf sich aufmerksam zu machen.

          Wahlkampf unter erschwerten Bedingungen

          Beide Kandidaten haben sich darauf verständigt, zunächst bis zum 10. April alle Veranstaltungen und auch die geplanten Hausbesuche abzusagen. „Wir haben diese Entscheidung schweren Herzens getroffen. Uns beiden war und ist daran gelegen, dass wir mit einem ausgewogenen und fairen Wahlkampf für uns werben können“, teilten sie den Wallufer Bürgern mit. Die Absage sei ein großer Schritt nach reiflichen und gemeinsamen Überlegungen. Die Konsequenz sei ein Wahlkampf unter erschwerten Bedingungen.

          Stavridis, der schon seit seiner Nominierung im März 2019 im Wahlkampfmodus ist, hatte viele Veranstaltungen geplant, von der Weinprobe über ein Osterfest bis zum Grillabend. Alles Schnee von gestern. Hausbesuche verböten sich schon allein deshalb, um den Bürgern an der Haustür keine Angst zu machen, sagt er. Andere Wege, um die Bürger zu erreichen, als der eigene Internetauftritt, die Tageszeitungen und Youtube-Videos gebe es nicht: „Ich kann schlecht alle Bürger einzeln abtelefonieren.“ Gewählt werden solle dennoch: „Ich hätte es gerne hinter mir.“ Er hofft, dass seine politische Botschaft dennoch ankommt. Denn in Walluf gebe es viele Baustellen und großen Handlungsbedarf, sagt der parteilose, von der Wallufer SPD unterstützte Stavridis. Er gilt bislang als Favorit. Der parteilose Verwaltungsfachwirt lebt in Oestrich-Winkel und engagiert sich in Mittelheim als Ortsvorsteher. Beruflich leitet der 1981 in Mainz geborene Stavridis die Ortsverwaltungen von Bierstadt und Sonnenberg in Wiesbaden. Der leidenschaftliche Hobbykoch Stavridis war von der SPD nominiert worden, die in Walluf die absolute Mehrheit hat. Obwohl er für seine Kandidatur ein positives Feedback erfahren hat, schlagen ihm auch Kritik und Vorurteile entgegen. Kritik deshalb, weil er in Oestrich-Winkel wohnt. Vorurteile wegen seines Namens. Wenn er als „der Grieche“ angesprochen werde, antworte er im Rheingauer Dialekt, sagt Stavridis, und er versucht, diese eher unerfreuliche Seite des Wahlkampfs mit Humor zu nehmen.

          Neuer Anlauf in die Politik

          Die Kandidatur von Walter Passmann kam für viele Wallufer dagegen überraschend. Nicht weil der selbständige Berater in Fragen der Krankenkassenorganisation schon 62 Jahre alt ist, sondern weil er mit der Politik eigentlich schon abgeschlossen hatte. Passmann war einmal Mitglied der CDU und sogar Wallufer Gemeindevertreter. Doch zufrieden mit der Kommunalpolitik war er nicht. Stattdessen verlegte er sich noch mehr auf sein ehrenamtliches Engagement beim FSV Oberwalluf, als Sprecher der Oberwallufer Vereine und als Mitorganisator der Kerb.

          Nun plant er als Bürgermeister einen neuen Anlauf in die Politik, und sofern er gewählt wird, steht er auch für mehr als nur eine Wahlzeit zur Verfügung: „Ich wollte ohnehin mindestens bis 70 arbeiten.“

          „Bürger-Bürgermeister“

          Passmann wirbt für sich als „Bürger-Bürgermeister“, der nah am Bürger sein will. Zu seinen Kernthemen gehören die Errichtung einer Mehrzweckhalle und der Neubau eines Kindergartens sowie die Einführung eines Seniorenbusses, um die Mobilität der älteren Wallufer zu fördern. Drei Dinge, die seiner Ansicht nach auch zügig realisiert werden könnten. In die Verschönerung des Rheinufers hat Walluf seiner Ansicht nach erst mal genug Geld gesteckt: „Das reicht jetzt“, sagt er mit Blick auf weitergehende Pläne. Seiner Ansicht nach steht Walluf gut da. Damit es so bleibt, will er alle Möglichkeiten unterstützen, den großen Gewerbesteuerzahler Van Hees vielleicht doch noch in Walluf zu halten.

          Es ist nicht das einzige Thema, bei dem sich die beiden Kandidaten einig sind. Im direkten Vergleich die besseren Argumente zu hören, um sich entscheiden zu können, darauf müssen die Wallufer diesmal aber verzichten.

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