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Folgen des Coronavirus : Stresstest für das öffentliche und private Leben

Einsam: Dieses Skelett bleibt fürs Erste alleine im Bio-Unterricht Bild: Patrick Junker

Der Aggregatzustand des öffentlichen und privaten Lebens hat sich wegen des Coronavirus binnen weniger Tage verändert. Es ist ein soziales Experiment, das es in solcher Radikalität noch nie gegeben hat.

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          Diese Situation ist so einmalig und ihr Eintreten so plötzlich, dass hierzulande niemand, der nach 1945 geboren wurde, etwas Vergleichbares erlebt hat: Der Aggregatzustand des gesamten öffentlichen und privaten Lebens hat sich binnen weniger Tage verändert – von flüssig bis gasförmig in fest. Es ist ein soziales Experiment, das es in solcher Radikalität noch nie gegeben hat.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Dass Politiker und Fachleute gezögert haben, dieses Wagnis einzugehen, wie an der schwankenden Haltung der Protagonisten in Wiesbaden und Frankfurt abzulesen war, ist nur zu verständlich. Auf unsicheren virologischen Erkenntnissen aufbauend, galt es abzuwägen zwischen gesundheitlichem Schutz von Risikogruppen und existenzgefährdenden Folgen eines Shutdown für Unternehmen.

          Bedeutung des Privaten wächst

          Nun haben sich die meisten Bundesländer für das Einfrieren des kulturellen, politischen und schulischen Lebens entschieden. Mehr noch, die Bundeskanzlerin hat den Bürgern auch eine private Eiszeit verordnet: Man möge auf Sozialkontakte, soweit möglich, verzichten.

          Das Problem ist allerdings, dass beides nicht zu haben ist: Wo die Gesellschaft und der Staat mehr oder weniger geschlossen werden, wächst die Bedeutung des Privaten automatisch. Wenn Vater und Mutter zum Nichtstun verdammt oder zur Heimarbeit verpflichtet sind und die Kinder aus den Schulen ausgeschlossen werden, während die Großeltern als Betreuer ausfallen, erlebt die bürgerliche Kleinfamilie eine ungewohnte Daseinsform, gewissermaßen die Vollversammlung als Dauerzustand.

          Wer das für ein Idyll hält, ist naiv. In der ungemütlichen Jahreszeit, während alle Zufluchtsorte unerreichbar oder geschlossen sind, werden die Nerven in vielen Familien nach kurzer Zeit blank liegen. An Weihnachten können nach drei Tagen alle wieder in ihren Alltag zurückkehren, die Dauer der Corona-Jahreszeit dürfte eher an Sommerferien erinnern.

          Aber bevor man nun erhöhte Scheidungsraten prognostiziert, sollten auch die Chancen gesehen werden, die in der Krise stecken, um eine abgedroschene Formel zu bemühen, die wie das neuartige Virus aus China kommt. Die weise Kanzlerin hat ja nicht davon gesprochen, dass alle Sozialkontakte gemieden werden sollen. In ihrer gemeinsamen Not werden sich Nachbarn hoffentlich gegenseitig bei der Kinderbetreuung, mit Einkäufen und anderen Erledigungen unterstützen. Wo Hilfsbereitschaft und Vertrauen wachsen, könnte das Fundament der Gesellschaft am Ende sogar gefestigt werden.

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