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Psychologe über Corona-Krise : „Menschen passen sich rasch an“

Der Sozialpsychologe Rolf van Dick im Treppenhaus des PEG-Gebäudes der Goethe-Universität in Frankfurt. Bild: Frank Röth

Die Corona-Krise ist auch ein großes soziales Experiment. Psychologe Rolf van Dick spricht über Balkonsingen, Händewaschen und den Nutzen chinesischer Methoden.

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          Überall gibt es Solidaritätsaktionen aus Anlass der Corona-Krise. Macht uns das Virus zu besseren Menschen?

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Derzeit ist ja viel von „Social Distancing“ die Rede, dabei geht es nur darum, physisch Distanz zu halten. Soziale Nähe dagegen ist in Krisenzeiten wichtiger den je. Meine Forschungen und die von Kollegen haben in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass es uns hilft, Krisen zu bewältigen und gesund zu bleiben, wenn wir uns in Gruppen zusammenschließen. Wir nennen das „social cure“.

          Wer vor der Pandemie in die Medien schaute, konnte manchmal des Eindruck gewinnen, die Republik stehe moralisch am Abgrund. Jetzt singen die Leute gemeinsam auf Balkonen und feiern Verkäuferinnen und Krankenpfleger als Helden. Ist das für einen Sozialpsychologen überraschend oder folgerichtig?

          Auf der einen Seite ist es folgerichtig, dass wir uns in einer solchen Krise bewusst mit Dingen beschäftigen, die sonst im Alltag untergehen – etwa dem Einkaufen. Überraschend ist für mich, wie ruhig die Menschen bisher mit der Situation umgehen. Als ich am Wochenende einkaufen war, habe ich gestaunt, wie sorgfältig die Leute in der Schlange Abstand halten. Und vor dem Supermarkt haben Kunden ohne Aufforderung gewartet, bis es drinnen wieder etwas leerer war.

          Gibt es Studien, die belegen, dass sich die Mehrheit in solchen Krisen diszipliniert verhält?

          Solche Untersuchungen gibt es noch nicht; wir bereiten aber gerade eine Erhebung vor.

          Es heißt, dass außergewöhnliche Situationen das Beste ebenso wie das Schlechteste im Menschen zum Vorschein bringen. Sehen Sie das auch so?

          Ja. Menschen haben im Lauf der Evolution gelernt, dass sie nur überleben können, wenn sie sich zu Gruppen zusammenschließen. Das steckt tief in unseren Genen. Jeder von uns hat ein starkes Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören – das zeigt sich in Krisen noch deutlicher. Auf der anderen Seite richtet sich in einer solchen Situation der Fokus auch stärker auf die persönlichen Bedürfnisse, und dann tritt Egoismus zutage. Beide Tendenzen schließen einander nicht aus: Ich kann durchaus solidarisch handeln und mich fünf Minuten später als Egoist erweisen und einen Hamsterkauf tätigen.

          Auch während der Flüchtlingskrise 2015 haben die Deutschen viel Mitmenschlichkeit gezeigt. Dann kam die Kölner Silvesternacht, und die Stimmung kippte. Was könnte in der Corona-Pandemie ein solcher Wendepunkt sein?

          Die Stimmung könnte sich ändern, wenn es zu Versorgungsengpässen kommt oder zu vielen Toten infolge der Infektionen. Ich kann mir nicht vorstellen, was in Deutschland und Hessen passieren würde, wenn wir eine ähnlich hohe Todesrate bekämen wie in Italien. Wie schon 2015 und 2016 könnte dann entscheidend sein, wie in den Medien berichtet wird – sowohl in Zeitungen und Fernsehen als auch in den Sozialen Netzwerken. Die Kölner Silvesternacht hat vor allem auch deswegen zu einem so schnellen Stimmungsumschwung geführt, weil man tagelang auf allen Kanälen nichts anderes gesehen und gelesen hat. Wenn es hier durch das Coronavirus viele Tote gibt, werden sich die Leute einerseits noch strenger an die Schutzvorschriften halten. Andererseits könnte es zu Panikkäufen kommen und auch zu vermehrter häuslicher Gewalt, weil die Menschen auf engem Raum miteinander auskommen müssen, während sie gleichzeitig Angst um ihre Gesundheit oder ihren Job haben.

          In der Öffentlichkeit dürfen sich vorerst keine Gruppen mehr versammeln. Unabhängig vom epidemiologischen Nutzen: Wie groß ist der sozialpsychologische Kollateralschaden?

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