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„Produktion gefährdet“ : Wie ein Pharma-Mittelständler um Schutzmasken kämpft

Fingerzeig: Aufwärts geht es für Kai Schleenhain und seinen Bruder Holger (links) mit dem Risiko, keine notwendige Schutzausrüstung mehr zu bekommen. Bild: Cornelia Sick

Schutzbrillen, Gesichtsmasken wie in der Klinik, Overalls: Ohne diese Ausrüstung kann der Pharma-Mittelständler Hennig in Flörsheim nicht produzieren. Doch nun schwindet der Bestand. Dem Chef schwant Böses.

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          Blickt Kai Schleenhain in diesen Tagen in sein Lager für Schutzbekleidung, trübt sich die Laune des Geschäftsführers von Hennig Arzneimittel in Flörsheim ein. Dort schwinden die Bestände an Gesichtsmasken, wie sie auch in Klinken und Arztpraxen verbreitet sind. Auch Schutzbrillen und Overalls werden täglich weniger. Das ist schlecht. Denn die Beschäftigten in der Produktion des Familienunternehmens, das Kai Schleenhain mit seinem Bruder Holger führt, benötigen diese Dinge für die tägliche Arbeit.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Henning produziert nach GMP-Standard. Das Kürzel steht für Good Manufacturing Practice und schreibt eben unter anderem die genannte Ausrüstung vor. In normalen Zeiten bestellen die Schleenhains einfach neue Brillen, Masken und Überzieher, wenn es notwendig ist. Aber die Zeiten sind in der Corona-Krise eben nicht normal. So zeigt sich nicht nur die Lieferketten von Autobauern gestört, es warten nicht nur Arzneimittelhersteller vergebens auf plötzlich knappe Wirkstoffe aus Asien – auch herkömmliche Massenware von medizintechnischen Herstellern sind nicht mehr einfach so zu bekommen, wie Schleenhain berichtet.

          „Produktion sonst gefährdet“

          Als die Geschäftsleitung merkte, dass sie die gewünschten Brillen und Masken zwar ordern kann, aber nicht mehr bekommt, hat sie umgesteuert. Unternehmer gelten ja als erfinderisch in der Not, und so hat Hennig Arzneimittel sich auf Helme mit Gebläse dazu verlegt. Diese Teile schützen auch das Gesicht, das Gebläse versorgt sie mit Luft. Soweit die Theorie.

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          Der Haken: „Nun sind die Helme da, aber die Gebläse nicht. Und ohne Gebläse können wir die Helme nicht nutzen.“ Nebenbei sehen sich die Schleenhains rund 11.000 Euro Kosten gegenüber, für die sie aber keinen nutzbaren Gegenwert erhalten haben.

          120 der 340 Beschäftigte des Mittelständlers arbeiten in der Produktionskette der Firma, wie Kai Schleenhain erläutert. „Für sie haben wir noch Brillen, Masken und Overalls für etwa sechs Wochen. Bekommen wir keinen Ersatz, dann können wir nicht mehr produzieren“, sagt er. Den genauen Bedarf beziffert er auf 100 Schutzbrillen, 1500 Überzieher, verteilt auf drei Größen, sowie 2000 sogenannte FFP3-Masken und 4000 Stück Mundschutz. „Die benötigen wir dringend.“

          Dass Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) am Frankfurter Flughafen zwei Millionen Gesichtsmasken in Empfang genommen habe und an medizinische Einrichtungen verteilen wolle, sei ja schön, meint Schleenhain. Aber auch Unternehmen wie seines benötigten solches Material, bekämen es auf dem freien Markt aber nicht.

          Zulieferer von Großkonzernen

          Könnte Hennig nicht mehr produzieren, wäre nicht nur das eigene Produktportfolio mit Mitteln gegen Schwindel, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und neurologische Krankheiten betroffen. Die Flörsheimer stellen auch verschreibungspflichtige Medikamente im Auftrag von Großkonzernen wie Stada aus Bad Vilbel, Hexal und Ratiopharm her, um nur einige zu nennen. Fielen die Zulieferungen aus Flörsheim aus, müssten sich die Kunden kurzfristig um Ersatz bemühen.

          Dessen ungeachtet spürt Hennig auch die Knappheit von Wirkstoffen aus Asien. Sieben von 40 verarbeiteten Wirkstoffen beziehe Hennig – wie andere europäische Arzneimittelhersteller auch – aus Indien. Der indische Staat hat aber für etwa zwei Dutzend Wirkstoffe den Export untersagt, trotz laufender Verträge. Die Bestände reichten zwar noch für einige Zeit. Was aber komme dann?

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