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Berufsverkehr und Corona-Krise : Wann wird’s mal wieder endlich Stau?

Sicherheitsabstand: Berufsverkehr auf der Friedberger Landstraße in Frankfurt Bild: dpa

Fast Stoßstange an Stoßstange robben sich Autos und Lastwagen vorwärts, schon 40 Kilometer vor Frankfurt geht es nur langsam voran. So kennen Autopendler den Montagmorgen an sich. Jetzt ist alles anders.

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          Wir wissen nicht, ob Roland Koch an diesem Morgen am Eschborner Dreieck auf die Autobahn geschaut hat. Wenn doch, wie mag er geguckt haben, der ehemalige hessische Ministerpräsident? Ungläubig? Erstaunt? Dafür spricht so einiges. Vielleicht hat er sich aber auch an ein von ihm gestecktes, aber nie erreichtes politisches Ziel erinnert. Was seine Regierung trotz aller Innovationen im Autobahnverkehr in Hessen nicht vermochte, besorgt jetzt die Corona-Krise: das staufreie Hessen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zur Erinnerung: 2005 verkündete Roland in einer Rede, in zehn Jahren solle Hessen staufrei sein. Ein traumhaftes Ansinnen für jeden Berufspendler. Einfach mal so etwa von Oberhessen, Wiesbaden oder Hanau aus hindernisfrei gen Frankfurt fahren. Ohne Unfälle aus Unaufmerksamkeit, ohne die dadurch entstandenen Staus, ohne lästigen Zeitverlust, der so ungesund für den Blutdruck ist, ohne Lückenhüpfer, die einem die Haare zu bergen stehen lassen wegen ihrer waghalsigen Fahrmanöver. Frankfurt erreichen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von, sagen wir: 95 Kilometer in der Stunde statt mit 46, wie es an so vielen Montagen üblich ist.

          Ein traumhaftes Ziel

          Doch in diesen besonderen Tagen ist nichts üblich: Das von Koch ausgerufene traumhafte Ziel ist erreicht. Wer Staumelder prüft, sieht: keine Staus auf den sonst vielbefahrenen bis verstopften Autobahnen rund um Frankfurt. Höchstens einen mit einem Defekt liegengebliebenen Lastwagen auf der A4 oder so. Denn von vielbefahren Straßen kann keine Rede mehr sein. Ein Blick auf die Webcams der Verkehrszentrale in Hessen genügt.

          Zeitgeschichte: Autofreier Sonntag während der Ölkrise 1973, hier ein Bild aus Recklinghausen, Kohlezechen inklusive

          Ob am Gambacher Kreuz oder am Eschborner Dreieck in der Nähe von Kochs Heimat, ob nahe Friedberg oder am Langenselbolder Dreieck: Dieser Montagmorgen sieht fast aus wie ein autofreier Sonntag zur Ölkrise. Von wegen Stoßstange an Stoßstange. Wer den in der Fahrschule gelernten Sicherheitsabstand einhalten will, kann das tun, ohne gleich wie sonst das Gefühl zu haben, er müsse sein Auto praktisch auf den Abstand abstellen, um seinem Vorsatz gerechnet zu werden. Gemeinhin stößt nämlich irgendein ein Eiliger in die „Lücke“.

          Das Virus, nicht der Spritpreis

          Autofrei, die Grauhaarigen unter uns erinnern sich noch. Das waren die Tage im Jahr 1973 aus Anlass des von Ägypten, Syrien und anderen arabischen Staaten gegen Israel geführten Jom-Kippur-Kriegs, in denen der Ölpreis in ungekannte Höhen geschossen war. Dafür hatten die ölexportierenden arabischen Staaten gesorgt, indem sie die Förderung drosselten. Sie wollten die von ihrem Öl abhängigen westlichen Länder unter Druck setzen, weil sie Israel unterstützten. Die autofreien Sonntage im Spätherbst 1973 sollten mithelfen, Ölknappheit zu vermeiden.

          In diesen Tagen der Coronakrise halten aber keine hohen Spritpreise die Autofahrer ab. Benzin wird immer billiger nach dem Absturz der Rohölpreise. Vielmehr wirkt der Produktionsstopp in so mancher Fabrik und vor allem die Anweisung vieler Firmen an ihre Mitarbeiter, von zu Hause zu arbeiten. Vor einer Woche sah es noch ganz anders aus auf den Autobahnen rund um Frankfurt. Da mussten die Verkehrssteuerer in Hessen die Standstreifen für den Berufsverkehr freigeben. Es gab noch Unfälle wegen Unachtsamkeit in hohem Verkehrsaufkommen. „Es ist zwar weniger los als sonst, aber schon belebt auf den Autobahnen“, berichtete ein Sprecher der Verkehrszentrale der F.A.Z. am vergangenen Montag. Ein Bericht wie aus der Zeit gefallen.

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