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Psychologe über Corona-Krise : „Menschen passen sich rasch an“

Wenn ich nur noch mit Familienmitgliedern vor die Tür gehen darf, ist das natürlich sehr einschneidend. Aber ich habe ja die Möglichkeit, etwa über Skype und Whatsapp mit denen in Kontakt zu bleiben, die mir wichtig sind. Vor 15, 20 Jahren ging das noch nicht in diesem Umfang.

Für die jetzige Situation gibt es im Nachkriegsdeutschland keine Erfahrungswerte. Kennen Sie Studien aus anderen Ländern, die zeigen, wie Gemeinschaften mit solchen Krisen zurechtkommen?

Untersuchungen kenne ich nicht. Aber Kollegen aus China, die nun schon seit Monaten unter der Epidemie leiden, berichten mir, dass das Leben dort weitergeht. Man ist erst einmal geschockt, hält sich dann aber sehr schnell an die Regeln und gewöhnt sich daran. Man sollte nicht unterschätzen, wie rasch sich Menschen an neue Situationen anpassen. Wenn wir uns außerhalb der Arbeit nur noch zu zweit draußen aufhalten dürfen, werden wir nach zwei Wochen nicht mehr stündlich darüber nachdenken, dass wir eigentlich lieber zu viert unterwegs wären.

Was wird geschehen, wenn die Ausgangsbeschränkungen wegfallen, aber Großereignisse wie Konzerte und Fußballspiele verboten bleiben?

Ich sehe fast täglich Berichte darüber, wie innovativ Musikerinnen, Clubs und Bands, Theater und Opernhäuser mit der Krise umgehen, indem sie die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen. Hier sind wir erst ganz am Anfang. Die Krise könnte dazu führen, dass wir Kultur künftig auf andere Arten genießen. Beim Fußball wird das nicht möglich sein. Viele Menschen werden die Spiele bitter vermissen, und die finanziellen Folgen für die Klubs sind natürlich dramatisch.

Wenn das Virus eingedämmt ist, wird uns die Rechnung für den wochenlangen wirtschaftlichen Stillstand präsentiert werden. Fürchten Sie, dass daraus Verwerfungen entstehen, die die Gesellschaft zerreißen?

Seriös kann man darüber erst sprechen, wenn wir in einigen Wochen oder Monaten wissen, wie groß die wirtschaftlichen Folgen tatsächlich sind. Aber was ich über die Kultur sagte, gilt auch für andere Bereiche: Wir können aus der Krise lernen. Vielleicht wird es nochmals einen Schub in der Digitalisierung geben. Das könnte in einigen Monaten auch wirtschaftliche Chancen eröffnen.

Die Coronakrise hat unser Sozialverhalten stark verändert: Händeschütteln ist tabu, Händewaschen Bürgerpflicht, Mundschutztragen keine Schrulle mehr. Was davon wird bleiben, wenn der Ausnahmezustand vorbei ist?

Manches wird sicher schnell wieder vergessen werden, zum Beispiel das Abstandhalten in der Schlange. Anderes wird eher in Fleisch und Blut übergehen, etwa das Händewaschen, auch weil wir inzwischen mit Aushängen auf jeder Toilette daran erinnert werden.

Westliche Staaten haben in den vergangenen Tagen bürgerliche Freiheiten in beispielloser Weise eingeschränkt – so wie man es bis dahin nur aus Asien kannte. Falls es gelingt, das Virus dadurch einzudämmen: Wird dann in künftigen Krisen öfter nach chinesischen Methoden verlangt werden?

„Chinesische Methoden“ klingt sehr negativ. Man sieht in der Coronakrise, dass autoritäre Systeme manchmal auch zu etwas Positivem führen können. Allerdings sollten wir in der demokratischen, westlichen Welt eher darauf setzen, dass Menschen sich von alleine vernünftig verhalten. In den ersten Tagen der Krise hat das bei uns nicht funktioniert, und dann wissen es die Menschen zu schätzen, wenn Politiker klar sagen, was erlaubt ist und was nicht. Vielleicht hätten wir das in Deutschland schon eine Woche früher gebraucht, um die Zahl der Ansteckungen niedriger zu halten.

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