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Wegen Corona : Unternehmen verschieben Investitionen in neue Technologien

Im Frankfurter Laufshop wird der Laufstil mit einer digitalen Druckmessplatte gemessen und dann analysiert Bild: Frank Röth

Wegen der Pandemie sind viele Betriebe gezwungen, aufwändige Investitionen in Zukunftstechnologien zu verschieben. Andere Betriebe nutzen Corona, um digitaler zu werden.

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          Hinter der Maske lässt Jost Wiebelhaus ein stolzes Grinsen erkennen. Dann öffnet er die Tür zu seinem Frankfurter Laufshop und breitet einladend die Arme aus. Natürlich waren auch für ihn als Einzelhändler die vergangenen Monate ein ständiges Auf und Ab zwischen Öffnen und Schließen in der Pandemie, eine Mischung aus Hoffen und Bangen. Doch Wiebelhaus hat all das nicht nur einfach über sich und seinen Laufladen nahe der Konstablerwache ergehen lassen, sondern hat sein Heil in der Modernisierung gesucht.

          Daniel Schleidt
          Stellvertretender Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          So berieten seine Verkäufer die Kunden im während der Corona-Krise boomenden Läufermarkt virtuell und via Chat, und wenn es möglich war, bot der Laden seinen Kunden an, online Termine zur persönlichen Beratung zu vereinbaren. Zudem nahm Wiebelhaus Geld in die Hand, um in ein neues, digitales System zur Analyse des individuellen Laufstils zu investieren. „Das alles hat uns geholfen, die Krise zu überstehen“, sagte Wiebelhaus bei der Premiere der Veranstaltungsreihe #godigital, die von der F.A.Z. gemeinsam mit der Plattform für Innovation in Deutschland und dem Fraunhofer-Institut für internationales Management und Wissensökonomie (IMW) initiiert wurde.

          Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, ob die Pandemie in den Unternehmen für einen Digitalisierungsschub gesorgt hat. Die eigens für die digitale Diskussionsreihe organisierte Studie dazu hat laut Fraunhofer-Professor Thorsten Posselt ergeben, dass zwar 92 Prozent der Befragten digitale Technologien geholfen haben, die Pandemie zu bewältigen – aber nur 52 Prozent haben dafür gleich auf digitale Geschäftsmodelle gesetzt.

          Posselt sieht darin eine Gefahr. Zwar seien kurzfristige Investitionen in neue Technologien in der Lage, Unternehmen zu stabilisieren, sei es mithilfe von Videokonferenzen oder digitalisierten Geschäftsprozessen. Ein Geschäftsmodell hingegen lasse sich auf diese Weise nicht weiterentwickeln, so Posselt. „Die corona-bedingten Digitalisierungsmaßnahmen sind vor allem Ad-hoc-Innovationen mit geringem Entwicklungsaufwand“, berichtet der Wissenschaftler, der das Fraunhofer IMW in Leipzig leitet.

          Investitionen in KI wegen Corona verschoben

          Demgegenüber seien aber viele Unternehmen seit dem Ausbruch der Pandemie dazu gezwungen worden, aufwendigere Investitionen in Zukunftstechnologien zu verschieben, zum Beispiel auf Themenfeldern wie Künstlicher Intelligenz und Robotik. Das bestätigt auch der Branchenverband Bitkom, wonach jedes dritte Unternehmen krisenbedingt Investitionen in Digitalprojekte zurückfahren musste.

          Das könnte an den Hindernissen liegen, die sich Betrieben bei der Entwicklung neuer Technologien hartnäckig in den Weg stellen, glaubt Posselt. „In den wenigsten Unternehmen gibt es eine Kultur des dauerhaften Fortschritts.“ Zudem sei bei Wagniskapitalgebern und anderen Investoren in Europa die Erwartung von schneller Profitabilität weit verbreitet – statt zunächst das Wachstum in den Vordergrund zu stellen. „Wir haben in Deutschland und Europa das Potential digitaler Technologien spät erkannt.“

          Fehlerkultur nicht genügend ausgeprägt

          Diese Erfahrung teilt auch F.A.Z.-Herausgeber Carsten Knop, der darauf hinwies, dass in vielen Unternehmen in Deutschland die Fehlerkultur nicht genügend ausgeprägt sei und Bedenkenträger häufig Ideengebern im Weg stünden. In verantwortlichen Positionen müsse die Bereitschaft stärker werden, die Fackel der Veränderung in Unternehmen hineinzutragen und häufiger bei Innovationsvorhaben ins Risiko zu gehen.

          Wie schnell sich Unternehmen manchmal wandeln müssen, hat sich gerade in der Pandemie gezeigt. So musste etwa der Aschaffenburger Paketdienstleister DPD innerhalb weniger Tage zunächst erkennen, dass das Geschäft mit Geschäftskunden zurückgeht, jenes mit Privatkunden aber rasant ansteigt, wie Michael Knaupe, der bei DPD für Geschäftsentwicklung und Nutzererfahrung verantwortlich ist, berichtete. Zuvor bereits eingeführte digitale Technologien hätten dem Unternehmen geholfen, diesen Wandel zu gestalten und das Mehraufkommen von Paketen zu bewältigen, das in Deutschland im vergangenen Jahr bei 13 Prozent lag.

          Grundlagenforschung besser in Unternehmen nutzen

          Das Unternehmen will sich im Wettbewerb der Paketdienstleister als Innovationsführer etablieren und setzt dabei auf Technik, indem zum Beispiel Kunden ihre Pakete kurzfristig umleiten können. Um solche Innovationen zu verwirklichen, brauche es aber stets eine Veränderungsbereitschaft, die vom Management vorgelebt werden und von den Mitarbeitern getragen werden müsse.

          Dass dies in anderen Ländern bisweilen besser gelingt als in Deutschland, darauf wiesen Knop wie auch Posselt hin. Es gebe in der Grundlagenforschung häufig ein viel größeres Wissen, als es in der Praxis tatsächlich zur Anwendung komme, so Posselt. Hier müsse die Vernetzung besser werden. Zudem habe die Krise gezeigt, dass es nicht immer um große, disruptiv genannte Veränderungen gehen müsse, sondern dass vor allem Plattformtechnologien derzeit erfolgreich seien, weil sie bestehende Märkte einfacher und besser bespielten als dort etablierte Konkurrenz. Als Beispiele nannte Posselt neben den großen amerikanischen Plattformkonzernen wie Google und Amazon die Gebrauchtwagenplattform Auto1 und Flixbus aus Deutschland.

          Auch bei Einzelhändler Jost Wiebelhaus waren es kleine Veränderungen, die ihn gut durch die Krise gebracht haben. Viele dieser digitalen Innovationen würden auch Bestand haben, sagte er. Aber auch nicht alles. Die persönliche Beratung im Laden statt per Chat sei am Ende doch „durch nichts zu ersetzen“.

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