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Umgang mit Coronavirus : Frustrierte Hausärzte

Mngelware: Schutzmaske gegen Viren Bild: dpa

Die Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus treibt viele Patienten in die Praxen der Allgemeinmediziner. Diese klagen, weil es ihnen an Schutzausrüstung fehlt.

          3 Min.

          Michael Andor bringt eigentlich wenig aus der Ruhe. Seit 1984 betreibt der Siebenundsechzigjährige seine Hausarztpraxis in Groß-Gerau. Gerade aber verspürt er so etwas wie Stress. Denn auch viele seiner Patienten seien derzeit aufgeregter, als er sie normalerweise erlebe. Die Angst, sich womöglich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sorgt dafür, dass das Telefon in der Praxis nicht mehr stillsteht. Andor klärt auf, beruhigt, versucht im Gespräch herauszufinden, ob eine Infektion möglich ist. Er fühlt sich seinen Patienten verpflichtet, spricht oft lange mit ihnen. All das tut er, ohne zu murren. „Wer erkrankt ist, der braucht Hilfe. Den lehne ich nicht ab.“

          Bernhard Biener
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung
          Marie Lisa Kehler
          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Andor spürt die Verantwortung, die auf ihm und seinen Kollegen lastet. Um sie zu erfüllen, fehle es aber an dringend notwendigen Dingen. „Wir sollen mit den Mitteln der Individualmedizin plötzlich Seuchenmedizin betreiben“, bemängelt er. „Die Materialien, die das Robert-Koch-Institut uns vorschreibt, sind nicht lieferbar.“ Es fehle an Schutzanzügen, Brillen oder Atemmasken. In Rücksprache mit den Patienten und in begründeten Verdachtsfällen bietet er deshalb Hausbesuche an, um sich an Ort und Stelle ein Bild vom Gesundheitszustand des Patienten machen zu können und weitere Schritte abzuklären. „Es ist von einer Pandemie die Rede – aber Munition bekommen wir nicht dafür.“

          „Zentrale Ausgabestelle für das Material wäre gut“

          Mit der Rolle, die ihnen als Anlaufstelle für Verdachtsfälle zukommen soll, sehen sich andere Hausärzte ebenso überfordert. Über fehlende Schutzausrüstung klagt auch eine Bad Homburger Medizinerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Eine zentrale Ausgabestelle für das Material wäre gut.“ Noch besser fände sie es, wenn bei Menschen mit verdächtigen Symptomen auch an einer zentralen Stelle wie den Hochtaunuskliniken oder dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst Abstriche gemacht würden. Dort seien leichter Vorkehrungen zu treffen, um eine Infektion von weiteren Patienten oder des medizinischen Personals zu verhindern. Kämen die Betroffenen hingegen zu ihr und würde sich der Verdacht einer Infektion bestätigen, fürchtet sie eine Quarantäne für die Praxis. „Wir könnten unsere Patienten nicht mehr versorgen.“

          Nicht alle Beratungen ließen sich am Telefon erledigen, sagt die Hausärztin. Am Montag habe sie deshalb Krebspatienten, die durch die Viren besonders bedroht seien, Blut in der Garage abgenommen. Denn dort seien zuvor keine anderen Patienten gewesen. Jetzt hat sie die Praxis aufgeteilt: Wer mit Erkältungssymptomen kommt, muss mit Mundschutz vor der Eingangstür warten und wird anschließend in den sonst für chirurgische Eingriffe vorgesehenen Raum geführt. Ins Wartezimmer und die Behandlungsräume kommen dagegen diejenigen, die wegen einer Standarduntersuchung die Praxis aufgesucht haben.

          Auch bei zahlreichen verunsicherten Bürgern steigt die Frustration. Meldungen von Allgemeinmedizinern, die Patienten mit Erkältungssymptomen kategorisch ablehnten oder die einen Test auf Coronaviren verweigerten, machen die Runde. Außerdem beklagen viele, dass die Servicehotline des Hessischen Ministeriums für Soziales und Gesundheit sowie die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes überlastet seien, die Informationslage sei oft unklar.

          Die Pflichten der ambulanten Versorgung

          Aufgrund des erhöhten Beratungsbedarfs komme es derzeit zu längeren Wartezeiten, gibt ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung zu. Dass einzelne Hausärzte sich nicht korrekt verhielten, sei mit der Verunsicherung einiger Mediziner zu begründen, nicht aber zu entschuldigen. „Wir gehen auf jeden Fall an dieser Stelle auch noch einmal auf unsere Mitglieder zu und werden auf die Verpflichtungen in der ambulanten Versorgung hinweisen.“ Ärzte, die sich nicht in der Lage sehen, einen Test zu machen, etwa weil sie die notwendigen Hygienevorschriften nicht einhalten können, seien dazu verpflichtet, die Abnahme medizinisch sinnvoller Tests zu delegieren – beispielsweise an eines der zuständigen Gesundheitsämter, so der Sprecher weiter. Aus dem hessischen Gesundheitsministerium heißt es, dass der Engpass bei Schutzausrüstung bekannt sei. Das Bundesministerium für Gesundheit strebe deshalb eine gemeinsame nationale oder europäische Beschaffung an.

          Auch die Krankenhäuser reagieren mit Notfallplänen auf das Virus. So habe man auf der Onkologie des Frankfurter Nordwestkrankenhauses „Maßnahmenpakete für sämtliche erwartete Entwicklungen“ durchgespielt, bestätigt Chefärztin Elke Jäger. Um Krebspatienten vor einer Infektion zu schützen, würden derzeit Patienten, die sich in Risikogebieten aufgehalten hätten, für vier Wochen nicht in der Klinik empfangen. Soweit es ihr Gesundheitszustand zulasse, werde versucht, die Chemotherapie zu verschieben. Handele es sich um eine schnell wachsende Tumorerkrankung, müsse die Behandlung der Patienten unter speziellen Sicherheitsbedingungen stattfinden, um andere nicht zu gefährden. Die Verunsicherung der Bürger macht sich laut Jäger auch in der sinkenden Blutspendebereitschaft bemerkbar. Weil der Vorrat schwinde, seien die Ärzte angehalten, „besonders vorsichtig mit der Verordnung von Blutkonserven zu sein. Wir sparen, wo es geht.“

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